Nach dem Viertelfinale: Die Welt kennt Marco Reus

Nicht nur die Haare schön

Bisher war er nur ein nationales Phänomen. Doch seitdem Spiel gegen Griechenland lernt jetzt auch die Welt Marco Reus kennen.

Marco Reus macht nicht den Eindruck, dass er sich schnell aus der Ruhe bringen lässt. Nicht auf dem Platz, vor allem nicht daneben. Er hat für sich eine Art gefunden, die Aufgeregtheit der Fußballbranche perfekt zu absorbieren. Aber manchmal hilft selbst das nicht. Ob man ihm schon einmal gesagt habe, dass er eine schönere Frisur habe als Mario Gomez, will eine Journalistin aus China von Reus wissen. Sein Gesicht fängt an zu leuchten wie eine Fleischtomate. »Mario…«, stammelt er. »Weiß ich nicht.« Reus lächelt verlegen. »Ich will jetzt nichts Falsches sagen … Ich versuche natürlich, das Bestmögliche aus mir rauszuholen.« Der Saal lacht. »Mario hat auch eine schöne Frisur. Aber über meine geht nichts.«

Marco Reus war bisher nicht dafür bekannt, ein besonderes humoriges Talent zu besitzen. Er gibt sich gerne ein bisschen scheu und spröde. »Ich sehe keinen Grund, warum man euphorisch wirken sollte, wenn man ein gutes Spiel gemacht hat«, sagt er. Aber vielleicht steckt mehr in ihm, als er bereit ist, preiszugeben. Die Welt lernt ihn ja gerade erst richtig kennen.

Die Hemmung ist weg

Bisher ist Marco Reus ein nationales Phänomen gewesen. Er hat in der Bundesliga ein überragendes Jahr hinter sich, ist mit Borussia Mönchengladbach auf Platz vier gestürmt, hat achtzehn Tore geschossen, elf vorbereitet und war für viele der stärkste Spieler der abgelaufenen Saison. International aber ist er noch nicht weiter aufgefallen. Bis Freitag jedenfalls, als Reus, beim 4:2 gegen Griechenland, zu seinem ersten Einsatz bei der Europameisterschaft kam. Etwas überraschend stand der 23-Jährige sogar in der Startelf, und er trug in nicht unerheblichem Maße dazu bei, dass der Plan von Bundestrainer Joachim Löw aufging. Das Defensivbollwerk der Griechen wurde von den Deutschen permanent attackiert. Mit der Ausdauer eines Spechts pickten sie Löcher in deren Abwehr, allen voran Reus. Der Gladbacher war immer in Bewegung, oft am Ball und damit eine stetige Bedrohung. »Marco Reus hat sehr gut gespielt«, sagte Löw.

So überraschend seine Beförderung in die Anfangself auch gekommen sein mag, so sehr hatte sich die Entwicklung zuletzt angedeutet. Der Bundestrainer hatte sich seit Beginn der Vorbereitung ausschließlich positiv über Reus geäußert, obwohl dessen Beziehung zur Nationalmannschaft anfangs nicht frei von Problemchen war. Jetzt aber, so scheint es, hat der künftige Dortmunder seine Befangenheit abgelegt. »Ich habe den Schwung aus der Saison mitgenommen, und der Bundestrainer sieht auch, dass ich richtig gut in der Nationalmannschaft angekommen bin«, sagt Reus. »In den Länderspielen davor war ich noch ein bisschen gehemmt.«

Lust- und wuchtvoll unter die Latte

Gegen Griechenland waren keinerlei Hemmungen zu spüren, obwohl Reus erst zum zweiten Mal von Anfang an für die Nationalmannschaft spielen durfte. »Es war gut, dass ich viele Aktionen hatte«, sagte er. Zwei Möglichkeiten leitete Reus in der ersten Hälfte ein, drei gute Schusschancen vergab er selbst. Eigentlich ungewöhnlich. Die Effizienz im Abschluss ist eine seiner großen Stärken. Noch viel mehr aber zeichnet es Reus aus, dass er sich auch unter widrigen Umständen aufs Wesentliche konzentriert: »Wichtig ist, dass man positiv bleibt und weiter an sich glaubt.« Sein Tor zum 4:1 gegen die Griechen verriet nicht den Hauch eines Zweifels. Reus nahm einen Abpraller volley und drosch ihn derart lust- und wuchtvoll unter die Latte, dass er einen Krampf in der Wade bekam. Ein überlegter Schuss mit der Innenseite hätte es vermutlich auch getan. »Ich habe die Situation ein bisschen anders wahrgenommen: Ich habe gedacht, auf der Linie steht noch ein Grieche«, sagte Reus am Tag danach. »Da blieb für mich nichts anderes übrig, als einfach draufzuhauen.«

Der Bundestrainer hatte ihm genau das aufgetragen: »dass ich so spielen soll, wie ich immer spiele, dass ich frech bin und mir was zutrauen soll«. Im Nachhinein wirkt es fast so, als hätte Löw den Tempodribbler bewusst ein wenig zurückgehalten, um ihn im richtigen Moment loszulassen. Nach dem Auftritt gegen die Griechen aber stellt sich mehr denn je die Frage, ob es für Marco Reus bei diesem einen Moment bleiben muss.

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