Nach der Razzia bei der »Wilden Horde«

Mitgehangen, mitgefangen

Am Donnerstag führte die Polizei bei 21 Mitgliedern der Kölner Ultragruppe »Wilde Horde« Razzien durch. Sie sollen bei dem Überfall auf einen Gladbacher Fanbus vor zwei Wochen beteiligt gewesen sein. Jetzt hofft der Klub auf einen Selbstreinigungsprozess.

Seit einigen Monaten wird gerne und viel über eine neue Qualität von Gewalt im Fußball gesprochen. De facto wurde da auch gerne und viel vermengt. Pyro war Gewalt, Gewalt war Pyro. Ein Ultra galt in der Öffentlichkeit plötzlich per se als Schläger, und vielerorts versuchte man der Kultur so zu begegnen wie in den achtziger Jahren den Hooligans. 


Indes, der Überfall auf einen Gladbacher Fan-Bus, der am vorvergangenen Sonntag von FC-Fans über 70 Kilometer verfolgt, dann eingekesselt und anschließend mit rot-weißen Pflastersteinen beworfen wurde, hatte tatsächlich eine neue Qualität. Das war keine Verfehlung, kein dritte Halbzeit, keine Wald- und Wiesenschlacht. Das war, so boulevardesk das klingt, ein hinterhältiger Angriff, der hätte tödlich enden können.  

Auch die Nachberichterstattung erreichte in jenen Tagen eine neue Dimension. Der Kölner »Express« veröffentlichte erstmals den Namen einer angeblich beteiligten Person. Christian H. soll demnach am Steuer eines der beteiligten Fahrzeuge gesessen haben. Christian H. ist Vorsitzender der »Wilden Horde«, der größten Ultragruppe beim 1.FC Köln. Die Polizei, so schrieb der »Express«, habe seine Beteiligung bestätigt. Gegenüber 11FREUNDE sagte der Kölner Polizeisprecher Lutz Flaßnöcker: »Offiziell haben wir keine Namen bestätigt.« In Teilen der Fanszene löste die angebliche Beteiligung von Christian H. Verwunderung aus. Gerd K.*, seit über 20 Jahren Allesfahrer, aber nicht Teil der Wilden Horde, bezeichnet ihn als »eher ruhigen und besonnenen Typen«.  

Der FC belegte die Gruppe im Sommer 2011 mit einem Materialverbot 

Unbestreitbar ist, dass sich die »Wilde Horde« in den vergangenen Jahren für ein negatives Straßenkämpfer-Image außerordentlich ins Zeug gelegt hat. Da spielt es auch kaum eine Rolle, dass einige Vorwürfe, bis heute nicht bewiesen wurden. So erhielt etwa ein Capo der Gruppe ein Stadionverbot, weil er, so die Aussage eines einzigen Zeugen, beim Auswärtsspiel auf Schalke im September 2011 die Heimfans mit Fäkalien beworfen haben soll. Bei anderen Aktionen hat die Gruppe allerdings eingeräumt, dass die Täter aus ihren Reihen stammen. Im Februar 2011 prügelten etwa Mitglieder einen Polizeibeamten und einen Abteilungsleiter der Kölner Sportstättengesellschaft nieder. Der FC hatte da gerade ein Ligaspiel gegen den FC Bayern gewonnen. Der Klub wies die Gruppe an, sich bei den Opfern zu entschuldigen – ohne Erfolg. Rainer Mendel, Fanbeauftragter des 1.FC Köln, sagte damals in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger: »Es wurden zwar zwei Termine ausgemacht, aber beide hat die ›Wilde Horde‹ abgesagt. Den letzten mit der Begründung, die Mehrheit der Gruppe sei dagegen, sich persönlich zu entschuldigen.«

Der Gruppe wurde auch deswegen ab Sommer 2011 ein Materialverbot auferlegt, dazu wurden ihr Arbeitsausweise, Lagermöglichkeiten und das Betreiben von Info-Ständen verboten. Die Gruppe schrieb in einer folgenden Stellungnahme: »Wir sind weiterhin nicht daran interessiert, in einen Dialog mit der Polizei zu treten – erst Recht nicht, wenn man uns durch angedrohte Stadionverbote, Sanktionen oder durch sonstige Druckmittel versucht, dazu zu zwingen.«

Ende Februar 2012 erhielt die »Wilde Horde« ihre Privilegien zurück. »Umso schockierter waren wir von der zeitlichen Nähe zu dem Überfall auf den Fanbus zwei Wochen später«, sagt FC-Sprecher Tobias Schmidt zu 11FREUNDE.

