Nach der Entlassung von Holger Stanislawski

Das Ende der Unschuld

Mit der Entlassung von Holger Stanislawski vergibt die TSG Hoffenheim eine große Chance zu einem nachhaltigen Profilgewinn. Und die Klubführung beweist, dass viele Klischees, die ihr Gegner nachsagen, tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Nach der Entlassung von Holger Stanislawski

Als Holger Stanislawski vor seinem ersten Aufstieg als Trainer des FC St. Pauli stand, wurde er gefragt, ob er sich vorstellen könne, jemals anderswo auf der Bank zu sitzen. Er antwortete mit aller Offenheit, die in dem Moment so bestimmt nicht jeder hören wollte: »Ja, und ich möchte auch andere Strukturen und Menschen kennen lernen.« Viel Zeit dazu haben ihm die Verantwortlichen in Hoffenheim dazu nicht gelassen. Ganze acht Monate.

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Dabei schien das Experiment am Anfang überzeugend: Nach einem aufreibenden Bundesligajahr mit dem Kiezklub war Stanislawski am Ende seiner Kräfte, er hatte alles gesehen, alles erreicht, was mit den Möglichkeiten am Millerntor in die Tat umzusetzen war. Bei der TSG Hoffenheim, zumindest auf dem Papier ein Gegenentwurf zum FC St.Pauli, konnte er fern der Heimat und völlig unvoreingenommen eine neues Kapitel aufschlagen. Das Angebot bedeutete für ihn robustere Strukturen, einen langfristigen Plan und einen berechenbaren Erwartungsdruck. Die TSG profitierte im Gegenzug vom alternativen Image des Trainers, der anders als der notorisch strebsame Ralf Rangnick und der analytische Marco Pezzaiuoli der gepflegten Langeweile des Kraichgau-Fußballs eine sattes Pfund Schweiß, Dreck und gute Laune hinzfügte. Ein Coach, der kraft seines Charimas in der Lage schien, das Profil des profillosen Klubs zu schärfen. Im Niemandsland der Liga können solche Konzepte Nachhaltigkeit schaffen, man denke nur an Jürgen Klopp in Mainz oder Volker Finke in Freiburg.

Die Idee war gut, aber Hoffenheim nicht bereit

Jetzt ist klar: Die Idee war gut, aber Hoffenheim nicht bereit. Offenbar hatten die Verantwortlichen übersehen, dass charakterstarke Übungsleiter über die Eigenschaft verfügen, ausgeprägte Ansichten zu besitzen. Das bedeutet für ein Präsidium mitunter auch leichte Einschränkungen in der Lebensqualität. Von Stanislawski ist allgemein bekannt, dass er in der Lage ist, Widerworte zu geben und es kam auch in Hamburg oft vor, dass er – anders als es vielleicht die PR-Arbeit eines DAX-Konzerns vorsieht – seine Enttäuschung spontan öffentlich machte. Kaum ein Trainer in der Bundesliga ist in seiner Meinung so frei heraus und mitunter undiplomatisch wie der Exil-Hanseat. Es gibt Klubs, die können so etwas abfedern – manche brauchen es sogar, wie der FC St. Pauli, wo Diskurs ein Teil der Identität ist. In Hoffenheim kam es auch vor, dass Stanislawski sein Team öffentlich an den Pranger stellte, sein Seelenleben nach Spielen offenlegte oder das mangelnde Zuschauerinteresse bemängelte. Er hat laut gesagt, wenn ihm etwas nicht passte. Das Schroffe des Plattländers in der Beschaulichkeit Baden-Württembergs, dazu Stanis aufreizend subtile Ironie – keine Frage, da mussten sich einige Altvordere in Sins- und Hoffenheim warm anziehen. Aber im Fußball wird einem Protagonisten Ehrlichkeit verziehen, so lange sie mit sportlichen Ergebnissen einhergeht.
Die Entlassung von Stanislawski zeigt nun aber, dass Dietmar Hopps Ehrgeiz offenbar doch weitaus größer ist, als er bereit ist zuzugeben. Immer wieder betont er, dass die TSG ein arrivierter Ausbildungsverein werden soll. Ein Langzeitprojekt, dass auch ohne seine Unterstützung wirtschaftlich sein kann, kontinuierlich gedeiht und stets mit Ratio seine Ziele formuliert. Ein achter Tabellenplatz in der Bundesliga und das Erreichen des Pokalviertelfinals kann unter diesen Vorgaben durchaus als solide bezeichnet werden. Im medial unterrepräsentierten Kraichgau wäre es sicher auch machbar, Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten intern zu lösen. Doch dazu hatten die TSG-Funktionäre nach der Winterpause wohl keine Lust mehr.

Hopp attackiert seinen Trainer öffentlich

Den sichtlich angeschlagenen Stanislawski diskreditierte Mäzen Hopp ausgerechnet per Einlassung in sportliche Belange, nämlich mit den Worten, es sei weder eine Linie noch eine Entwicklung bei der Elf der TSG zu erkennen. Kein feiner Zug. In diesem Zusammenhang aber auch das Pressing des vom Hof gejagten Ralf Rangnick zu loben, war schlicht ein Affront. Dietmar Hopp ließ in dem Moment, als er es sagte, die Maske fallen. Denn so redet kein moderner Klubpräsident, das ist die Äußerung eines Sonnenkönigs. Eine Aussage, die letztlich beweist, wie grundlegend sich das Selbstbewusstsein eines Self-Made-Man wie ihm von der sachlichdienlichen Philosophie unterscheidet, mit der etwa Juristen wie Harald Strutz in Mainz oder einst Achim Stocker in Freiburg ihre Vereine führ(t)en.

Stanislawskis Demission spielt vor allem den Gegnern des Konzepts Hoffenheim in die Karten. Es bestätigt die uralte Fußballerweisheit, dass die wahre Schwierigkeit nicht darin besteht, nach oben zu kommen, sondern darin, oben zu bleiben. Dazu gehört in einem emotional aufgeladenen Metier wie dem Fußball auch, mit Würde und Anstand den Erfolg zu leben. Wer TSG-Keeper Tom Starke gestern zuhörte, bekam nicht den Eindruck, dass so ein Lebensgefühl aktuell im Kraichgau vorherrscht. Er schnauzte nach der unglücklichen 0:1-Heimpleite im Pokal gegen die Spvgg Greuther-Fürth in ein Reportermikrofon: »Wenn Sie wüssten, was hier los ist im Verein, das ist nicht normal!« Die TSG Hoffenheim steht vor einem Scherbenhaufen.

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