Nach der WM ist vor der EM

Wir bringen euch Liebe!

Kurz nach Lena Meyer-Landruts Sieg beim Eurovision Song Contest reiste die deutsche Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft. Auch sie gewann durch ihre Unbekümmertheit die Herzen. Was bleibt vom Sommerflirt? Nach der WM ist vor der EM
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Sie habe sich die Haare gemacht und neue Unterwäsche gekauft. Mit dieser Information, die sie mehr knödelte, als dass sie sie sang, gewann Lena Meyer-Landrut am 29. Mai dieses Jahres den European Song Contest in Oslo und versetzte damit die halbe Nation in Verzückung. Sie wurde am Flughafen von Hannover empfangen, als hätten die Deutschen eine neue Königin, und sie trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein, in dicken, abiturientinnenhaften Edding-Kringeln steht dort nun für immer: »Wow! Verdammte Axt, ist das geil. Dankeschönst! Leni.« Und eines Tages werden unsere Urenkel, die das lesen, sich fragen, was zum Teufel eigentlich mit uns los war, im Sommer 2010.

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Sie werden auf den Fotos von damals einen Mann sehen, der immer dicht hinter diesem koketten Mädchen stand und der so aussieht, als wüsste er es. »Lena hätte mit jedem Lied gewonnen. Die Leute lieben Lena«, sagt Stefan Raab – und beschreibt damit ein Phänomen: Die Verehrung einer öffentlichen Person nicht für ihr Können, sondern für ihr Sein. Genauer gesagt: für das, was sie zu sein scheint. Lena ist im Grunde ein Niemand, aus dem Nichts gekommen, nahezu geschichtslos – und deshalb die perfekte Projektionsfläche für Phantasien. Sie ist alles, was die Leute sich wünschen, weil sie es selbst nicht sind: jung, frech und fröhlich, hübsch. Die Leute lieben diese Lena, weil sie sie lieben wollen. Weil sie so gern überhaupt irgendwas lieben wollen.

Es bietet sich ja sonst nichts an. Vieles macht Angst: Staatsschulden, Wirtschaftskrise, Steuerlast. Was bleibt im Portemonnaie? Geht der Kollege mit mehr Netto nach Hause? Sozialneid, Mobbing, kein Kita-Platz. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und Wölfe lieben einander nicht. Aber sie wollen lieben, auch im Sommer der Probleme. Sie suchen. Sie finden: Lena – und Schland. 

Einig, Party zu machen, alles ist recht, die Freiheit nehm‘ ich mir

Es ist kein Zufall, dass Stefan Raab nicht nur Lena erschaffen hat, sondern auch diesen Sehnsuchtsort. Schland, das ist ein Akronym für Deutschland. Raab hat es von den Lippen derer abgelesen, die zu betrunken oder zu begeistert sind, um zwei Silben hintereinander zu grölen. Auch Schland ist eine Projektionsfläche, wie Lena. Deutschland einfach zu lieben, das fällt schwer – Hitler und Goethe, da müsste man arg viel differenzieren. Schland aber kann man lieben, einfach so, wenn man unbedingt will. Denn Schland, das ist Deutschland ohne historische Schwere, Deutschland im Hier und Jetzt. Schland ist Einigkeit und Recht und Freiheit, aber ohne verfänglichen Patriotismus: Man ist sich einig, Party zu machen, alles ist recht, die Freiheit nehm‘ ich mir. Schland, das ist mein Laden. Schland, das ist mein Verein. Schland, das ist Lena als Mannschaft.

Lenas Sieg bei der Liedchen-WM und der Beginn der Fußball-WM lagen gerade einmal 13 Tage auseinander. »Jungs, jetzt müsst ihr die Lena machen«, japste die »Bild«-Zeitung den Nationalspielern hinterher, als sie in den Airbus A 380 stiegen und über den Äquator flogen. Das war prinzipiell die richtige Idee, nur kann man die Lena nicht einfach machen. Man ist die Lena, oder man ist es nicht. Thomas Müller etwa ist es. Michael Ballack ist es nicht.

