Neue Kolumne: 11FREUNDE-Analyse mit Rafael Benitez

»Glückwusch an meinen Freund Vicente!«

Zuwachs in der Online-Redaktion von 11FREUNDE: Ab sofort analysiert der ehemalige Champions-League-Sieger Rafael Benitez die wichtigsten Spiele der Saison auf 11freunde.de. Den Anfang macht er mit einem Nachklapp zum EM-Finale.

Spanien ist Europameister und Spanien hat es auch verdient. Nicht nur, dass sie ihren Job erledigt haben, sie haben das auch in großartiger Art und Weise getan. Spanien ist seit Sonntag die einzige Nation, die drei große Turniere in Folge gewonnen hat. Ohne Zweifel eine einzigartige Leistung, die ihren Anfang unter Luis Aragones vor vier Jahren genommen hat und unter Vicente del Bosque auf ein noch höheres Level gehoben wurde. Del Bosque verdient an dieser Stelle ein ganz besonderes Lob, schließlich ist er spätestens nach diesem Triumph einer der größten Trainer der Geschichte: Zwei Champions-League-Siege, ein Weltpokal-Triumph auf Vereinsebene, sowie je ein Welt- und Europameisterschaftstitel als Nationaltrainer lassen daran keinen Zweifel.

Spanien, ihr seid die Größten – Respekt!

Wegen dieser Erfolgsquote – und wegen unserer seit vielen Jahren bestehenden engen Freundschaft – möchte ich an dieser Stelle meine herzlichsten Grüße an die Mannschaft, den Trainerstab und natürlich meinen Freund Vicente ausrichten. Ihr habt hart gearbeitet, jetzt seid ihr die Größten – Respekt!

Diese persönlichen Worte mussten sein, lassen sie mich jetzt einen Blick auf das Finale werfen. Spanien begann mit einem 4-3-3-System, mit Cesc Fabregas als Mittelstürmer und Mittelfeldspielern, die ständig und ganz bewusst ihre Positionen wechselten. In der Zentrale standen erneut Busquets und Alonso, auch wegen dieser doppelten Mitte musste sich das italienische 4-3-1-2-System – mit der Raute im Mittelfeld – diesmal nach dem Gegner richten. Spanien kontrollierte das Spiel von Anfang an, mit einigen guten Aktionen in der Offensive, die Italiener versuchten früh dagegen zu pressen. Die Spanier kamen damit deutlich besser zurecht als noch im Gruppenspiel (1:1). Allen voran Andres Iniesta, der wieder ein außergewöhnliches Spiel machte. Es war Iniesta, der dem Spiel das Tempo und die Richtung vorgab. Gleichzeitig kümmerte sich Fabregas als nominelle Spitze aufopferungsvoll um Andrea Pirlo, wenn Pirlo Angriffe seiner Italiener einleiten wollte, stellten die übrigen spanischen Mittelfeldspieler die Räume zu, um die gefährlichen Steilpässe auf Balotelli und Cassano zu verhindern. Schon nach wenigen Spielminuten war deutlich zu sehen, was Cesare Prandelli seinen Spielern als taktische Vorgabe mit auf den Weg gegeben hatte: Schneller Ballgewinn und lange Bälle in die Spitze, um die Spanier mit überraschenden Angriffen zu knacken.

Und über all dem stand der wesentliche Faktor beider Spielsystem: Geschwindigkeit!

So schnell wie die Spanier ist derzeit kein Team der Welt. Das wurde beim 1:0 in der 14. Minute deutlich: Iniesta spielte einen geradezu chirurgischen Pass auf Cesc Fabregas, der bediente blitzschnell David Silva – Tor. Ein herrlicher Angriff, ein wunderbarer Abschluss! Spaniens Plan war aufgegangen, Italien musste die eigene Taktik über den Haufen werfen.

