22.09.2013

Nationalspieler mit 31: Die Geschichte von Rickie Lambert

Das Märchen von der Roten Bete

Seite 2/3: Schuften in der Bedeutungslosigkeit
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Immerhin wird Lambert Stammspieler. In der Saison 2001/2002 erzielt der mittlerweile 19 alte Stürmer acht Tore in der Liga. Der Vierten Liga wohlgemerkt. Hochbegabt sieht anders aus. In etwa so: Im selben Jahr schießt in Lamberts Heimatstadt ein gewisser Wayne Rooney als 16-Jähriger ein fulminantes Debüttor für den FC Everton und startet seine Weltkarriere. Für Lambert reicht es immerhin zu einem Wechsel in die Dritte Liga, in der ersten Saison für Stockport County erzielt er zwei Törchen, in der zweiten zwölf, Stockport steigt ab.

Das Who-is-Who der fußballerischen Bedeutungslosigkeit

So plätschert seine Karriere dahin. Weit entfernt von der Premier League, aber mittlerweile wenigstens genauso weit entfernt von der Fließbandarbeit in der Rote-Bete-Verarbeitung. Es wäre eine von so vielen unterklassigen Karrieren, Vierte Liga, Dritte Liga, hier ein paar Tore, dort mal ein Aufstieg, manchmal ein Abstieg. Blackpool, Macclesfield, Stockport, Rochdale -  Lamberts Vita liest sich wie ein Who-is-Who der fußballerischen Bedeutungslosigkeit. Millionen Fußballer auf der ganzen Welt fristen derartige Karrieren, aber bei dem Stürmer aus Liverpool beginnt es, anders zu werden. Er wird besser. 

Lambert ist erst 23 Jahre jung aber was bedeutet dieses Wort noch, wenn man sich bereits fünf Jahre lang durch die unteren Ligen des englischen Fußballs geschuftet hat? All die Spiele in den Leytons oder Wrexhams des Landes, der stete Holzbankmief der Kabinen. Es ist an der Zeit, durchzustarten. Lambert wechselt zu Rochdale und wird Torschützenkönig der Vierten Liga. Er wechselt zu Bristol, steigt auf und wird Torschützenkönig der Dritten Liga. Fulhams damaliger Trainer, ein gewisser Roy Hodgson, hat die Möglichkeit, den Stürmer zu verpflichten, nimmt aber Abstand davon. Er sei sich unsicher gewesen, ob es der Stürmer aus der Dritten Liga auch in der Premier League schaffen könne, wird Hodgson viele Jahre später als Nationaltrainer von Lambert sagen; und dass man im Fußball oft in Kategorien denke, die dem Einzelnen gegenüber nicht immer fair seien. Am Tag, an dem er Lambert für die Three Lions nominiert, ist dieser sehr müde. In der Nacht hat Lamberts Frau das dritte Kind zur Welt gebracht, eine gesunde Tochter namens Bella Rose. Eine Fairy Tale? Ganz sicher.

Statt nach Fulham geht Lambert zu Southampton, die Saints zahlen eine Million Pfund für den Endzwanziger und Lambert bleibt in der Dritten Liga. Zwar wollen die Saints, zuvor über Jahrzehnte Dauergast in der Premier League, möglichst schnell wieder aufsteigen, mit zehn Punkten Abzug wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten ist das aber nicht eben realistisch. In Southampton trifft Lambert auf Trainer Alan Pardew. Pardew verbrachte einen Großteil seiner aktiven Karriere ebenfalls in den unteren Ligen, er kennt die Mühle, in der sein neuer Stürmer steckt, erkennt aber auch das Potential, das dieser mitbringt. Zwar ist der Coach nur ein Jahr im Amt, die Zeit reicht aber, um seinem Zögling Beine zu machen. »Ich war übergewichtig und achtete nicht sonderlich professionell auf meinen Körper«, so Lambert. Durch Pardew ändert sich das. Lambert kommt früher zum Trainingszentrum, schiebt Sonderschichten, der überdurchschnittliche Drittligastürmer, der er mittlerweile geworden ist, legt noch einmal an Qualität zu. Im zweiten Jahr steigt Southampton auf und schafft in der Folgesaison den direkten Durchmarsch in die Premier League. Die einst skeptischen Fans tragen den erneuten Torschützenkönig auf Händen über den Rasen des St. Mary’s Stadium und singen dabei das Lied, das sie die ganze Saison bereits gesungen haben und das sich nun bewahrheitet hat: »Rickie, Rickie, he’ll take us to the Premier League, Rickie, Rickie.«

 
 
 
 
 
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