Dass der Kapitän nach einem Foul von Kevin-Prince Boateng im FA-Cup Finale am 15. Mai für das Turnier ausfallen würde, könne sich als Vorteil herausstellen, meinten manche Experten. Das klang noch wie das Pfeifen im Walde, und entsprechend unsicher war man sich: Schon nach dem 0:1 gegen Serbien wurde Ballack wieder vermisst. Freilich wäre die Mannschaft mit ihm nicht schwächer gewesen. Aber der Mann ist alt, und das nicht in athletischer, sondern in existentieller Hinsicht. Ein bald 34-Jähriger eignet sich nun mal nicht als Projektionsfläche. Ihn liebt man, oder man liebt ihn eben nicht. Einen Neuanfang gibt es mit ihm nicht mehr. 

Und so hätte Ballack, der Erwachsene, dem emotionalen Triumphzug dieser jungen Mannschaft nur im Wege gestanden. Schon 2006 war er, wenn man Sönke Wortmanns Dokumentarfilm »Deutschland – Ein Sommermärchen« glaubt, ein Fossil: Ein Individualist mit eigener Biografie inmitten eines Kollektivs, das seine Geschichte erst noch schreiben musste. Wortmann hielt die Kamera drauf, aber der Regisseur war Jürgen Klinsmann.

Er war es, der das Gedächtnis des deutschen Fußballs löschte, symbolisiert durch die Ausbootung Oliver Kahns. Alles musste neu sein. Seine Mannschaft entstammte nicht den Almanachen des DFB, sie war unfertig, mit genügend Lücken im Text, den die Schland-Fans selber füllten. Der Sommer 2006 war auch deshalb ein Märchen, weil es interaktiv war, das Märchen jedes Einzelnen, potenziert durch sportliches Gelingen und gutes Wetter. Unsteigerbar märchenhaft schließlich, als Spieler und Fans sich am Brandenburger Tor trafen und dort einen dritten Platz feierten, als wäre er der erste. Und Xavier Naidoo rappte dazu: »Manche lieben dich, manche geben sich für dich auf, come on.«

Man vergisst es fast, weil er mittlerweile zu einem Stimmchen degeneriert ist, das auf RTL halbgare Analysen wispert. Aber Jürgen Klinsmanns Verdienst ist es, dass er den Deutschen die Liebe zu ihrer Nationalelf zurückgegeben hat. Seinen Vorgänger Rudi Völler liebten sie auch, aber nur ihn – es gibt nur ein‘ Rudi Völler. Angefeindet, und nach dem 1:4 gegen Italien im März 2006 beinahe entlassen, ging Klinsmann als Abgeschriebener in die WM – und beendete sie als Weltmeister der Herzen. Weil er diesen Prozess – nicht erst durch Wortmanns Film – transparent machte, durchlief das Fußballvolk mit ihm gemeinsam diese Katharsis. 

Für Jungs aber wie Odonkor und Müller 2010 war Dabeisein alles

Seine Amtszeit schmerzte manchmal, manchmal tat sie gut, vor allem aber spürte man überhaupt wieder etwas. Lange Jahre zuvor waren deutsche Nationalspieler mit der gleichen Lust zu Weltmeisterschaften gefahren wie die Belegschaft einer Krankenkasse zur Fortbildung in den Harz. Kaltz und Briegel, Stein und Auge, auch noch Effe und Wörns – sie waren dabei, weil Dabeisein für sie das Mindeste war. Entsprechend muffig verrichteten sie ihren Job. Für Jungs aber wie David Odonkor 2006 oder Thomas Müller 2010 war Dabeisein alles. Ein Enthusiasmus, der ungeahnte Kräfte freisetzen kann. Klinsmann und sein Nachfolger Joachim Löw haben bei der Zusammenstellung ihrer Kader auf diesen Effekt gesetzt. »Ich habe erlebt, dass unsere Mannschaft sich in dem, was wir als Drehbuch vorgegeben haben, gut bewegt hat«, sagte Löw, der neue Regisseur am Set, nach dem Sieg gegen England im Achtelfinale. Ihm spielte überdies die demografische Entwicklung in die Karten, Bernd Schneider, Jens Lehmann, Jens Nowotny und Kahn haben aufgehört, Torsten Frings ließ er zu Hause, und Ballack fiel aus. 

