27.01.2013

Nazis auf den Rängen

SS-Siggis Erben

Seite 2/4: Komplizen in der Security-Firma
Text:
Christoph Ruf und Olaf Sundermeyer
Bild:
Christoph Buckstegen

Der Schulterschluss funktioniert prächtig. Längst kämpfen bei den Nazi-Hools von der »Northside« um die 15 Mitglieder der Ultras von den »Desperados« mit. Die Fights werden, so berichtet es einer, der dabei war, mit dem kollektiven Ruf »Sieg Heil!« beendet. Als Innenminister Ralf Jäger den »Nationalen Widerstand Dorstfeld« (NWDO) als kriminelle Vereinigung verbot, wurde auf der Dortmunder Südtribüne ein Transparent gehisst, das »Solidarität mit dem NWDO« einforderte. Erst im September wurde einer der »Desperados«, auch er NWDO-Mitglied, wegen einer gemeinschaftlich begangenen Menschenjagd auf linksalternative Jugendliche zu einer Haftstrafe verurteilt. Bei der nächtlichen Attacke hatten die mit Sturmhauben maskierten Angreifer ihre Opfer aus einem VW-Bus heraus mit Flaschen und Steinen beworfen und anschließend mit einem Messer bedroht. Nach dem gleichen Muster verlief auch ein Angriff vor dem Schalker Fanprojekt. Dort wurden die blau-weißen Fans bei ihrer Rückkehr nach einem Auswärtsspiel in Nürnberg von maskierten »Desperados« aus zwei VW-Bussen heraus angegriffen. Ein Zeuge erinnert sich an gereckte rechte Arme und den Schlachtruf »Heil Hitler!«, bevor die Angreifer zurück nach Dortmund türmten. »Ziel für AN-Strukturen ist es, bundesweit Zugang zu den Ultras zu bekommen«, sagt André S. In Dortmund sei das nicht schwer gewesen. »Die meisten von der Borussenfront hatten zwar Stadionverbot. Rein kamen die aber trotzdem, weil eine Zeit lang die Security-Firma mit unseren Leuten durchsetzt war.«

Auch ein West-Problem
Lange hat man die Neonazis für ein spezifisch ostdeutsches Problem gehalten. Wer als Journalist über prügelnde Nazihorden berichten wollte, fuhr nach Sachsen oder Brandenburg. Der Westen hingegen schien bis auf wenige Enklaven gefeit vor den neuen NS-Jüngern. Schließlich hatten sich dort schon Ende der Achtziger antifaschistische Fans in Initiativen wie BAFF (Bündnis aktiver Fußballfans) zusammengeschlossen, derweil sich der DFB-Präsident gegen Rassismus und Schwulenfeindlichkeit positionierte. Irgendwann nervten die gutgemeinten Durchsagen und der ganze Rote-Karten-Aktivismus nur noch.

Man hätte genauer hinschauen müssen. In vielen westdeutschen Städten drängen neonazistische Fans in den Vordergrund. Ihr Habitus dockt meist an den Ultrastil an, der längst die alles dominierende Fankultur ist. Oft werden sie dabei von der alten Hooliganszene protegiert, die ihre Kämpfe längst auf Wald und Wiese verlagert hat, doch ihre schützende Hand über die Rechten hält.

»Passt auf, sonst holen wir die Dortmunder!«
Die Dortmunder Naziszene ist dabei die zahlenmäßig größte. Von hier aus verlaufen zahlreiche Fäden in alle Himmelsrichtungen. Wenn rechte Gruppen irgendwo auf Gegenwehr stoßen, warnen sie ihre Kontrahenten: »Passt auf, sonst holen wir die Dortmunder!« Beste Kontakte unterhalten die »Desperados« etwa zur Kölner Ultragruppierung »Boyz«: »Die Verbindung besteht schon lange«, bestätigt Volker Lange von der Kölner Polizei. Andere Kölner Ultragruppen sähen die Liaison kritisch, die Dortmunder Freunde der »Boyz« seien ihnen zu rechts.

Dortmunder AN-Kader waren auch vor Ort, als sich 17 Neonaziteams zum »Svasti-Ka Hallencup 2012« trafen. Ebenso wie AN-ler vom Donnersberg, aus Zweibrücken und aus München – drei Szenen, die ebenfalls in den Fankurven anzutreffen sind. Die ersten beiden in Kaiserslautern und Homburg, letztere beim TSV München 1860, wo die Nazis bei Heimspielen in Block 132 anzutreffen sind. Und wenn die NPD Düren ihr »Nationales Fußballturnier« austrägt, machen genau jene AN-Gruppen mit, die auch im Ligaalltag versuchen, bei den Fans einen Fuß in die Tür zu bekommen. Auch wenn das nicht immer von Erfolg gekrönt ist: 2010 fanden sich beim Spiel von Bayer Leverkusen in Bochum plötzlich »Autonome Nationalisten« im Sonderzug. Doch sie verströmten zu wenig Stallgeruch, zumal sie schon beim Kartenkauf (»Gegen wen spielt Bayer?«) gar nicht erst so getan hatten, als würden sie etwas von Fußball verstehen. Auf der Rückfahrt waren die Nazis nicht mehr dabei. Man hatte ihnen zu ver­stehen gegeben, dass sie unerwünscht seien.

Beste Kontakte zu den »Autonomen ­Nationalisten« in Dortmund hatte auch Falko W. ein Fan von Alemannia Aachen, bei dem die Polizei eine funktionstüchtige Bombe fand. W. war Mitglied der verbotenen neofaschistischen »Kameradschaft Aachener Land« (KAL). Im Sommer 2010 spaltete sich die Ultraszene der Alemannia. Während sich die »Aachen Ultras« (ACU) klar gegen Neonazis positionierten, ging es für die »Karlsbande« in die andere Richtung. Viele von deren Mitgliedern feiern und prügeln mittlerweile in trauter Eintracht mit den Nazis von der »Kameradschaft Aachener Land« und der nach rechts offenen Hooligangruppe »Westwall«.

 
 
 
 
 
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