22.09.2013

Nationalspieler mit 31: Die Geschichte von Rickie Lambert

Das Märchen von der Roten Bete

Vor etwas mehr als zwei Jahren kickte Rickie Lambert noch in der dritten englischen Liga, nun debütierte er in Wembley für die englische Nationalmannschaft – mit 31 Jahren. Ein Fußballmärchen.

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Von der Rote-Bete-Fabrik bis hin nach Wembley ist es ein weiter, langer Weg, aber Rickie Lambert nimmt die letzten Meter kraftvoll und entschlossen. Zwei satte Schritte, er steigt hoch und steht kurz auf einem Podest aus Luft, dreht den Körper wie eine Schraube in die Flugbahn des Eckballs und köpft mit seiner ersten Ballberührung ein. England Drei, Schottland Zwei. Wembley tobt, »it’s a fairy tale«, jauchzt der Kommentator und irgendwo auf den Rängen liegen sich Lamberts Eltern in den Armen und weinen ein wenig. Unten rennt ihr Junge über den Platz, reißt die Arme hoch, lacht und schreit und scheint nicht so recht zu wissen, wohin mit sich. In diesem Moment ist die Rote-Bete-Fabrik ganz weit weg.

Aussortiert bei seinem Herzensklub FC Liverpool

Zwölf Jahre zuvor ist Rickie Lambert eigentlich schon gescheitert, und das gleich mehrfach. Als 15-Jähriger wird er beim FC Liverpool aussortiert, er sei schlicht nicht gut genug, heißt es. Alltag für die Jugendcoaches. Das Ende der Welt für den gebürtigen Liverpooler, der an den Wochenenden auf den Tribünen Anfields steht und jubelt. Schweren Herzens verlässt er Liverpool und wechselt in den Nachwuchs von Blackpool. Alles ist kleiner, weniger glitzernd, ein Rückschritt. Für manche mag sich das Prinzip auszahlen, einen Schritt zurück zu gehen, um zwei nach vorne zu machen. Für Lambert bleibt es zunächst nur das: Ein Schritt zurück. Zwar debütiert er 18-jährig in der ersten Mannschaft, am Ende seiner drei Einwechslungen steht für den FC Blackpool allerdings der Abstieg in die Vierte Liga. Hier unten, in den schweißigen, schmutzigen Tiefen des englischen Profifußballs, glaubt selbst Blackpool nicht mehr an den Nachwuchsstürmer und löst den Vertrag auf. Aussortiert im Heimatteam, aussortiert auch beim Viertligisten, ein neuer Klub ist weit und breit nicht in Sicht – es wäre an der Zeit, aufzugeben und sich vom Fußball zu verabschieden. Vielleicht hatten die Trainer ja Recht?

Aber Rickie Lambert hält nicht viel vom Aufgeben. »Ich dachte darüber nach, was ich außerhalb des Fußballs machen könnte. Aber ich wollte nichts außerhalb des Fußballs machen.« Das mag naiv klingen, Lamberts Kampfgeist aber gibt ihm Recht. Nach über einem halben Jahr ohne Verein darf er bei Viertligist Macclesfield Town mittrainieren, eine 50.000-Seelen-Kleinstadt östlich von Liverpool. Um sich die Fahrten zum Training leisten zu können, begibt sich Lambert auf Jobsuche und landet in einer Rote-Bete-Fabrik in Scarisbrick. Fortan schraubt er halbtags Deckel auf Konserven-Gläser, von den 20 Pfund, die er am Tag verdient, zahlt er den Sprit, um abends zum Training zu fahren. Fließbandarbeit, um bei einem Viertligisten mittrainieren zu können? Wie lange kann man an einem Traum festhalten, bis das Eingeständnis des Scheiterns unausweichlich ist?

 
 
 
 
 
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