Nazis auf den Rängen

SS-Siggis Erben

Von wegen ostdeutsches Problem: Auch bei Westklubs gehören Nazis auf den Rängen zum Inventar, zahllose Übergriffe und Straftaten sind dokumentiert. Die rechte Szene drängt zurück an die Macht.

Christoph Buckstegen
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Spezial-Nr. 2

Der deutsche Hulk Hogan

»SS-Siggi« ist am Apparat. Nordrhein-Westfalens berühmtester Neonazi hat tatsächlich zurückgerufen. Gleich wird er erzählen, welche Rolle er bei dem spielt, was gerade in seiner Heimatstadt Dortmund passiert.
In den Achtzigern war Siegfried Borchardt, 59, Mitbegründer der berüchtigten »Borussenfront«, der Keimzelle aller prügelnden Fußballnazis. Die »Borussenfront« galt eine Weile als ausgestorben, worüber sich Siggi köstlich amüsiert. In Wahrheit hätten die sich früher von Stadionverbot zu Stadionverbot prügelnden Nazi-Hooligans nie aufgehört, sich zu spontanen Schlägereien zu treffen. Zu seinen besten Zeiten wurde Borchardt mehrfach verurteilt, weil er nach BVB-Spielen mit seinen Leuten Türken in der Nordstadt jagte, und auch heute ist Dortmund ein Schwerpunkt der rechten Szene in Deutschland und gilt im Fußball als neue Hauptstadt der Bewegung. Mindestens 100 Neonazis tummeln sich auf der Südtribüne. Borussia Dortmund, die Fußballverbände und die Politik sind alarmiert.

Siggi Borchardt hingegen ist zufrieden mit den Jungen, die mit ihren Mitteln das fortführen, was er angefangen hat. Zwar gehe er heute nicht mehr zu den Heimspielen des BVB, sagt der Koloss, der mit seinen wasserstoffblonden Haaren aussieht wie ein deutscher Hulk Hogan mit Bierbauch. »Da gibt’s nur Theater mit mir«, meint er und sammelt lieber ein paar Länderpunkte bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft oder schaut sich im Dortmunder Umland ein Oberligaspiel an. Doch auf der Dortmunder Südtribüne, findet er, liefe es ja auch ohne ihn ganz in seinem Sinne. Borchardt meint unter anderem die »Desperados«, eine ursprünglich unpolitische Ultragruppe, die im Laufe der Jahre immer stärker nach rechts gerückt ist. »Die Desperados trainieren doch auch zusammen mit einigen Jungs der Borussenfront«, sagt er. »Da gibt es ja längst die zweite und dritte Generation.«

Die Rekrutierung
Ein paar Kilometer südlich von Dortmund sitzt einer, der »SS-Siggi« aus gemeinsamen Kampftagen kennt. Der Mann, der anonym bleiben will, war eine der Führungsfiguren der »Autonomen Nationalisten« (AN), jener modernen Nazis, die mit Windbreaker, Sonnenbrille und Baseballkappe zum Aufmarsch kommen. Das Konzept der AN wurde von Szene-Vordenkern Ende der Neunziger eigens für Westdeutschland ersonnen. Hier sei der Neonazismus stigmatisierter als im Osten, die Aktivisten müssten daher unauffälliger auftreten und dürften nicht sofort als Nazis zu erkennen sein. Auf den ersten Blick sehen AN-ler wie Antifaschisten aus. Oder wie Ultras, die sich ja auch vermummen, um eine Identifizierung durch Polizeikameras zu erschweren. Unser Mann, nennen wir ihn André S., hat lange in der Dortmunder AN-Kommandozentrale gearbeitet. Irgendwann hatte er genug und kehrte der Szene den Rücken. Der Fußball hat ihn persönlich nie interessiert, doch als »politischer Soldat« (Selbstbild der AN) konnte ihm ein solch wichtiges Schlachtfeld nicht gleichgültig sein. Fußball, sagt S., spiele neben der Musik die entscheidende Rolle bei der Rekrutierung des Nachwuchses. »Wir Autonome Nationalisten wollten ja keine Skinheads mit Alkoholfahne. Wir wollten moderne, subkulturelle Jugendliche, die das ausstrahlen, was Gleichaltrige nicht abstößt, sondern anspricht.« Heute zeigen die jungen Nazis den alten, wie politischer Revierkampf geht. Die Ultras zu umwerben, sei oft nicht schwer. »Das Outfit von Ultras und AN-lern ähnelt sich doch sehr«, sagt S. »Die ganze Kultur ist ja anschlussfähig: Ultras singen das nach, was der Capo vorsingt, sie haben Bock darauf, sich von montags bis sonntags zu engagieren. Wir haben denen gesagt, super, so ist das bei uns auch! Wir machen unsere Transparente selbst und bei unseren Demos gibt es auch Pyrotechnik.«

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