06.08.2013

Nach den Randalen bei Babelsberg gegen Lok Leipzig

Die unendliche Geschichte

Lok Leipzigs Fanszene fiel beim Spiel im Babelsberg mal wieder unangenehm auf. Die Verantwortlichen weisen allerdings die Schuld von sich. Wieso nur?

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Am Samstag fand in Potsdam ein Fußballspiel statt. Regionalliga Nord/Ost, Babelsberg 03 gegen Lok Leipzig, 3000 Fans waren gekommen, davon 800 aus Sachsen, und es hätte ein gutes Fußballspiel werden können, denn die Sonne schien, und die Fans sehnten sich nach einer langen Sommerpause nach Toren, Grätschen und Gras an Schienbeinen. Die Sache war nur: Der Fußball geriet am Samstag so weit in den Hintergrund, dass einige Fans irgendwann einen aberwitzigen Gesang anstimmten. Sie schrien: »Fußball! Fußball!« In einem Fußballstadion.
 
Es hatte gekracht. Und wieder mal führt das zu einer Situation, in der Lok Leipzigs Verantwortliche ein wenig unglücklich argumentieren. Denn geht es nach ihnen, sind vor allem Provokationen Schuld an den Geschehnissen vom Samstagnachmittag. Das sagt zum Beispiel Loks Präsident Heiko Spauke, der das Verhalten seiner Fans zwar als »Sauerei« einstuft, der aber auch darüber nachdenkt, die Gästefans beim Rückspiel in Leipzig auszuschließen. Um Provokationen zu vermeiden.

»Lasst euch nicht provozieren!«
 
Das sagt auch Loks Vizepräsident René Gruschka, der glaubt: »Wir haben eine schwierige Fanszene, doch wenn man provoziert wird, dann geht die Masse mit.« Und weil er den Eindruck nicht loswurde, dass vor allem der Babelsberger Anhang die Stimmung mit Sprechchören anheizte, stand er irgendwann am Stadionmikrofon und versuchte für den aufgebrachten Anhang, ein paar beruhigende Worte zu finden. Er schloss seine kurze Ansprache mit den Worten: »Lasst euch nicht provozieren!«
 
Ach, Lok. 1987 im Endspiel des Europapokals der Pokalsieger. In Erinnerung das großartige Halbfinale gegen Girondis Bordeaux, die gehaltenen und der verwandelte Elfmeter von René Müller ins linke obere Eck, die 120.000 Zuschauer im Zentralstadion. Ein einziger und nie enden wollender Jubel.
 
Dann der Abstieg, die Splittervereine, viele Jahre zwischen der 3. Kreisklasse Leipzig Staffel 2 und der Regionalliga Nord/Ost. Begleitet von einer Fanszene, die sich zu großen Teilen Rechtaußen positioniert. Sichtbar war sie immer. Im  Februar 2006 zum Beispiel, als einige Anhänger ein menschliches Hakenkreuz im Block bildeten. Oder im Oktober 2008, als Lok-Anhänger beim Spiel gegen Carl Zeiss Jena II die gegnerischen Fans »Juden« riefen.

Ist Lok auf einem guten Weg?
 
Vor zwei Jahren freute sich Loks damaliger Präsident Steffen Kubald, dass viele Neonazis mittlerweile Stadionverbot hätten. Er sagte: »Seit ein paar Jahren können wir mit gutem Gewissen behaupten, dass wir wieder auf einem guten Weg sind.« Im Oktober 2012 waren wieder rassistische Gesänge bei einem Auswärtsspiel zu hören. Damals trat Lok beim türkisch geprägten Berliner AK an. »Ihr seid nur  Dönerverkäufer« war noch das harmloseste, was man von der Gästetribüne hören konnte.
 
Besucht man heute die Internetseite von Lok, steht da unter dem Punkt »Fanbeauftragter«: »Die Position ist derzeit nicht besetzt.« Deswegen hat Gruschka diese Stelle kommissarisch übernommen. Es gibt ein Fanprojekt, doch hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass die Mitarbeiter bei vielen Lok-Fans einen schweren Stand haben. Wegen der politischen Ausrichtung? »Das kann ich nicht bejahen und nicht verneinen«, sagt Leiterin Sarah Köhler. Kann ein Mitarbeiter denn im Block gegen rassistische Rufe vorgehen? »Wir tolerieren keine neonazistischen Gesänge. Doch wenn man da interveniert, muss man die Situation genau abwägen. Man guckt, ob ein Ordner in der Nähe steht.«

Die große Frage: Wer hat angefangen?
 
Am Samstag bei Babelsberg 03 gab es auch Fans, die über die Rufe aus dem eigenen Block den Kopf schüttelten oder sich für ihren Anhang schämten. Dennoch war es an der Oberfläche ein Kampf der Systeme: Dort die Fanszene, die personelle Kontinuitäten aus finsteren »Blue-Caps«-Zeiten aufweist, hier die Babelsberger Ultras mit ihrem linkem Selbstverständnis. Zwei Tage nach den Vorfällen geht es vor allem um eine Frage: Wer hat angefangen? Zu beinahe jeder Aussage gibt es eine Gegenaussage.
 
Einig ist man sich, dass zu wenig Sicherheitspersonal anwesend war. »Die Verharmlosung und das Provokationsargument aus Leipzig finde ich armselig und beschämend. Den Schuh, für zu wenig Sicherheit gesorgt zu haben, müssen wir uns allerdings anziehen«, sagt Christian Lippold, Vorstandsmitglied bei Babelsberg 03.

 
 
 
 
 
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