Nach den »Asozial«-Vorwürfen gegen den FC Bayern

Gute Nacht, Uli Hoeneß!

Nach der erneuten Verletzung von Arjen Robben fürchtet Bert van Marwijk Kritik aus München. »Beinahe asozial« sei das Gebaren von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Doch sind die nicht die sozialsten Menschen unter der Sonne? Eine Polemik. Nach den »Asozial«-Vorwürfen gegen den FC Bayern

Bert van Marwijk galt eigentlich als besonnener und ruhiger Mensch. Auf die in der Trainerbranche fast schon obligatorischen Wutreden hat Hollands Nationaltrainer  verzichtet  – bis zum vergangenen Wochenende. Da klang es so, als hätte der Niederländer plötzlich Ronald Pofalla als Redenschreiber engagiert. »Auf einmal geben sie uns die Schuld, davon wird man verrückt. Das ist beinahe asozial«, sagte er nach der erneuten Verletzung von Arjen Robben über die Verantwortlichen des FC Bayern. Moment, asozial? FC Bayern? Wie passt das zum Image des sozialsten Vereins der Welt? Zu Uli Hoeneß, der selbst einmal gesagt hat: »Ich bin der sozialste Mensch, den ich kenne.«

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Van Marwijk dürfte entgangen sein, dass Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge seit längerem mit wehenden Fahnen gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt kämpfen – sich nacheinander trotz aller Widerstände der Neidgesellschaft, Maßlosigkeit und der sozialen Kälte entgegen stemmen. Uli Hoeneß hat unlängst in Dresden vor Managern, Anwälten und Bänkern gesprochen und ihnen ins Stammbuch geschrieben, »Menschen beizustehen, auch wenn sie schwach sind«.

»Der wunderbare Uli Hoeneß«

Ebenso war es nur folgerichtig, dass er in einem von Frank Elstner moderierten Talk mit Kardinal Karl Lehmann über soziale Verantwortung im Fußball sprach. Elstner stellte Hoeneß so vor: »Ein Mann, der uns aus jeder Krise herausholen würde, wenn wir ihn öfter lassen würden: Es ist der wunderbare Uli Hoeneß.«

In gleichem Maße kritisch und neutral wie Elstner kam das ARD-Portrait »Attacke mit Herz« im letzten Jahr daher, in dem Hoeneß zum Schluss am See steht und die Stimme aus dem Off zu melodischen Klängen säuselt: »Den Kopf immer noch voller Visionen und Ideen – gedanklich aber schon lange angekommen.« Ein Satz, den man völlig unproblematisch auch in jedem Vorstellungsgespräch anwenden kann: Mein Kopf ist immer noch voller Visionen und Ideen, gedanklich bin ich aber schon lange angekommen.

Die »Mütter Beimer« des Fußballs

Rummenigge und Hoeneß gelten seit langem als die Herbergsmütter des FC Bayern, die den Spielern das Kopfkissen aufschütteln, den Tee aufwärmen und das Fenster schließen, damit die soziale Kälte nicht eindringen kann. Doch nun sind sie die »Mütter Beimer« einer ganzen Nation, die uns allen noch einmal eine gute Nacht wünschen. Als die Staatsanwaltschaft sich erdreistete, einen Strafbefehl gegen den Spieler Breno auszustellen, wünschte Hoeneß eine gute Nacht: »Wenn die Staatsanwaltschaft glaubt, dass das in unserem Staat richtig ist, dann gute Nacht.«

»Gute Nacht«, murmelte Deutschland zurück und kuschelte sich warm ein. Widerspruch erntete Hoeneß nicht, im Gegenteil: Viele stimmten in die Kritik gegen die Staatsanwaltschaft mit ein, so wie Waldemar Hartmann. Die Polemik siegte. Den wohl reflektiertesten Kommentar dazu gab es nicht in den Zeitungen, sondern auf dem Blog flankengoetter.com. Immerhin der »Merkur« schrieb: »Von ,Gute Nacht, Deutschland' müsste man eher sprechen, wenn sich die Staatsanwaltschaft auf einen Deal mit dem FC Bayern eingelassen hätte.«

Ein Feldzug gegen Neid und Missgunst

Doch nicht nur die Staatsanwaltschaft ist nach Ansicht der Bayern vom rechten Weg abgekommen, sondern auch der Europäische Gerichtshof, als er über die Exklusivrechte des Pay-TV entschied. Karl-Heinz Rummenigge warnte schon im Vorfeld der Entscheidung vor der Apokalypse: »Dann kommen auf den Profifußball in Europa gefährliche Zeiten zu, dann gute Nacht.«

Gute Nacht, Kalle. Denn wenn es um das Thema Vermarktung geht, hat Rummenigge schon häufiger das Nachttischlämpchen ausgeknipst. 1999 plädierte er für die Einzelvermarktung der Klubs, einen Gedanken, den nicht alle anderen Vereine mittrugen: »Ich warne davor, innerhalb des deutschen Fußballs eine Neiddebatte zu führen. Wenn es uns nicht gelingt, die Schieflage auszugleichen, dann gute Nacht«, sagte er dem »kicker«.

»Ich lebe Zivilcourage vor«

Doch nicht nur gegen den Neid in der Gesellschaft kämpften die Rächer der Enterbten, sondern auch für Werte in der Gesellschaft, für die Zivilcourage – alles in einer »Gute Nacht«-Geschichte verpackt. »Wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder nur noch das tut, was ihm persönliche Werte einbringt, dann gute Nacht«, erklärte Hoeneß seinerzeit in der »SZ« zur Bundestrainer-Posse um Christoph Daum. Danach platzte die Bescheidenheit aus ihm heraus: »Ich müsste im Nachhinein noch einen kleinen Stern bekommen. Denn ich habe in einer Zeit, in der die Scheinheiligkeit groß ist, bewiesen, dass ich nicht wie andere nur von Zivilcourage rede, sondern sie auch vorlebe. Man muss gegen den Strom anschwimmen.« Auch hier war Hoeneß gedanklich längst angekommen.

Gute Nacht, John Boy. Gute Nacht, Uli.

Man könnte das Ganze fortführen mit den Themen Taktik der Gegner (»Wenn sich alle hinten reinstellen, dann gute Nacht, Bundesliga«), Kurt Becks Kritik am Telekom-Vertrag (»Wenn sich solche Leute einmischen und die Neidgesellschaft schüren, dann gute Nacht, Staat Deutschland«) oder Schiedsrichter (»Wenn so weiter gepfiffen wird, dann gute Nacht, Fußball«). Die Frage bleibt: Warum gute Nacht? Sind die Bayern einfach nur bekennende Reinhard-Mey-Fans? Halten sie sich mit ihren Aussagen für das beste Anästhetikum ihrer Gesprächspartner? Oder ist es wie in dem Film »Inception« und die Bayern-Verantwortlichen wollen nur die geheimen Informationen aus der Traumphase der Schlafenden stehlen?

Nein, wahrscheinlich ist Deutschland nur noch das Haus der »Waltons«. Kurz vor dem Schlafengehen flüstert Uli: »Gute Nacht, Deutschland.« Und Kalle: »Gute Nacht, Fußball.« Und Fußball-Deutschland kuschelt sich in die Bayern-Bettwäsche und säuselt: »Gute Nacht, John-Boy. Gute Nacht, Uli. Gute Nacht, Kalle.«

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