Ohne sie ging die Mannschaft als jüngste überhaupt in das Turnier, nur drei von 23 Spielern (Klose, Friedrich und Butt) sind noch in den Siebzigern geboren. »Der Altersschnitt sollte relativ niedrig sein«, sagte Löw im Verlaufe des Turniers, und dazu musste er aus der Not nicht erst eine Tugend machen. »Die Fähigkeit, Siegeswillen zu entwickeln, geht vor Erfahrung, eindeutig.« Eine Boygroup, gecastet von ihm und seinen Mitstreitern Andreas Köpke und Hans-Dieter Flick, die wie die Jury um Stefan Raab auch auf eines geachtet hat: Können diese Jungs geliebt werden? »Die Leute lieben Lena«, sagte Stefan Raab. Und die Leute lieben Thomas Müller. 

Wie Lena kam auch Müller aus dem Nichts. Vor einem Jahr noch kickte er in der Dritten Liga bei den Amateuren des FC Bayern. Schon die Geschichte von einem, den es so plötzlich hochkatapultiert, hat das Zeug, geliebt zu werden. Und dann ist Müller auch noch das: jung, frech und fröhlich, sogar ein bisschen hübsch. Fünfmal traf er in Südafrika, dreimal gab er die Vorlage, einmal grüßte er seine Omas. Und das so natürlich, so spontan und ein wenig naiv, wie Lena ihren Gruß ins Goldene Buch gekringelt hatte. Müller ist schon verheiratet, was wohl der einzige Grund ist, warum der Boulevard ihn nicht mit Lena zu verkuppeln versucht hat. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, die beiden auf einem Mofa ins Freibad brausen zu sehen. La Boum – die Fete geht weiter.

Müller avancierte zum kleinen, coolen Bruder vieler Deutscher. Der macht sich keinen Kopf. Warum an die Zukunft denken? Die denkt ja auch nicht an uns. Es liegt in der Natur eines solchen Turniers, dass andere Dinge in den Hintergrund rücken – die großen Ferien von der Realität. Der eine oder andere Politiker buchte gleich ein paar Tage: Angela Merkel zeigte sich auf der Tribüne, sie perlte den süßen Schweiß des Sieges in ihr Kostüm, sie hüpfte und sie schwebte, für den Hauch einer Sekunde hatte sie die absolute Mehrheit. Auch der erst kurz zuvor im Elfmeterschießen gewählte Bundespräsident Christian Wulff eilte nach Südafrika – dass man ihn, noch als niedersächsischen Ministerpräsidenten, schon mit Lena gesehen hatte, belegt sein Gespür für den Augenblick. 

Bastian Schweinsteiger und Arne Friedrich ergrätschten den Deutschen Ferientag für Ferientag. Das war harte Arbeit. Bei Müller aber sah alles so leicht aus. Es war die Abkehr vom hässlichen deutschen Fußball, ohne niedlich zu werden, »so schön, dass es Angst macht«, wie die italienische »Gazetta dello Sport« schrieb. Eine gute Mischung.

