Nach River Plates Abstieg tobten die Fans

Die letzte Schlacht

Rekordmeister River Plate stieg am Wochenende aus der argentinischen Primera Division ab – danach legten Fans die Gegend um das Stadion in Schutt und Asche. Unser Autor Kai Behrmann berichtet von der Front. Nach River Plates Abstieg tobten die Fansimago

Die letzten Sekunden der regulären Spielzeit tickten hinunter, da entlud sich das stumme Entsetzen auf den Tribünen in wütende Gewalt. Mit Tränen in den Augen hatten die Anhänger von River Plate Buenos Aires zuvor immer wieder fassungslos auf die Anzeigentafel im Estadio »El Monumental« geschaut. Unentschieden, 1: 1 gegen Zweitligist CA Belgrano aus Cordoba, prangte dort in großen Lettern. Nach dem 0:2 im Relegations-Hinspiel war damit der erste Abstieg des Traditionsklubs aus der argentinischen Eliteliga besiegelt.

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Als das Unvorstellbare zur Gewissheit geworden war, kannte die Enttäuschung keine Grenzen mehr. Außer Rand und Band geratene River-Fanatiker stiegen auf die Stadionzäune. Steine, Feuerzeuge und Getränkebecher prasselten gen Rasen. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Wasserwerfern auf die tobende Menge. Am schwärzesten Tag der 110-jährigen Klubgeschichte verwandelte sich die altehrwürdige Spielstätte im noblen Wohnviertel Nuñez in ein Tollhaus.

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Unter Schock verfolgten die Akteure von River Plate die Eskalation der Gewalt auf den Rängen. Einige lagen sich schluchzend in den Armen, andere blickten mit versteinerter Mine ins weite Rund. Fußball als Drama. Dabei hatte an diesem bitterkalten Sonntag im argentinischen Winter alles so hoffnungsvoll begonnen.

Abbruch 40 Sekunden vor Ende regulären Spielzeit

Bereits nach fünf Minuten brachte Mariano Pavone die Gastgeber in Führung. Alles lief nach Plan. Ein frühes Tor. Dazu rund 50.000 euphorisierte Fans im Rücken. Die Rettung im letzten Moment schien zum Greifen nahe. Immer wieder rannten die Spieler in den weißen Trikots mit dem roten Querstreifen auf der Brust fortan ungestüm auf das Tor der Gäste an. Doch der zweite Treffer wollte nicht fallen, im Gegenteil.

Nach einer Slapstick-reifen Rettungsaktion zweier River-Verteidiger nutzte Guillermo Farré Mitte der zweiten Halbzeit die Chance zum Ausgleich. Die Stimmung im Stadion begann zu kippen. Kurz darauf verschoss Pavone auch noch einen Foulelfmeter und das Unheil nahm seinen Lauf. Letztlich pfiff Schiedsrichter Sergio Pezzotta die 40 Sekunden vor Ende regulären Spielzeit aufgrund der einsetzenden Tumulten unterbrochene Partie nicht wieder an.

Fans versuchten die Loge stürmen

Nur unter Geleit von rund drei Dutzend Sicherheitskräften konnten die River-Profis das Spielfeld in Richtung Kabine verlassen. Die Rowdys tobten unterdessen weiter. Auf der Suche nach Schuldigen für den Fall in die Zweitklassigkeit wollte eine kleine Gruppe sogar die Loge stürmen, in der sie River-Legende Daniel Passarella vermuteten, der im Dezember 2009 das Amt des Vereinspräsidenten übernommen hatte.

Der sportliche Kollaps des in der Beliebtheitsskala auf Rang zwei hinter den Boca Juniors rangierenden Weltpokalsiegers von 1986 ist jedoch nicht das Ergebnis einer miserablen Saison. Die glorreichen Zeiten, als Stars wie Alfredo di Stefano, Mario Kempes oder Enzo Francescoli die Massen im Monumental verzückten, sind längst Vergangenheit. Seit Jahren schon steuerte der durch Korruption heruntergewirtschaftete und mit rund sieben Millionen Euro verschuldete Verein dem Absturz entgegen.

Die Absteiger aus Argentiniens Beletage werden nach einem komplizierten Punktesystem ermittelt, dem die Ergebnisse der jeweils drei zurückliegenden Jahre zu Grunde liegen. Seit dem letzten nationalen Titelgewinn 2008 ging es stetig bergab mit dem einst wohlhabenden Vorzeigeverein, der im Volksmund auch »Millionarios« genannt wird.

89 Verletzte und 50 Festnahmen

Bis weit nach Spielende ließ der Mob seinem Frust ungehemmt freien Lauf. Scheiben im und ums Stadion gingen zu Bruch, Mülleimer wurden in Brand gesetzt. Sogar eine Apotheke stürmten die Chaoten und zertrümmerten das Inventar. Die Nachbarschaft der River-Spielstätte glich einem Schlachtfeld. Die Bilanz der Ausschreitungen: 89 Verletzte und 50 Festnahmen.

Bereits im Hinspiel hatten vermummte River-Hooligans den Platz gestürmt und waren handgreiflich gegen die Spieler der eigenen Mannschaft vorgegangen. Auf einem Banner drohten sie vor dem Rückspiel: »Für uns geht es um die Geschichte, für euch um euer Leben.« Leider ist so etwas keine Seltenheit im Land des zweifachen Weltmeisters. Immer wieder kommt es im argentinischen Fußball zu Gewaltausbrüchen.

Der Tag, an dem sich Rekordmeister River Plate aus der Eliteliga verabschiedete, wird noch lange als trauriges Kapitel ausartender Fanleidenschaft in Erinnerung bleiben. Klub-Präsident Daniel Passarella gibt sich allerdings kämpferisch: »Allen River-Fans versichere ich: Habt keine Angst, wir werden im kommenden Jahr um den sofortigen Wiederaufstieg kämpfen!« Wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Hauptstadtklub sportlich auf absehbare Zeit nicht auf sich aufmerksam machen wird. Ohne die TV-Millionen für Erstliga-Mannschaften droht ein personeller Ausverkauf.

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