28.01.2013

Nach den Todesstrafen gegen ägyptische Fußballfans

Das kleinere Übel

Am vergangenen Samstag wurden 21 Al-Masry-Fans für die Stadionkatastrophe von Port Said zum Tode verurteilt. Die Reaktionen und Krawalle unmittelbar nach den Urteilen zeigen vor allem, wie unregierbar Ägypten geworden ist.

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Eigentlich sollte am kommenden Freitag der Ball in der ägyptischen Liga wieder rollen. Genau ein Jahr nach der Stadionkatastrophe von Port Said sollte mit der Liga ein Stückchen Normalität zurückkehren in den Alltag der Bevölkerung des Landes, das inzwischen seit zwei Jahren unaufhörlich von Krisen und Krawallen geschüttelt wird. Stattdessen aber verhängte der ägyptische Präsident Mohammed Mursi am Sonntagabend den »Ausnahmezustand« mit einer nächtlichen Ausgangssperre über die Provinzen und Städte entlang des wirtschaftlich wichtigen Suez-Kanals. Mursi sagte zwar, dass er »immer gegen Notmaßnahmen« sei, verhängte jedoch trotzdem die 30-tägige Ausgangssperre gegen das »Blutvergießen« und zum »Schutz des Volkes«.

21 Todesurteile nach der Stadionkatastrophe von Port Said

Der Grund dafür sind die Vorkommnisse vom vergangenen Wochenende. Am Samstag wurden 21 Fans von Al-Masry für ihre Verantwortung an der Stadionkatastrophe von Port Said zum Tode verurteilt. Die restlichen 51 Verhafteten, darunter neun Polizisten, sollen am 9. März verurteilt werden. Das Urteil wurde live vom ägyptischen Staatsfernsehen übertragen. In Port Said, der Hafenstadt, in der der Verein Al-Masry ansässig ist, kam es danach zu erwarteten Protesten und Gewalt. Angehörige versuchten verzweifelt, die Verurteilten aus dem Gefängnis zu befreien, Oppositionelle in Port Said, Suez und Ismailia nahmen die Urteile als Anlass für Krawalle, in deren Folge 31 Menschen ums Leben kamen. Als diese Todesopfer am Sonntag öffentlich beigesetzt werden sollten, kam es zu neuen Ausschreitungen, wiederum wurden mehrere Personen getötet und über 400 verletzt. Die Trauernden haben laut »Süddeutsche« skandiert: »Wir werden die Toten rächen oder sterben wie sie.«. Am heutigen Montag sind erneut tausende Menschen auf den Straßen von Port Said, um die Toten der letzten Tage öffentlich zu Grabe tragen.

Die Verurteilten sollen mit dem selbst für ägyptische Verhältnisse sehr harten Urteil für ihre Beteiligung am Angriff auf den Gästeblock der »Ultras Ahlawy« am 1. Februar 2012 nach einem Meisterschaftsspiel zwischen Al-Masry Port Said und Al-Ahly Kairo büßen. Bei der Stadionkatastrophe von Port Said gingen damals trotz eines 3:1-Siegs von Al-Masry zahlreiche Al-Masry-Ultras, bewaffnet mit Messern, Brechstangen und Schusswaffen, nach Abpfiff auf die Fans und Spieler von Al-Ahly los. Es folgte eine Massenpanik, insgesamt verloren 72 Anhänger von Al-Ahly ihr Leben. Da weder Sicherheitskräfte noch die Polizei eingriffen, gehen viele der Beteiligten von einer politischen Racheaktion aus. Die »Ultras Ahlawy« waren stark involviert in die Freiheits-Kämpfe des Februar 2011 rund um den Tahrir-Platz. Bis heute ist nicht geklärt, wer die Drahtzieher hinter dem Anschlag auf die »Ultras Ahlawy« sind.

Momentane Gewaltexzesse sind das kleinere Übel

Ben Kilb, ein deutscher Journalist, der zum Prozessauftakt anlässlich der Stadionkatastrophe im April 2012 in Kairo war und seitdem regelmäßig zu den »Ultras Ahlaawy« Kontakt hat, sieht die momentane Gewalt als das »kleinere Übel« an. Er glaubt, die Gewalt wäre wesentlich größer, wenn die Strafen für die Anhänger von Al-Masry geringer ausgefallen wären. Die Ultras von Al-Ahly hatte offen mit Gewalt gedroht, wenn die Gefangenen nicht zum Tode verurteilt worden wären. Die ausweglose Situation zeigt symbolhaft, wie unregierbar Ägypten geworden ist, wie unendlich weit weg ein normaler Alltag ist, wenn 21 Todesurteile und anschließende Gewaltexzesse mit weiteren Toten das kleinere Übel sind.

 
 
 
 
 
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