Doch als Müller wegen einer Gelbsperre fehlte, wie eigentlich Ballack hätte fehlen sollen, war es plötzlich nur noch Arbeit. Das Halbfinale war von der gleichen unerfreulichen Zähigkeit geprägt wie schon das EM-Endspiel 2008. Die Spanier zogen ihr zuweilen zermürbendes Tiki Taka auf, die Deutschen versuchten vergeblich, es zu neutralisieren. Kroos hatte die einzig nennenswerte Chance, er vergab sie, Puyol köpfte ein, und es ging wieder nur um Platz 3.  

All die Alltags- und Erwachsenenprobleme!  

3:2 gegen Uruguay – das Vernunftziel, das Turnier mit einem Sieg abzuschließen, wurde noch erfüllt. Aber der Urlaubsflirt war vorüber. Schon in den Tagen danach flaute die Stimmung ab, man sah Sonnenbrillen statt offener Gesichter, es wurde wieder diskutiert über die Rückkehr von Ballack, die kommende Saison, Löws Vertrag und all die Alltags- und Erwachsenenprobleme. 

Was manchem komplett die Luft rausgelassen haben mag, war die plötzliche Anwesenheit des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. Gut drei Wochen lang hatte sich Löws Rasselbande vom selbsternannten Großonkel emanzipiert und sich recht erfolgreich seinen Tätschelattacken entzogen. Nun aber, nach dem Ausscheiden, tröstete er auf Hochtouren. Und machte so erst auf schmerzliche Weise bewusst: Deutschland war schon wieder nicht Weltmeister.

Schon Jürgen Klinsmann hätte wohl nichts dagegen gehabt, den Pokal zu holen. Aber er dachte prozessual – alles fließt. Sein Erfolg besteht darin, die deutsche Nationalmannschaft wieder in die Mitte der Gesellschaft manövriert zu haben. Auch Joachim Löw sagt: »Ich bin ein Trainer, der nicht immer alles an den nackten Ergebnissen misst. Oder nur an einem Pokal- oder Titelgewinn.« Und dennoch: Spätestens auf dem Rückflug aus Südafrika, als der Pilot die Durchsage machte, das Spanien das Finale gewonnen habe, wird ihm klargeworden sein, dass er und seine Mannschaft eine historische Chance verpasst hatten. 

Ihr wird eine große Zukunft prophezeit. Eine Bilanz von zwei Niederlagen und fünf Siegen, zu dem auch einer gegen schwache Australier gehört, sind die Grundlage dieser Annahme. Für einen Vereinstrainer wäre das allenfalls Grund zu vorsichtigem Optimismus, und auch Löw wird wissen, dass nun Zählbares erwartet wird. Vor ihm liegt der graue Herbst der EM-Qualifikation. Wie liest sich wohl das Drehbuch für das Auswärtsspiel in Kasachstan? Ist das immer noch der Stoff für eine Romanze?

Am Tag nach der WM lag noch viel Liebe in der Luft. Ab drei Uhr in der Früh warteten die Fans am Frankfurter Flughafen auf die Rückkehr der Nationalspieler. Oliver Bierhoff hatte zwar angekündigt, dass sie sich nicht zeigen würden, ein erneuter Auftritt am Brandenburger Tor war ebenfalls abgesagt worden. Die Fans aber warteten. Sie wollten weiterlieben. Unbedingt. Sie hielten gebastelte Schilder empor, »Danke, Jungs!« stand darauf, auf einigen war »Schland« zu lesen. Einer spielte auf einer mitgebrachten Ukulele ein Lied. Irgendwann traten zwei Flughafenbedienstete aus einer Schiebetür und teilten den Wartenden mit, dass sie doch bitte nach Hause gehen möchten. Es gebe hier nichts mehr zu sehen.

»Sie hätten sich wenigstens mal zeigen können«, sagte eine Frau enttäuscht. »Wir haben sie doch die ganze Zeit unterstützt.« In diesem Moment war etwas auseinandergebrochen. Schland war Weltmeister der Herzen. Aber Deutschland war nur Dritter. Und was macht eigentlich Lena Meyer-Landrut?

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