Nazi-Überfall in der Bezirksklasse
26.10.2009

Nazi-Überfall in der Bezirksklasse

Die Dummen kommen

Jagdszenen in Leipzig: Circa 50 Neonazis haben am Samstag für Schwerverletzte bei einem Fußballspiel gesorgt. Bewaffnet mit Eisenstangen und Steinen griffen sie die Anhänger und Spieler vom »Roten Stern Leipzig« an.

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Acht Mal gespielt, acht Mal gewonnen. Der linksalternative Fußballclub »Roter Stern Leipzig« (RSL), hatte als Aufsteiger bislang einen optimalen Saisonstart in die Bezirksklasse. Am Samstagnachmittag wollten die Connewitzer ihre Tabellenführung mit einem Auswärtssieg gegen den FSV Brandis ausbauen. Wie üblich tickerte der Verein das Geschehen auf Twitter. »Der Tross nach Brandis setzt sich in Bewegung. Operation Tabellenführung!« hieß es da zwei Stunden vor Spielbeginn. Mit Fanbus und Autos machen sich circa 100 Anhänger auf den Weg ins 20 Kilometer entfernte Brandis.  



Angriffe waren im Vorfeld angekündigt  

Was sie dort sahen, stimmte sie misstrauisch. Obwohl es Spekulationen über eine geplante Aktion von Neonazis im Zusammenhang mit diesem Spiel gab, wurde der Sportplatz nur von wenigen Polizisten bewacht. Noch am Abend vor dem Spiel schrieb ein User unter dem Namen »FSV Brandis« ins Gästebuch des RSL: »Hoffe auf ein faires und ruhiges spiel... es gibt nämliche dunkle Vermutungen…«.

Auch die Verantwortlichen des FSV Brandis waren über die Gefahr eines Angriffs informiert. »Das war ja angekündigt worden. Wir haben es der Polizei angekündigt, wurden aber allein gelassen«, sagte Vizepräsident Michael Sommer dem MDR.  

Kurz vor Spielbeginn wurde es mysteriös. Durch eine Lautsprecheransage wurden die Fans des RSL nach eigenen Angaben gebeten, eine Seite des Sportplatzes zu räumen, weil »die Dummen noch kommen«. Beim Anpfiff war noch alles ruhig auf dem Sportplatz, doch nur zwei Minuten später war an Fußball nicht mehr zu denken. »Naziangriff. Spiel in erster Minute unterbrochen«, sendet der RSL per SMS an Twitter.  Etwa  50 vermummte Personen, die laut Polizeiangaben zum »rechten Spektrum« gehören,  verschafften sich Zutritt zum Sportgelände.

Ein Augenzeuge berichtet 11FREUNDE, dass er sah, wie zuvor ein Brandiser Ordner den Angreifern einen separaten Eingang geöffnet, sich anschließend vermummt und sich den Angreifern angeschlossen hatte. In einer Pressemitteilung, die der RSL noch am Abend  veröffentlichte, heißt es: »Nach dem unkontrollierten Betreten des Sportplatzes bewaffneten sich die Angreifenden mit Eisenstangen, Steinen und Holzlatten, die auf dem Sportplatz deponiert waren. Dieser Umstand lässt auf einen geplanten Angriff schließen. Für eine vorzeitige Planung der Aktion spricht zusätzlich die Teilnahme von einschlägig bekannten Neonazi-Aktivisten. Die politische Motivation des Angriffes ist durch die Rufe der Angreifer ´Scheiß Zecken´ und ´Scheiß Rote´ belegt.«  

Eisenstangen, Steine, Holzlatten und bekannte Neonazis

Es kommt zu Jagdszenen auf dem Sportplatz und tätlichen Angriffen auf die Gästefans, unter denen sich auch Frauen und Kinder befinden. »Große Schlägerei. Keine Polizei weit und breit«, schreibt der Verein zwei Minuten nach Spielbeginn auf Twitter. Weitere zwei Minuten später heißt es: »Mehrere Verletzte. Totales Chaos«. In der Pressemitteilung schreibt der RSL: »Man musste sich bis zum Eintreffen der Polizei selbst schützen und erwehrte sich den Angriffen. Im Zuge der Angriffe wurden drei Personen schwer, und weitere Personen verletzt. Zur Zeit werden die Schwerverletzten in Krankenhäusern behandelt.«

Während die Polizeiverstärkung weiter auf sich warten lässt, bricht der Schiedsrichter die Partie ab. Erst eine halbe Stunde nach dem Angriff bekommt die Polizei die Lage in den Griff. »Nach Spielabbruch und Räumung des Stadions seien Personalien festgestellt worden, festgenommen wurde aber niemand. Der Staatsschutz übernehme nun die Ermittlungen«, schreibt die Leipziger Volkszeitung.

Politisch motivierte Übergriffe? Für den RSL nichts Neues

Um weitere Übergriffe zu vermeiden, wurden die Leipziger Anhänger und Spieler anschließend von der Polizei zurück nach Leipzig-Connewitz begleitet. Dass es bei eigenen Spielen zu politisch motivierten Angriffen und Provokationen kommt, ist für den »Roten Stern Leipzig« nichts Neues. Ein Verein, der sich offen zum Antirassismus bekennt und gegen Intoleranz und Homophobie kämpft, scheint einigen Menschen in der Region Leipzig nicht zu passen.

Kritiker werfen dem Verein vor, Fußball und Politik zu sehr miteinander zu vermischen. Tätliche Übergriffe, wie die am Samstagnachmittag, rechtfertigt das aber noch lange nicht.
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