20.07.2013

Nazi-Brasilianer und ihre Zwangsfußballer

Das Schicksal von Nr. 23

Seite 2/3: Kinder als Zwangsarbeiter
Text:
Robin Hartmann
Bild:
Imago

Was keines von den Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren damals weiß: Sie sind betrogen worden. Man sperrt sie in von Hunden bewachte Barracken, missbraucht sie zur Feldarbeit, nimmt ihnen sogar ihre Namen weg und ersetzt sie durch Nummern. Der »Herr« hat keine Zeit und Lust, sich 50 Namen zu merken, und so wird aus Aloísio Silva Nummer 23. »Als Willkommensgeschenk erhielt jeder von uns eine Hacke.« Aloísio und seine Freunde sind fast allesamt schwarz, werden Opfer einer perversen Ideologie, die sich von Deutschland aus sogar bin ins ferne Brasilien ausgebreitet hat: des Nationalsozialismus. Die Familie Rocha Mirada verschleppt die Jungen im Namen des Integralismus, einer Strömung dieser rechtsradikalen Gesinnung. 1933, drei Monate nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland und 45 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei, hat der Integralismus in Brasilien rund eine Million Anhänger – noch heute sollen es zehntausende sein. Aloísio muss morgens den rechten Arm zum Gruß recken und »Anaue« rufen, was in der Indianersprache Tupi-Guaraní »Sei gegrüßt« bedeutet. In jeden der Ziegel, aus denen die Farm besteht und die José »Tatao« Maciel 70 Jahre später finden soll, lässt die Familie Rocha Miranda das Hakenkreuz einbrennen, auch ihre Tiere werden mit diesem »Gütesiegel« gebrandmarkt, das sogar noch bis 1938 das offizielle Brandzeichen der Farm bleibt.

Sport. Ganz im Sinne der Nazi-Ideologie

Wenn die Jungen nicht bis zum Umfallen schuften, müssen sie Fußball spielen: Die Rocha Mirandas sind neben dem Integralismus auch glühende Anhänger des Sports, haben ihre Finger auch beim Verein Fluminense Football Club aus Rio im Spiel. Auf der Farm unterstützt man, ganz im Sinne des nationalsozialistischen Gedankengutes, eine sportliche Heranbildung. Aloísio ist einer der kräftigsten, wendigsten und schnellsten, wird bald dazu ausgewählt, seine Hazienda »Santa Albertina« als Spieler zu vertreten. Seine weißen Gegner beleidigen ihn nicht selten als »Carioca« (»Brasilianer«), er zahlt es ihnen mit Toren heim. Er klaut ihnen während des Spiels ihre Hüte vom Kopf und verspottet sie seinerseits, was er sich nur erlauben kann, weil der Torwart seines Teams Sergio da Rocha Miranda ist, einer der Erben der Farm. »Man nannte uns nur das ›Team von der Weide‹«, erinnert sich Aloísio. »Meist haben wir 90 Minuten gespielt und uns danach noch fünf Minuten mit der anderen Mannschaft geprügelt.«

Doch abseits des Spielfeldes erleidet Aloísio Höllenquallen und wird oft stundenlang eingesperrt, wenn er sich widersetzt. Mehr als einmal hetzt man Hunde auf ihn, weil er versucht, zu türmen. Erst 1938 endet sein Martyrium, als ein Putschversuch der Integralisten gegen den damaligen Staatschef und Diktator Getúlio Dornelles Vargas scheitert, und der die brasilianischen Nazis daraufhin verfolgen lässt. Die Familie Rocha Miranda ist einflussreich und wohlhabend genug, sämtliche Spuren ihres fünfjährigen Terrorregimes auf den Haziendas schnell zu verwischen. Die Mauern mit den Hakenkreuz-Ziegeln werden verklinkert, Uniformen und Abzeichen muss Aloísio eigenhändig unter einer Flugzeug-Landbahn vergraben. Doch erst Anfang der vierziger Jahre kommen er und seine Mitinsassen endgültig frei. Viele versuchen entlang der Eisenbahnstrecke zu Fuß zurück in ihre über 400 Kilometer entfernte Heimat Rio zu gelangen. Nur ein Junge, die Nummer 2, bleibt. Er wird aufgrund »vorbildlichen« Verhaltens von Frau des Großgrundbesitzers adoptiert, noch zu Zeiten der Schreckensherrschaft der Rocha Mirandas war er zum Vorarbeiter aufgestiegen.

 
 
 
 
 
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