Nottinghams Rekordfan Stuart Astill im Interview

»I love my football!«

Seit über 35 Jahren hat Stuart Astill kein Ligaspiel von Nottingham Forest verpasst. Ob Heimspiel oder Auswärtsfahrt, Europapokal oder dritte Liga, der heute 63-Jährige war immer dabei. Ein Gespräch über Leidenschaft. Nottinghams Rekordfan Stuart Astill im InterviewNottingham Evening Post

Stuart Astill, Ende Januar wurden Sie von Nottingham Forest für ein unglaubliches Jubiläum geehrt.

Seit dem 29. September 1973 habe ich 1500 Ligaspiele von Nottingham in Folge gesehen. Die ganzen Pokalspiele habe ich gar nicht gezählt, aber im FA-Cup habe ich seit 1965 kein Spiel mehr verpasst, im Liga-Pokal seit 1966. Als wir Ende der 70er unter Brian Clough im Europapokal spielten, war ich auch immer dabei, wenn man das Weltpokal-Finale in Tokio mal außen vor lässt. Das konnte ich mir nicht leisten.

[ad]

Wann haben Sie denn angefangen, die Spiele zu zählen?

Ich habe von Anfang an Protokoll geführt und eine Akte für jedes Spiel angelegt, das ich gesehen habe, egal ob es Forest oder eine andere Mannschaft war.

Soll das heißen, dass Sie sich auch noch Spiele anderer Mannschaften ansehen?

Ja. Ich liebe Fußball. Von zwei oder drei Klubs abgesehen, die neue Stadien gebaut haben, kenne ich die Spielstätten aller 92 Profivereine in England. Und die fehlenden schaue ich mir auch noch an.

Dann sind Sie also außerdem noch ein Groundhopper?

Ja, das kann man wahrscheinlich so sagen. Ich sehe mir auch einen Haufen Amateurspiele an.

Darf man fragen, ob Sie verheiratet sind?

(lacht) Nein, bin ich nicht. Aber ich habe eine Lebensgefährtin, Shirley, die mich ab und zu begleitet. Sie ist zwar nicht ganz so fanatisch wie ich, kommt aber gerne mit.

Wann haben Sie Ihr erstes Spiel gesehen?

Das erste Nottingham Forest-Spiel im November 1956, da war ich elf Jahre alt.

Gingen Sie mit Ihrem Vater hin?

Nein, nein. O nein! Mein Vater war ein großer Fan von Derby County, dem Erz-Rivalen von Nottingham. Er hatte bis zu seinem Tod 1989 eine Dauerkarte für den »Baseball Ground«, das alte Stadion von Derby. Wir lebten ziemlich genau zwischen Nottingham und Derby.

Aber Sie hatten nie Sympathien für Derby?

Ich habe schon Spiele von ihnen gesehen. Wenn mein Vater nicht hinkonnte, habe ich seine Dauerkarte genommen. Wie ich bereits sagte: Ich liebe Fußball. Auch wenn Nottingham sich irgendwie bei mir durchsetzte.

Wie kam es denn dazu?

Derby County spielte damals in der dritten Liga, Nottingham in der zweiten um den Aufstieg. Alle meine Freunde aus der Schule gingen damals zu Nottingham Forest, weil dort der erfolgreichere Fußball gespielt wurde. Einer der Väter, ein Arbeitskollege meines Vaters, nahm manchmal bis zu sechs Kinder mit zu den Spielen und so sagten sie zu mir: »Warum kommt du nicht auch noch mit?«

Und was sagte Ihr Vater dazu?

Der meinte nur: »Das ist deine Sache. Aber glaub nicht, dass ich dich begleite. Ich werde keinen Fuß auf die Straße setzen, um Nottingham zu sehen.« (lacht)

Ab wann besuchten Sie alle Spiele?