Folgerichtig wurde das italienische Pressing noch intensiver, Balotelli und Co. standen nach dem 0:1 noch tiefer in der gegnerischen Hälfte, und versuchten nun ihren Freistoßspezialisten Andrea Pirlo in Position zu bringen. Erfolg brachte das freilich nicht, dafür war Italiens Spiel zu durchschaubar und zu steif. Immer häufiger konnte Spanien mit schnellen Gegenangriffen Konter einleiten. Die nächsten Rückschlag mussten die Italiener schon in der 21. Minute hinnehmen, als Balzaretti für den verletzten Chiellini eingewechselt werden musste. Ich persönlich hätte nun eine deutliche Schwächung des italienischen Spiels vermutet, aber Balzaretti ersetzte Chiellini nahezu gleichwertig.

Kurz danach löste Prandelli seine Mittelfeldraute auf, De Rossi rückte auf, um Pirlo in der Offensive zu unterstützen. Doch seine langen Bälle wurden meistens von der aufmerksamen spanischen Defensivzentrale abgefangen. Und wenn sich doch mal eine Lücke für Balotelli und Cassano auftat, stand da der aufmerksame Iker Casillas und entschärfte die Situation.

Die wichtigsten Spieler waren Busquets und Xabi Alonso

Doch das wütende Pressing der Italiener verpuffte bald, kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit hatte Spanien das Spiel wieder fest im Griff. Iniesta, Silva, Fabregas und vor allem Xavi wirbelten so unermüdlich um den gegnerischen Strafraum herum, das kam, was kommen musste: Xavi spielte einen herrlichen Pass auf Jordi Alba, der gegen den von seinen Kollegen im Stich gelassenen Buffon sein erstes Länderspieltor erzielte.

Italien musste reagieren und tat das in Form einer Auswechslung: Di Natale ersetzte Cassano und hätte seinen Einsatz beinahe gerechtfertigt, doch zwei Großchancen blieben ungenutzt. Spanien hatte das Spiel schnell wieder unter Kontrolle. Die für mich wichtigsten Spieler waren in dieser Phase Busquets und Xabi Alonso, die teilweise als eine Art Doppel-Sechs fungierten, um die italienischen Steilpässe zu entschärfen. In der Offensive bewiesen Xavi, Silva und Iniesta ihre ganze Klasse: Kein anderes Mittelfeld der Welt ist in der Lage so kontrolliert und gleichzeitig so risikofreudig zu spielen.

Italien wechselte ein drittes Mal, brachte Motta für Montolivio, Prandelli stellte nun auch sein Mittelfeld zur Raute um. Doch Mottas Verletzung wenige Minuten nach der Einwechslung entschied das Spiel zu Gunsten von Spanien: In Unterzahl hatten Italien nicht mehr den Hauch einer Chance.

Del Bosque reagierte schnell, und brachte mit Pedro und Fernando Torres zwei ausgeruhte Angreifer von der Bank, die Italien endgültig den Todesstoß versetzten. Fernando nutzte seine Spielminuten gewohnt konsequent: Ein Tor und eine Vorlage, wegen der speziellen UEFA-Regelung, wonach der Torschützenkönig nach der Anzahl an Spielminuten, die er für seine Tore benötigt hat, ermittelt wird, darf sich Fernando nun EM-Torschützenkönig nennen – meinen Glückwunsch!

Ein würdiger Europameister

Mein Freund Vicente bewies schließlich noch ein letztes Mal sein glückliches Händchen – und die Qualitäten seines Kaders: Er tauschte in der 87. Minute Mata für Iniesta (den für mich besten Spielers dieses Turniers) aus, wenig später erzielte Mata das vierte und letzte Tor des Spiels.

Beenden möchte ich diese Analyse so, wie ich sie begonnen habe: Herzlichen Glückwunsch Vicente, Respekt Spanien – ihr seid ein würdiger Europameister!

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Rafael Benitez, 52, arbeitete als Trainer unter anderem für CD Teneriffa, FC Valencia, FC Liverpool und Inter Mailand. Seine größten Erfolge feierte er mit dem FC Liverpool, 2004 gewann er den UEFA-Cup, 2005 die Champions League. Der spanische Trainer des Jahres 2002 bloggt regelmäßig unter www.rafabenitez.com und schreibt ab sofort für 11freunde.de

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