Niedergang der Spitznamen

Ente, verzweifelt gesucht

»Eia«, »Bulle«, »Amigo«, »Atom-Otto«, »Schädel-Harry« und »Eisen-Dieter« – schön waren sie, die Kampf- und Spitznamen der alten Recken. Doch ihr Verschwinden war leider nicht zu verhindern. Eine letzte Lobpreisung. Niedergang der Spitznamen

»Ich heiße Claus-Dieter Wollitz, aber ihr könnt Pelé zu mir sagen.«
(Jungprofi Wollitz bei seinem Dienstantritt auf Schalke, 1987)

»Du läufst ja wie ein Pillehuhn«, frotzelte der Trainer über den jungen Fußballer Horst Gecks. Und schon hatte er seinen Namen fürs Leben: »Pille« Gecks. »Hammer« Juskowiak, »Boss« Rahn, »Eia« Krämer, »Ente« Lippens, »Bulle« Roth, »Amigo« Elfert, »Bomber« Müller – wo sind sie geblieben? Kein »Atom-Otto« (Luttrop), kein »Schädel-Harry« (Karger), kein »Eisen-Dieter« (Eilts) mehr. Von filigranen Zuschreibungen ganz zu schweigen, der »Papierne« (Sindelar) wird so schnell nicht wiederkommen, ab und an flackert noch das »Phantom« (Mintal) auf, aber nicht dauerhaft. Der Niedergang der Spitznamen im Profifußball ist offenkundig.

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Als der Jungprofi Andreas Neuendorf 1995 beim Waldlauf vor den Toren von Bayer 04 Leverkusen von einer Zecke gebissen wurde, nannte ihn sein Mannschaftskamerad Ulf Kirsten nur noch so: »Zecke«. Fortan ersetzte »Zecke« seinen Vornamen. »Wenn mich im Spiel jemand Andreas rief«, sagt Neuendorf, »habe ich gar nicht mehr reagiert.« So sehr hatte er den neuen Namen verinnerlicht. Jetzt wollte er »Zecke« auch auf dem Trikot tragen. Der DFB ließ das nicht zu. Nur der im Personalausweis dokumentierte Name darf auf die Spielkleidung aufgeflockt werden. Zecke fand nach langem Hin und Her heraus, dass ein Künstler seinen Künstlernamen in den Ausweis eingetragen bekommt. Also machte er sich mit Hilfe seiner töpfernden und malenden Ehefrau zum Kreativen, ließ zwei Leinwände auf die Staffelei stellen und erzeugte mit genialischem Strich die Ölgemälde »Gesicht« und »Krickelkrakel«, beide 2001. Er signierte die Werke mit »Zecke« und versteigerte sie auf einer eigens einberufenen Auktion. Anschließend stellte er sich samt Presseberichten über die Kunstauktion bei der Pass- und Ausweisstelle als der namhafte Maler Zecke vor. Sein neuer Name kam umstandslos in die Papiere. Seit 2002 läuft Andreas Neuendorf als »Zecke« in den Stadien auf. Es ist bis heute der einzige deutsche Künstlername im Fußball.

»Overath Breitner da Silva« vs. »Ennatz Eia da Silva«

Anderswo geht das viel einfacher. Der unscheinbare Manuel Francisco dos Santos war klein, etwas verwachsen und sehr wendig. Seine Leute nannten ihn »Zaunkönig«. Unter diesem Namen wurde er als einer der besten Fußballer aller Zeiten weltberühmt: »Garrincha«. Dieser Tage melden die Agenturen, dass beim FC Santos, dem Pelé-Club, ein junger, 1989 geborener Fußballer spielt, der auf den Namen »Overath Breitner da Silva« hört. Seine Eltern haben ihm ganz offiziell die Namen der deutschen Mittelfeld-Strategen gegeben und gewisse Erwartungen damit verbunden. Man kennt ja diese Sorte von Eltern, für die das Wort »Talent« nur ein anderer Name für »mein Kind« ist. Der Junge scheint alle Hoffnungen zu erfüllen: Er gilt als großes Talent auf der Spielmacher-Position. Mir persönlich hätte es natürlich besser gefallen, wenn sie ihren Filius »Ennatz Eia da Silva« genannt und damit zum Fortleben meiner beiden MSV-Idole, Bernard Dietz und Werner Krämer, beigetragen hätten.

Ehrgeizige Eltern sind das eine, Spitznamen das andere. Spitznamen fliegen einem zu, man weiß oft nicht woher, plötzlich sind sie da. Sie muten oft brutal und rücksichtslos an, wenn man sie liest. Hört man sie aber ausgesprochen aus dem Mund der Fans, skandiert aus tausend begeisterten Kehlen, klingen auch rohe Ausdrücke wie liebevolle Kosewörter. Man braucht dem Spieler nur ins Gesicht zu sehen, dann weiß man, warum einige Fans den Neuen aus Frankreich, kaum war er im Juni 2007 an der Säbener Straße in München eingetroffen, mit einem Wort riefen, das viele Umstehende geschmacklos fanden. »Schnittmenge« lautete das Wort, und Frank Ribéry war gemeint. - Es gibt sie also noch, die Spitznamen, die aus der Mitte des Mobs kommen und keine Medien-Inszenierungen sind. Aber sie sind rar geworden.

Auf der anderen Seite finden sich mehr und mehr Schriftsteller und Intellektuelle, die ihren Künstlernamen aus dem Fußball beziehen. Den originellsten Dreh hat dabei, für mein Dafürhalten, der österreichische Autor Stefan Griebl gefunden. Sein Pseudonym entstand aus dem Ergebnis eines Fußball-Länderspiels Frankreich gegen Belgien (2:0). Auf dem Fernsehbildschirm wurde eingeblendet: FRAN2:0BEL. Seitdem räumt Stefan Griebl unter dem Namen »Franzobel« die Literaturpreise im deutschen Sprachraum ab, darunter Ingeborg-Bachmann-Preis, Bert-Brecht-Medaille und Arthur-Schnitzler-Preis.

Der einstige Proletensport Fußball ist heute zu einer Inspirationsquelle geworden, die selbst die feinsinnigsten Geister zu gewagten Erfindungen verleitet.

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