Zunächst ging ich nur gelegentlich zu den Heimspielen, das steigerte sich dann mit den Jahren, und als ich 1960 die Schule verließ fuhr ich auch zu Auswärtsspielen. Ich habe als Mechaniker in einer Lokomotiven-Fabrik in Derby gearbeitet. Als Bahn-Mitarbeiter bekam ich einen Freifahrtschein, die Reisen kosteten mich deswegen nichts. So kam es, dass ich seit 1969 nur insgesamt drei Spiele von Nottingham verpasst habe.

Und in all den Jahren waren Sie nie krank?

Doch, aber das hat mich nie abgehalten. Bis auf einmal: Im Dezember 1969 hatte ich eine Leistenoperation. Am Freitag kam ich aus dem Krankenhaus, aber die Fäden waren noch drin und ich konnte deswegen nicht reisen. Stattdessen habe ich mich von einem Freund quasi direkt auf die Tribüne fahren lassen und mir das Heimspiel der Reserve angesehen.

Was hat Sie bei den anderen Partien abgehalten?

Beide Male die Hochzeit von Freunden. Ich war bei beiden der Platzanweiser in der Kirche – »Braut oder Bräutigam?«, so stand ich an der Tür und verpasste die Spiele. 1972 gegen Sheffield und am 22.September 1973 gegen Preston. Eine Woche später, am 29. September 1973 begann gegen die Bolton Wanderers meine Serie.

Darf man fragen, ob Sie mit den Hochzeitspaaren noch befreundet sind?

(lacht) Oh ja, allerdings. Mit dem Paar von 1973 waren Shirley und ich erst gestern etwas trinken, wir sind immer noch befreundet. Die Braut aus dem Jahr zuvor lässt ohnehin nichts auf mich kommen, weil ich zu ihrer Hochzeit gekommen bin. Sie sagt immer: »Das werde ich dir nie vergessen!« 

Und sonst konnten Sie immer? Gab es denn nie Probleme in der Arbeit?

Der Fußball stand immer an erster Stelle. Einmal dachte ich aber: jetzt gibt es Ärger. Ich war schon mittags gegangen, um es noch zu einem kurzfristig angesetzten Wiederholungsspiel in Fulham zu schaffen. Damals gab es im FA-Cup noch kein Elfmeterschießen und wir hatten eine ganze Serie an Wiederholungsspielen, die alle unentschieden ausgingen. Am nächsten Morgen wurde ich zum Chef gerufen.

Und was sagte er?

Er sagte: »Stuart, die meisten hier sind Eisenbahner, die in Ihrer Freizeit Fußballfans sind. Du bist ein Fußballfan, der in seiner Freizeit bei der Bahn arbeitet. Aber ich bin mit dir zufrieden und die anderen bewundern dich dafür. Also mach weiter so!« Das werde ich nie vergessen. Ich war selber total überrascht.

2002 war Ihre Serie in Gefahr. Der FC Millwall ließ zum Spiel gegen Nottingham aus Sicherheitsgründen keine Fans der gegnerischen Mannschaft zu.

Millwall war noch nie ein besonders guter Ort für Auswärtsfans, das war schon vor dem Krieg so und hat sich bis heute gehalten. Insgesamt hat sich das Hooligan-Problem ja seit seinem Höhepunkt in den Siebzigern stark verbessert, in Millwall allerdings nicht. Dort musste man wirklich gut auf sich aufpassen und etwa darauf achten, sich nicht durch seinen Akzent zu erkennen zu geben. Millwalls Präsident Theo Paphitis wollte das Problem lösen, indem er die Fans von sechs Klubs aussperrte, darunter Nottingham. Ich wollte das Spiel aber natürlich unbedingt sehen.

Was haben Sie unternommen?

Ich war damals schon recht gut mit Michelle Wilson bekannt, die für die Nottingham Evening Post über Forest berichtete. Wenn Sie Informationen über Forest braucht, ruft sie meist mich an, und ich schlage dann in meinen Unterlagen nach. Deswegen lud die Post mich ein, mit Michelle nach Millwall zu fahren und die Statistiken zu machen. Ich bekam einen Presseausweis, doch leider machte die Redaktion dann einen Fehler.

