Nach Marwin Hitz: Wenn Spieler Schiris beleidigen

»Kriminell und menschlich fies«

Am Samstag flog Wolfsburg-Keeper Marwin Hitz vom Platz, weil er Schiedsrichter Marco Fritz beleidigt hatte. Seither werden wieder verständnislos Köpfe geschüttelt. Warum eigentlich, fragt sich Philipp Köster. Nach Marwin Hitz: Wenn Spieler Schiris beleidigen

Zu den ewigen Gesetzen des Fußballs gehört, dass Spieler und Schiedsrichter keine Freunde sein können. Zu entgegengesetzt die Interessen, zu unterschiedlich die Temperamente, zu ungünstig die Rahmenbedingungen. Dass sich Kicker und Referees nicht an jedem Wochenende wüste Hauereien liefern, weil ein Foul ungeahndet oder ein Tor aus abseitsverdächtiger Position nicht gegeben wurde, ist allein den Fußballregeln zu verdanken, die einen einigermaßen zivilen Umgang der Akteure auf dem Feld sicherstellen sollen.

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Hin und wieder, auch an diesem Wochenende, bröckelt jedoch der Kitt der Zivilisation. Und dann kommt es vor, dass ein eigentlich wohl erzogener Jungprofi wie Wolfsburgs Keeper Marwin Hitz plötzlich dem Schiedsrichter die kolportierte Frage »Was willst Du, Vollidiot?« stellt, wo der doch nur festgestellt hatte, dass gerade zwei Bälle auf dem Spielfeld herumflogen. Referee Fritz mochte die Frage nicht beantworten, sondern hielt Hitz den roten Karton unter die Nase.

»Marwin Hitz gibt Rätsel auf«

Seither rätselt die Branche über die Motive des Torhüters. Selbst die »Neue Zürcher Zeitung« konstatierte am Montag ehrlich verstört: »Marwin Hitz gibt Rätsel auf«. Dabei sind Schiedsrichterbeleidigungen bei Licht besehen ein schnödes, nicht einmal besonders unterhaltsames Allerweltsdelikt. Seit es Fußball gibt, brennen den Spielern regelmäßig die Sicherungen durch – in allen Ligen, zu allen Zeiten, gerne aber auch im Profifußball, wo der Zorn über eine vermeintlich ungerechtfertigte Entscheidung noch kräftig durch eine tobende Kulisse verstärkt wird. Dann wird fröhlich drauflos beleidigt, allerdings ohne wirkliche Finesse. In der Regel werden nur die üblichen Körperöffnungen und Tiere vom Bauernhof bemüht. 

Anstatt aber die Schmähungen gegenüber Schiedsrichtern zu behandeln wie jedes andere Delikt auf dem Platz auch, kriegen Trainer, Manager und Mitspieler in solchen Fällen zuverlässig den Moralischen (»Da muss er sich einfach besser im Griff haben«), ganz im Gegensatz etwa zu Platzverweisen wegen brutalen Foulspiels, die in der Regel milde kommentiert werden: »Ich sehe da beim besten Willen kein Foul!«

»Charakterlos, kriminell und menschlich fies«

Diese ethische Überhöhung der Schmähkritik hat eine lange Tradition im deutschen Fußball und fand ihren vollendeten Ausdruck in Worten des DFB-Chefanklägers Kindermann. Der hatte einst Keeper Uli Stein vors Sportgericht gezerrt, weil der sich gegenüber einem Referee unflätig geäußert hatte und urteilte dann voller Abscheu, Steins Verhalten sei »charakterlos, kriminell und menschlich fies«. Ein bisschen was davon klingt noch heute durch, etwa wenn VfB-Direktor Fredi Bobic nach einem Aussetzer von  Cirprian Marica tief deprimiert verkündet: »Mit dieser Aktion hat er nicht nur sich selbst, sondern der gesamten Mannschaft geschadet.«

Bezeichnend für den verkrampften Umgang mit Kraftausdrücken auf dem Spielfeld ist die Tatsache, dass es bis heute keine einheitliche Rechtssprechung gibt. Das Regelstrafmaß sieht zwar vier Wochen Sperre vor, findet aber in der Realität selten Anwendung. Der Klassiker »Arschloch«, mit dem Marica einst Schiri Wolfgang Stark bedachte, kostete den Stuttgarter ungeachtet inhaltlicher Richtigkeit drei Spiele Sperre. Arjen Robben musste sein vergleichsweise sachliches »Vollpfosten« für den Unparteiischen mit immerhin zwei Spielen bezahlen. Mario Basler wiederum kam völlig um eine Sperre herum, weil sein Hinweis »Hosenscheißer« an den Referee lediglich mit 3000 Euro Bußgeld geahndet wurde, während Stuttgarts Frank Verlaat für seine Schmähkritik (»Du blinde Sau«) an Linienrichter Frank Gettke zwei Spiele aussetzen musste. Kurzum: Rechtssicherheit sieht anders aus.

»Schwule Sau« statt »Schwarze Sau«

Eine bizarre Note gewinnt die Debatte auch dadurch, dass Beleidigungen gegenüber den Unparteiischen drakonisch bestraft werden, Trashtalk gegenüber Gegenspielern hingegen als völlig normal angesehen wird. Kein Schimpfwort zu unappetitlich, kein Vergleich aus dem Tierreich zu abgedroschen, wenn es darum geht, den Gegner aus der Fassung zu bringen. Nur wenn jemand vollends die Fassung verliert wie Dortmunds Keeper Roman Weidenfeller im Derby gegen Schalke und den Schalker Gerald Asamoah als »schwarze Sau« tituliert, wird das Sportgericht angerufen. Das Gericht wiederum ist gleich wieder versöhnt, wenn Weidenfeller treuherzig versichert, er habe lediglich »schwule Sau« gebrüllt. Na, wenn das so ist.

Solcherlei rassistische Ausfälle sind gegenüber Referees bislang nicht aktenkundig geworden, nimmt man einmal gutmütig an, dass die in diesem Kontext sehr beliebte »Schwarze Sau« eher dem einstigen Priesterlook der Unparteiischen geschuldet ist.  Und hierzulande ist es auch noch nicht vorgekommen, dass wie in Übersee ganze Mannschaften Jagd auf den armen Referee machen. Mehr Gelassenheit wäre also angeraten und jene selbstbewusste Haltung früherer Generationen von Unparteiischen, die in hitzigen Situationen gerne mal zurückmotzten, anstatt gleich humorlos in der Hosentasche nach der Roten Karte zu suchen.

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