Nach den Ausschreitungen in Brasilien

Im Würgegriff eines Gewaltproblems

Nach den wüsten Ausschreitungen in der letzten Runde der brasilianischen Meisterschaft stehen Rekordstrafen im Raum. Dem Gewaltproblem, das Brasilien im Würgegriff hält, wird man damit jedoch nicht Herr werden.

imago

»Ich habe viele Kämpfe auf der Tribüne gesehen. Aber keiner hat mich so schockiert wie jener gestern in Joinville«, schrieb Gustavo Mehl am Tag nach den Ausschreitungen im Spiel zwischen Atletico Paranaense und Vasco auf seinem Facebook-Profil. Der 30-jährige Stadtplaner ist Sprecher des Volkskomitees zu WM und Olympia in Rio, das die sozialen Proteste beim Confed-Cup mitorganisiert hat, und Fan von Vasco da Gama.

»Es ist schwierig, mit diesen Bildern zu schlafen«

In der unmittelbaren Nachbarschaft des Maracana aufgewachsen, wurde Mehl schon als kleiner Junge von seinem Vater mit ins Stadion genommen. Auf der Straße und im Stadion hat er einiges an Gewalt erlebt, dennoch schrieb er: »Es ist schwierig, mit diesen Bildern der Feigheit zu schlafen. Mit dem Klang der Schläge und Tritte, mit weinenden Kindern, geschockten Männern und Frauen und der menschlichen Torheit. Der Abstieg meines Teams ist durch diese Ereignisse viel, viel unbedeutender geworden.«
 
Treffender als der Augenzeuge kann man die Ereignisse, die sich in der letzten Runde der brasilianischen Meisterschaft abgespielt haben, wohl nicht zusammenfassen. Im Stadion von Joinville, in das Atletico Paranaense wegen einer Sperre des eigenen Stadions hatte ausweichen müssen, waren mehrere hundert Fans aus Coritiba und Rio aufeinander losgegangen. Ungebremst, denn auf eine vorschriftsmäßige Trennung der Fangruppen war ebenso verzichtet worden wie auf den Einsatz von Polizei im Stadion – obwohl das Spiel einige Brisanz in sich barg. Denn Atletico aus Coritiba kämpfte um einen Platz in der Copa Libertadores und Vasco, der vierfache Meister aus Rio, musste unbedingt gewinnen, um sich noch aus der Abstiegszone zu befreien.
 
Doch die Warnungen wurden in den Wind gestreut, und so kam es zu den erschreckenden Jagdszenen auf den Rängen. Jene Fans, die im Zuge der Auseinandersetzungen stürzten oder niedergeschlagen wurden, erwischte es besonders schlimm. Bis zum Exzess traten und schlugen Anhänger beider Lager auf die wehr- und teilweise bewusstlos am Boden liegenden Gegner ein – mit Füßen, Holzlatten und anderen Gegenständen. Erst nach mehreren Minuten bereiteten Einsatzkräfte mit Tränengas und Gummigeschoßen der Barbarei ein Ende – das Spiel war da schon unterbrochen und sollte erst 70 Minuten später wieder aufgenommen werden. Angesichts der Heftigkeit der von TV-Kameras eingefangenen Szenen verwundert es, dass weitergespielt wurde und keiner der Verletzten mittlerweile mehr in Lebensgefahr schwebt. Die Bilanz war trotzdem schrecklich genug: vier Schwerverletzte, je zwei auf beiden Seiten.

»Heute sind wir alle abgestiegen«
 
Die Bilder, die Gustavo Mehl bis in den Schlaf verfolgten, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer über die ganze fußballinteressierte Welt. Nach dem tödlichen Unfall auf der Stadionbaustelle in São Paulo Ende November war es bereits die zweite Negativschlagzeile für die brasilianischen WM-Organisatoren innerhalb kürzester Zeit. Die Tageszeitung »Folha de São Paulo« titelte am nächsten Tag: »Heute sind wir alle abgestiegen.« Organisatoren und FIFA-Vertreter beeilten sich, die Relevanz der Ereignisse für die WM herunterzuspielen – und trafen damit durchaus einen Punkt. Denn natürlich werden bei der am 12. Juni beginnenden WM-Endrunde in den teuren neuen Arenen andere Sicherheitsmaßstäbe greifen als bei dem Skandalspiel in der südbrasilianischen Provinz.

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