05.02.2013

Neue Gegengerade am Millerntor: Ortsbesuch mit Nostalgie

Crescendo aus 13.000 Kehlen

Seite 2/3: »Du hast Angst! Du hast Angst!«
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Imago

Welche Veränderung erfährt ein Publikum, wenn sich seine Heimat wandelt? Oder, anders gefragt: Entsteht in einem neuen Stadion automatisch eine neue Atmosphäre? Die Gegengerade bietet nun Platz für 13.000 Menschen, gerade mal 3000 davon sitzen. Mit der verdoppelten Kapazität stellt sie fast die Hälfte aller Besucher, gegen Cottbus sorgen 26.578 für einen Zuschauerrekord. Der höchste Platz liegt 20 Meter über dem Rasen. Aber diese Zahlen allein garantieren keine Stimmung. Nicht die Bausubstanz prägt eine Kurve, sondern der Fan. Die Gegengerade ist eine Hülle, die es mit Leben zu füllen gilt. Schwer wiegt das Erbe der Vorgängerin, zahlreich ranken sich die Legenden.

Das Meer der Verrückten schlug wilde Wellen

Hier hisste Doc Mabuse den ersten Totenkopf, hierher pilgerten die Besetzer der Hafenstraße. Die Dagegen-Gerade wurde sie genannt, der linken Protestkultur wegen. Zwar ist der Ruf über die Jahre ausgezehrt, aber lustig und laut blieb die Kulisse trotzdem. In den besten Momenten war sie ein um sich greifender, besoffener Oktopus, ein Höllenzirkus zwischen Charme und Scham, angefixt von der Singing Area. Manchmal dümpelte der Sound vor sich hin, aber häufiger noch, wenn es gut lief (und auch sonst), schlug das Meer der Verrückten wilde Wellen, die ihre abgekämpften Spieler mit neuem Adrenalin flutete, über den Wadenkrampf hinaus.

>> Ein neues Herz: Der Umbau der Gegengeade in Bildern

Wie beim legendären 4:3 über Hertha BSC im Pokal. Wie bei Marcus Marins rettendem Last-Minute-Treffer gegen Oberhausen. Wie beim 2:1 über Carl Zeiss Jena im November 1997. Natürlich wie im Jahrhundertspiel gegen Bayern München. Spiele voller Furor, Katharsis und großer Ouvertüre, initiiert durch die hysterische Gegengerade, die, auf der Vorstufe zum Exitus, kaputt und meschugge, zu swingen, zu summen, zu sieden begann. Eine Dauerkarte war das ticket to ride ins Sündenbabel, durch das Marihuananebel und Bierdunst waberten. Der Millerntor Roar verwandelte die Gegengerade zu besonderen Anlässen in ein Ungeheuer, eine Zwölf auf der Zehnerskala des Wahnsinns.

Laid-back, relaxed und friesisch-herb

Dieser Tage, so gemeinhin der Vorwurf, roart es nur noch selten. Die Singing Area ist gealtert und über die ganze Breite der Tribüne zerstreut. Ihrer statt animiert USP (Ultra Sankt Pauli) aus der Südkurve zu Gesängen. Vieles ist jetzt, mal mit den »Beginnern« gesprochen: Laid-back, relaxed und friesisch-herb. Das muss nicht schlimm sein, in die Leere kann neue Energie stoßen. Und die Ironie, die Spontanität früherer Tage hat sich die Gegengerade trotzdem bewahrt. Als sich Energie-Manager Christian Beeck allzu energisch echauffiert, skandiert die Masse am Sonntag: »Hinsetzen! Hinsetzen!«

Schließlich wird er in der 81. Minute auf die Tribüne verwiesen. Im Fernsehbericht sieht man, wie es in seinem Gesicht arbeitet, langsam realisiert Beeck, dass kein Sitzplatz hinter der Bank wartet und er in die tobende Menge muss. Hohnsalven: »Du hast Angst! Du hast Angst!« Beeck sagt später: »Zumindest konnte ich so an der Premierenfeier teilnehmen. War gar nicht mal so schlecht.«

 
 
 
 
 
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