Nasenpflaster, Supermarotte der 90er

Nase vorn!

Durchatmen sollte man damit und sich so zu Topleistungen aufschwingen: Das Nasenpflaster schmückte in den Neunziger Jahren nicht nur Olaf Marschalls Riechkloben. Allein, es brachte nichts. Ein nasaler Rückblick. Nasenpflaster, Supermarotte der 90er

Fünf mal zwei Zentimeter selbstklebender Kunststoff mit einem Metallbügel in der Mitte: Die nüchterne Beschreibung des Ungetüms hätte bereits Klarheit über die Glaubwürdigkeit des Nasenpflasters geben können.

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Angeblich konnte das kleine Wunderding nämlich die Leistungsfähigkeit um ein Vielfaches steigern. Der Trick: Das Pflaster sollte die Nasenflügel auseinanderziehen, damit mehr Atemluft einströmen kann. Gute Argumente in einer Zeit, in der die breite Öffentlichkeit so viel von moderner Sportwissenschaft verstand wie Lothar Matthäus von der Viererkette. 

Der Siegeszug des Nasenpflasters begann 1993, als der amerikanische Hersteller »BreatheRight« die Genehmigung zur Produktion der kleinen, weißen Nasenbieger erhielt. Die Absicht war durchaus lobenswert, sollten die Pflaster vornehmlich gegen lautes Schnarchen helfen. Doch schon wenig später entdeckten die Haudrauf-Brüder des American Football das nasale Doping für sich. Wer diese extravagante Form der Leistungssteigerung auf Europas Fußballplätze einführte, ist indes nicht mehr lückenlos nachzuvollziehen. Manche sehen das stilistische Gespür des italienischen Angriffsbullen Pierluigi Casiraghi weit vorn, andere verweisen auf Bulgariens Abwehrscheusal Trifan Ivanov. Schlussendlich mutierte die Europameisterschaft 1996 in England zum Nasenpflasterschaulaufen, zeigte sich doch kaum ein Spieler mehr ohne das kleine Weiße. 

Nasenpflastereuphorie in »Bravo Sport«

In der Bundesliga hatte das klebrige Glück vor allem ein prominentes Gesicht: Olaf Marschall. Das Lockenwunder aus dem sächsischen Torgau schoss den 1. FC Kaiserslautern aus der zweiten Liga zur Deutschen Meisterschaft. Sein treuer Begleiter: das kleine bisschen Atemfreiheit auf dem Riechorgan. Sven Kmetsch, Axel Kruse und viele andere suchten ebenfalls die Kraft der zweiten Luft. Für den unrühmlichen Höhepunkt der Nasenpflastereuphorie sorgte dann die »Bravo Sport«. Die legte einer ihrer Ausgaben zwei Riechkolbenturbos bei. Fortan stolzierten nun auch Freizeitkicker bepflastert über die Dorfplätze. 

Am Ende war alles nur Schmu, bereits 1997 fanden amerikanische Wissenschaftler heraus, dass auch ein Zinkenleuko aus einem Stehgeiger keinen Marathonmann machen kann. Genau genommen sei der Einsatz der Flügelzieher beim Sport schlichtweg unsinnig, da man unter Belastung sowieso nicht durch den Gewürzprüfer atmet. So verabschiedete sich das Nasenpflaster so schnell, wie es aufgetaucht war. Vermisst hat es seitdem keiner. Außer vielleicht Olaf Marschall.

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