Und der schlimmste Fall? Heißt: schweigen. »Gebt diesen Chemnitzern Idioten doch nicht noch so eine Plattform. Ignoriert sie und sie wissen gar nichts mehr mit sich sich anzufangen«, postete ein User auf die Facebook-Seite von 11FREUNDE. Falsch. Ignorieren heißt hier weggucken, heißt unter den Teppich kehren, heißt: so schlimm war es dann doch nicht. Der Autor dieser Zeilen wird es möglicherweise nicht so gemeint haben. Aber sein Lösungsansatz ist nicht richtig.
»Helfen«, sagt Torsten Rudolph vom Fanprojekt Dresden, »kann nur dauerhafte Zivilcourage.« Heißt: Mund aufmachen, bierduschen, was auch immer. Zeigen, was man scheiße findet. Das erfordert Mut, selbst bei Einzeltätern. Wann trainiert man es schon, einem fremden Menschen ins Gesicht zu sagen, dass er sich bitteschön samt seiner Meinung verpissen möge? Je größer und zahlreicher der Gegner, desto schwieriger wird es.
Auf der Dresdener Anzeigetafel steht: »Rassismus ist kein Fangesang!«
In Dresden kennen sie sich damit aus. Dort waren (und sind) die Arschlochgruppen oft ziemlich zahlreich, aggressiv und einfach unheimlich. Mit solchen Typen will man sich eigentlich nicht anlegen. Deshalb: »Wer Courage zeigt, muss dafür vollste Unterstützung vom Verein bekommen«, so Rudolph. Im Fall von Dynamo waren das zum Beispiel Trikots mit der Aufschrift »Love Dynamo, hate racism« oder die Anzeigetafel, auf der bei Heimspielen regelmäßig der Slogan »Rassismus ist kein Fangesang« aufleuchtet. Der Klub und das Fanprojekt arbeiten seit Jahren eng zusammen, viele kleine Schritte sind bislang getan worden, die einst zu Recht gefürchtete Fanszene ist zwar noch immer kein Hord der Nächstenliebe und Aufgeklärtheit, hat sich aber deutlich in eine positive Richtung entwickelt. Die Krawalle von Dortmund vor einem Jahr haben diese Entwicklung glücklicherweise nur überschattet, nicht rückgängig gemacht.
»Hate racism«-Trikots, Anti-Rassismus-Slogans, eine gemeinsam aufgenommene CD zur finanziellen Unterstützung von antirassistischen Projekten, Aufklärungsarbeit an der Fanbasis – es sind, was die Außenwirkung angeht, winzige Schritte im Vergleich zu dem medialen Echo von ein paar »Uh, uh, uh«-Idioten. »Wer tatsächlich glaubt, dass die Affenlaute ausgestorben sind, ist weltfremd«, weiß auch Rudolph, »passieren kann das jederzeit überall – natürlich auch bei uns in Dresden.« Aber alles ist besser, als ignorieren und schweigen. Jede Maßnahme ist ein Zeichen, ein kleines Symbol, ein leiser »Wir wollen den Scheiß nicht bei uns haben!«-Ruf. Steter Tropfen höhlt den Stein. Das wissen sie ganz sicher auch in Chemnitz.