15.08.2012

Neuanfang beim 1. FC Magdeburg

Die neue Bescheidenheit

Seite 2/3: Der Kampf gegen die Geister der Vergangenheit
Text:
Kevin Röhler
Bild:
Imago

Zum Saisonstart Ende Juli empfing man als Testspielgegner mit dem FC Schalke 04 allerdings einen Verein, der auf den Rängen dazu einlud, mit wehmütigem Pathos auf die Zeiten zurückzublicken, als man mit den heutigen Freundschaftsspielgegnern auf einer Stufe stand. Betagte Herren erklärten mit feuchten Augen, wie man die Schalker im UEFA-Pokal 1977 locker mit 4:2 und 3:1 aus dem Wettbewerb gekegelt hatte. Ein Bierchen später war man schon beim ‘74er 2:0-Finalsieg im Cup der Pokalsieger gegen den AC Mailand. Ein Triumph wie ein Stigma – leuchtend und große Bürde zugleich. Die Erzählungen vor dem geistigen Auge mit den vielen »Weißt du noch?« und »Damals« wirkten, als könnten sie die trostlose Realität des 1. FC Magdeburg einfach wegwischen.

Dabei löste sich die Fan-Seele in Magdeburg in der jüngeren Vergangenheit eigentlich vom Klammergriff an den vergötterten Europapokalhelden. Eine »Generation Amateurfußball« ist herangewachsen, die vielmehr dem in letzter Minute verpassten Zweitliga-Aufstieg 2007 nachtrauert, als längst verblichenen Europapokalschlachten. 2007 wäre ihr 1974 gewesen. Als die Stadt vor über fünf Jahren ihr Herz für den Club wiederentdeckte, verpasste der Verein den erstmaligen Sprung in den Profifußball, und wartet, wartet bis heute, wartet über 20 Jahre seit der politischen Wende.
Und die leidgeprüfte Anhängerschaft anno 2012 wird sich weiterhin in Geduld üben müssen. In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete der FCM zehn Trainerwechsel. Dabei reichte die Riege der Trainertypen vom Mann mit Stallgeruch, vielversprechendem Neuling, Nachwuchscoach, Feuerwehrmann, profierfahrenem Haudegen bis hin zum ausländischen Konzepttrainer. Gescheitert sind letztendlich alle am fehlenden Erfolg und dem zunehmenden Druck im Vereinsumfeld.

»Cottbus haben wir früher in Badelatschen weggepustet!«

So regelmäßig die Zukunftspläne überworfen wurden, so häufig wurde Unruhe von außen über die Medien in den Verein getragen. In ihrer Sorge um den Club nutzten ehemalige Spieler die Zeitung als Sprachrohr und gaben damit dem Affen Zucker. So tönte FCM-Legende Wolfgang »Maxe« Steinbach vor dem DFB-Pokalspiel 2009 gegen den FC Energie Cottbus: »Wer ist eigentlich Cottbus? Die haben wir früher in Badelatschen weggepustet!« Mag diese Äußerung auch augenzwinkernd gemeint gewesen sein, zeigt sie doch die heutzutage anscheinend unüberwindbare Diskrepanz zwischen Anspruchsdenken und Realität. Seit der Abwicklung des DDR-Sports sucht der FCM nach seiner Rolle in Fußballdeutschland und erweckt dabei oft den Eindruck, noch im Körper eines Europapokalsiegers gefangen zu sein, mit den 74er-Schuhen spielend, die mittlerweile wie Blei an den Füßen hängen.

Dabei ist das einzige Vermächtnis aus der alten Zeit das große Zuschauerpotenzial. Es gibt wenige Vereine in Deutschland, die auch in der vierten Liga noch bis zu fünfstellige Zuschauerzahlen aufweisen können – der 1. FC Magdeburg gehört dazu.

 
 
 
 
 
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