Und zwar?

Sie brachten schon vorab einen Bericht darüber, dass sie mich zu dem Spiel bringen würden. So bekam man in Millwall Wind von der Sache und entzog der Nottingham Evening Post die Akkreditierungen. Michelle durfte auch nicht hin.

Mit welcher Begründung?

Gar keiner. Aber in einem Interview erzählte der Millwall-Präsident, wenn sie mich zugelassen hätten, hätte ich für Ausschreitungen sorgen können. Ich war damals 57 Jahre alt.

Wie erlebten Sie die Partie letztendlich?

Nottingham Forest stellte am Ende einen riesigen Bildschirm im Mittelkreis auf und zeigte das Spiel im »City Ground«, es kamen 6000 oder 7000 Zuschauer. Dazu luden sie mich ein und sagten: »Zähl das Spiel, du hast alles versucht, und es war nicht deine Schuld«. Das habe ich gemacht.

Hatten Sie ähnliche Erlebnisse auch anderswo?

In den achtziger Jahren war es bei Luton Town schon einmal ähnlich. Auch dort sollten nach Ausschreitungen – wieder von Millwall – keine Auswärtsfans mehr zugelassen werden. Deswegen haben sie für drei Jahre nur noch Karten an Vereinsmitglieder verkauft. Aber die ließen wenigstens mit sich reden. Vor der Saison bin ich dort hingefahren, habe mich in der Geschäftsstelle vorgestellt und meine Situation erklärt.

Mit Erfolg?

Ich sagte: »Ich bin ganz ehrlich zu Euch. Wenn die einzige Möglichkeit, die Nottingham-Spiele bei Euch zu sehen, darin besteht, Vereinsmitglied zu werden, dann würde ich das jetzt gerne tun.« Der Mitarbeiter dort war zwar etwas irritiert, aber schließlich stimmte er zu. So wurde ich für die nächsten drei Jahre Mitglied von Luton Town. (lacht)

Sie haben unglaublich viel erlebt mit Nottingham: Aufstiege, Abstiege, Titelerfolge in der Liga und im FA-Cup und vor allem die beiden Erfolge im Europapokal der Landesmeister 1979 und 1980. Welches war der schönste Moment?

Als wir 1979 in München gegen Malmö gewannen (1:0 im Europacup-Finale, Anm. d. Red.) hatte ich zum einzigen Mal in all der Zeit Tränen in den Augen. Noch schöner war aber vielleicht der Gewinn des Supercups in derselben Saison im ausverkauften Camp Nou gegen Barcelona (den Gewinner des Europapokals der Pokalsieger, Anm. d. Red.). Für uns war es einfach unglaublich, dass wir da mitspielen durften, Europacup kannten wir doch vorher nur aus dem Fernsehen. Da fällt mir ein, dass ich das zweite Supercup-Finale ein Jahr später verpasst habe.

Wieso das denn?

Der geplante Charterflug nach Valencia kam nicht zustande, und die einzige andere Möglichkeit wäre gewesen, Urlaub zu machen und gleich eine ganze Woche in Spanien zu bleiben. Aber dadurch hätte ich zwei Ligaspiele verpasst. Und das war es mir nicht wert.

Was war die schlechteste Erfahrung?

Der Abstieg in die dritte Liga 2005. Da sind wir in Stadien gelandet, meine Güte... Die waren oft zum ersten Mal wirklich voll, weil trotzdem noch so viele Nottingham-Fans zu Auswärtsspielen fuhren.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Die Rückkehr in die Premier League, obwohl ich es mir bei den Preisen dort dann wohl nicht mehr leisten könnte, jedes Spiel zu besuchen. Aber ich glaube ohnehin nicht, dass ich das noch erleben werde, dafür sind wir ein zu kleiner Verein und für die wird es in der Premier League immer schwerer. Ich meine, unser Präsident ist zwar auch kein armer Mann, aber Chelsea oder Manchester City spielen noch mal in einer ganz anderen Liga.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!