Nach Leverkusens Debakel gegen Barcelona
08.03.2012

Nach Leverkusens Debakel gegen Barcelona

Die die Ärmel runterkrempeln

Natürlich kann man gegen den FC Barcelona verlieren. Man kann sogar 1:7 verlieren. Man kann sich aber auch anstrengen. Und genau das taten die Leverkusener nicht. Waren sie so sehr Fans des Superklubs, dass sie ihm das Weiterkommen insgeheim wünschten?

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»Du hast keine Chance«, schrieb Herbert Achternbusch in »Die Atlantikschwimmer«. »Aber nutze sie!«

Der Satz des Münchner Volksdichters ist zu einem Sponti-Spruch geworden, einem Appell zum Aufbegehren gegen die Beschissenheit der Dinge. Und sei es, dass man wenigstens wütend wird. Immerhin besser, als einfach bloß rumzusitzen und zu warten, bis die Situation noch aussichtsloser wird. Das kann ja jeder.



Du hast keine Chance, aber nutze sie: Längst gehört dieser Aphorismus auch zum Vokabular der Underdogs im Fußball, der Außenseiter, Abgeschlagenen – ja, letzlich Chancenlosen. Erst mit dem Rücken zur Wand halten Trainer ihre ergreifendsten Kabinenpredigten – Pathos ausdrücklich erwünscht. Erst dann entdecken Spieler etwas in sich, das über Laktatwerte und Muskeltonus hinausweist: ihre Ehre. Erst dann begreift sich eine Mannschaft als Einheit: wir gegen den Rest der Welt. Erst dann entsteht der Mut der Verzweiflung. »Und wenn wir schon nicht gewinnen«, sagte Rolf Rüssmann einst, »dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.«

Geben wir es doch zu: Wir lechzen nach Wundern!

Das klingt alles arg nach überkommener Männerromantik, nach Blut, Schweiß und Tränen. Aber ist es nicht das, was wir wollen? Gerade die nicht vorhandene, dennoch genutzte Chance ist doch der Stoff, aus dem Fußballwunder bestehen. Und nach denen lechzen wir nun mal, mehr als nach jedem Kantersieg und jeder Rekordmeisterschaft. Was wir wollen, sind atemberaubende Aufholjagden, Siegtore in letzter Minute, Sensationen im Pokal, der ja ohnehin, wir wissen es allzu genau, seine eigenen Gesetze hat.

Hat die Champions League etwa keine eigenen Gesetze? Hat hier der Chancenlose denn wirklich überhaupt keine Chance? Nicht mal die, sich einigermaßen achtbar aus der Affäre zu ziehen?

Zwar erlebten wir am selben Spieltag, wie APOEL Nikosia den Favoriten Olympique Lyon übertölpelte und Arsenal London einem 0:4 gegen Milan ein heldenhaftes 3:0 folgen ließ – beides Partien, durch die der Hauch eines Wunders wehte. Und dennoch müssen diese Fragen erlaubt sein, nach einem 1:7, das Bayer Leverkusen sich gestern Abend vom FC Barcelona zufügen ließ. 

Ja, gut: Bei einem 1:3 im Hinspiel kann man durchaus von einem zementierten Zustand der Chancenlosigkeit sprechen. Aber die Arithmetik des internationalen Wettbewerbs macht ein Rückspiel nun mal unausweichlich. Kampflos geht es nicht.

Oder etwa doch? Die Leverkusener waren zwar angereist, damit erschöpft sich aber auch schon ihre Teilnahme an diesem Achtelfinale. Die sieben Tore erzielte der FC Barcelona unter freiem Geleit. Mit Ausnahme des tapferen Torhüters Bernd Leno war keinem Bayer-Spieler ein kämpferischer Gestus anzusehen. Hier krempelten Männer ihre Ärmel nicht hoch, sondern herunter. Nicht einmal den Rasen wollten sie zertreten, so zärtlich joggten sie darüber. 