Die »Wilde Horde« bestreitet die Anschuldigungen

Der Vorfall vor zwei Wochen bestätigte dennoch viele Kritiker. Die »Wilde Horde« ist zwar die älteste und größte Ultragruppe, zudem stellt sie beide Capos, dennoch gilt sie im Stadion als umstritten. Vor vier Jahren waren bereits Mitglieder von der »Wilden Horde« ausgetreten und die »Coloniacs« gegründet. Man wollte die Ultra-Kultur zurück auf die Ränge bringen, hieß es damals. Der Support der eigenen Mannschaft sollte wieder im Vordergrund stehen. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass sich die »Coloniacs« auch wegen dem mitunter martialischen Auftreten und dem gewalttätigen Verhalten der »Wilden Horde« abspalteten.

Die »Wilde Horde« bestritt bisher alle Anschuldigungen. Auf der offiziellen Webseite der Gruppe hieß es drei Tage nach dem Überfall auf den Gladbacher Fanbus: »Die auf dem Rastplatz Siegburg vorgefallenen Situationen wurden weder von der Wilden Horde organisiert noch mitgetragen. Die meisten Mitglieder unserer Gruppe befanden sich zum Zeitpunkt der Geschehnisse bereits in Köln und wurden erst einen Tag später durch die Medien über die Vorfälle informiert.«

* Name der Redaktion bekannt


In den Morgenstunden des 15. März durchsuchte die Polizei Köln das Quartier der »Wilden Horde« in Köln-Vogelsang. Außerdem gab es Razzien bei 21 mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe. Die Polizei informierte gegen Mittag, dass »hochexplosive, pyrotechnische und nach dem Sprengstoffgesetz verbotene Gegenstände wie bengalische Feuer sowie ein Schießkugelschreiber zum Abschuss von Pyrotechnik« sichergestellt wurde. Weiterhin heißt es, dass »Rauschgift in nicht geringer Menge, diverse Schlagwerkzeuge, Vermummungsgegenstände und Farbdosen beschlagnahmt« wurden, zudem Handys, Laptops und Filmaufnahmen. »Es war unser erster Einsatz in diesem Ausmaß«, sagt Kriminalhauptkommissar Wolfgang Burger. Doch was heißt das überhaupt: Hochexplosive Stoffe? »Das sind verbotene Bengalos, etwa 30 Zentimeter hoch und vier Zentimeter im Durchmesser«, sagt Lutz Flaßnöcker. Man bekäme sie problemlos in Tschechien oder Polen, doch in Deutschland seien sie verboten. 

Wilde Horde hat Status als Fanklub verloren 

Der 1.FC Köln reagierte umgehend. »Nachdem die Polizei die bei den Razzien sichergestellten Gegenstände gezeigt hat, haben wir uns entschieden, der Gruppe ›Wilde Horde‹ ihren Status als Fanklub zu entziehen«, sagt Tobias Schmidt. Und FC-Geschäftsführer Claus Horstmann ergänzt: »Für die neuen Tatverdächtigen werden wir wie bereits bei den bekannten Fällen mit einem langjährigen bundesweiten Stadionverbot und im Falle der Mitgliedschaft mit einem Vereinsausschlussverfahren reagieren.« Er hofft nun auf einen Selbstreinigungsprozess. 

Allein, wie soll dieser vonstatten gehen? Zwar lautet das Ultra-Credo, dass Mitglieder, die einer Gruppe Schaden zufügen, intern sanktioniert und eventuell auch ausgeschlossen werden. Doch wann wird der Gruppe nach Ultra-Dialektik Schaden zugefügt? »Eine Prügelei mit einem Polizisten wird eher nicht als Schaden verstanden«, glaubt Gerd K. »Zudem werden Ultras mit Stadionverbot gerne zu Märtyrern erklärt.« 

Mitgehangen, mitgefangen

Dennoch steht für Gerd K. noch dahin, wer die Täter waren. »Etliche Mitglieder der ›Wilden Horde‹ reagierten jedenfalls bestürzt und überrascht auf den Autobahn-Angriff«, sagt er. Letztlich müsse man auch aufpassen, alle Mitglieder in Sippenhaft zu nehmen, schließlich gebe es auch immer wieder Aktionen von einzelnen Gruppenmitgliedern, die nicht mit der Direttivo, der Ultra-Führung, besprochen werden. Nach dem Überfall auf den Gladbacher Fanbus sollen deswegen Mitglieder bei der »Wilden Horde« ausgestiegen sein. Es sei kein Schuldeingeständnis. Vielmehr hätten sie realisiert, dass sie für kriminelle Handlungen verantwortlich gemacht werden können, die zwar Einzelne begehen, in der öffentlichen Wahrnehmung aber unweigerlich als Aktion der Gruppe verstanden werden.   

Die »Wilde Horde« hat sich bislang weder gegenüber 11FREUNDE noch auf der eigenen Webseite geäußert.

* Name der Redaktion bekannt


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