Wo keinerlei Aggressivität zu spüren ist, beginnt man sie zu vermissen

Um das mal festzuhalten: Natürlich sind wir froh, dass die Zeiten überwunden sind, da Gegenspieler umgenietet wurden, um Zeichen zu setzen. Und dennoch: Wo keinerlei Aggressivität zu spüren ist, beginnt man sie zu vermissen. Und man beginnt sich zu ärgern, dass eine Mannschaft eine Niederlage weder abwenden noch in Grenzen halten will – nicht mal dann, wenn sie zur Schmach wird.

Selbst als neutraler Zuschauer empfindet man dieses 1:7 als Kränkung. Immerhin hat man 90 Minuten seiner Lebenszeit aufgebracht, um es zu verfolgen – in dem festen Glauben, dass es in jedem Spiel von Neuem ums Gewinnen geht. Und da dies offenbar nicht so ist, saß man hinterher auf dem Sofa und fühlte sich so naiv wie einer, der noch an den Klapperstorch glaubt.

Wenn also schon Begriffe wie Ehre und Mut keine Rolle spielen, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind – wenigstens die peinliche Rechtfertigungsorgie, die nach jedem Spiel droht, hätte die Spieler doch dazu bringen müssen, sich gegen ein Debakel zu stemmen.

Doch was tat Simon Rolfes, der Kapitän dieser Mannschaft? Er lächelte, als er vor die Mikrofone trat. »Es ist natürlich bitter, dass das Ergebnis so hoch ist«, sagte er, wobei man die angebliche Bitterkeit nicht recht mit seinem Lächeln zusammenbringen konnte. »Aber man muss sagen, dass Barcelona in seiner eigenen Liga spielt. Es ist schon phänomenal, wie sie spielen.«

Die Gottesanbetung steigerte sich zu einem Messdienst auf dem Rasen

So spricht keiner, der dem Gegner noch irgendetwas abtrotzen will, und sei es ein Achtungserfolg. So spricht ein Fan. Und darin liegt womöglich die Erklärung für die Passivität der Leverkusener: Es schien ihnen zu genügen, die Weltstars einmal aus nächster Nähe gesehen zu haben. Schon die kindische Rauferei um Messis Trikot nach dem Hinspiel ließ das befürchten. Nun steigerte sich die Anbetung dieses Fußballgotts zu einem Messdienst auf dem Rasen.  

»Die außergewöhnliche Qualität Barcelonas sollten wir anerkennen«, meinte Trainer Robin Dutt nach dem Spiel, auch er lächelte dabei. Das sollten sie, ja. Aber bitte erst hinterher und nicht schon vorher.

Camp Nou sehen – und verlieren

Neben Dutt stand DFB-Sportdirektor Matthias Sammer im Fernsehstudio. Ein Mann, der bekanntermaßen nichts mehr hasst als Niederlagen. Früher waren es seine eigenen, als DFB-Sportdirektor hasst er nun eigentlich alle, die im weitesten Sinne sein Zuständigkeitsgebiet betreffen. Während er nun in seiner Enttäuschung die tiefste Krise des deutschen Fußballs seit Erich Ribbeck ausrief und dann auch noch die Verantwortung dafür übernahm, weil es ja sonst keiner tat, lächelte Robin Dutt einfach weiter – und hinterließ so einen fatalen Eindruck: den eines Touristen, der sich über den Rasen des Camp Nou hatte führen lassen. Einfach, um es mal gesehen zu haben.

Natürlich bedeutet das 1:7 keine Krise des deutschen Fußballs, sondern eine Leverkusener. Eine Krise des Willens, die womöglich gar keine akute ist. Allzu routiniert war der flappsige Umgang mit dem, was anderen wie ein Debakel vorkam. Im Vergleich zu Robin Dutt kam sogar SKY-Mensch Jan Henkel rüber wie ein Kämpfer für alte Fußballtugenden.

Nein, diese Leverkusener hatten tatsächlich keine Chance. Insgeheim mögen sie – als Fans – dem FC Barcelona das Weiterkommen gewünscht haben. Nun können sie ihn vor dem Fernseher verfolgen. Hoffen wir, dass er auf stärkere Gegner stoßen wird. Denn erst dann werden wir sehen, wie stark er tatsächlich ist. Das 7:1 gegen eine Touristenauswahl ist ein Muster ohne Wert.

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