Nach dem Final-Kopfballtor von Branislav Ivanovic

Ein Hoch auf das Brecheisen

Branislav Ivanovic hat seinen FC Chelsea am gestrigen Abend in letzter Minute zum Europa-League-Triumph geführt. Durch einen wunderbaren Kopfball. Loblied auf ein fast vergessenes Stilmittel.

Es wird ja viel geplant und durchdacht im professionellen Fußball. Spielzüge werden einstudiert, Freistoßvarianten bis zum Erbrechen erprobt, Laufwege mit Hilfe modernster Technik analysiert und ausgewertet. Doch wenn am Ende gar nichts mehr geht, wenn die Zeit drängt und irgendwie ein Tor fallen muss, dann packen selbst die größten Mannschaften das Brecheisen aus. Dann werden die längsten Kerle nach vorne geschickt, ganz egal, auf welcher Position sie der Trainer an der Taktiktafel eigentlich festzementiert hat. Dann werden Doppelpässe und Flachpasskombinationen durch lange und hohe Flanken ersetzt. Dann kommen die Urinstinkte des Fußballs durch.

Nur ein profaner Kopfball?

So geschehen am Mittwochabend in den letzten Minuten des Europa-League-Endspiels zwischen dem FC Chelsea und Benfica Lissabon. Zwei Tore waren bereits gefallen, beide mit dem Fuß. Benfica hatte den schöneren, den besseren, den flacheren Ball gespielt. Aber Chelsea hatte die Brechstange. Juan Mata schlug eine letzte Ecke in den Strafraum, Branislav Ivanovic, ein 1,88 Meter großer und 86 Kilogramm schwerer Serbe, ahnte die Flugkurve, sprang, köpfte, traf und jubelte. Das Finale war durch einen profanen Kopfball entschieden worden.

Doch was heißt hier profan? Das, was die Brechstange Ivanovic da mit seinem Hauklotzkopf anstellte, war große Kunst! Im Rückwärtslaufen, nach 92 anstrengenden Minuten, vorne, hinten und neben sich die Gegenspieler, den Ball gegen die Laufrichtung des Torwarts so gekonnt ins lange Eck zu setzen, das war schön wie erfolgreiches Dribbling, ein krachender Volleyschuss, ein eleganter Schlenzer.

Und doch wirkt der Kopfball in Zeiten von tiki-taka, von Pressung und Gegenpressing, von Götze, Messi und Co. wie ein Stilmittel aus einer anderen Zeit. Als Stürmer noch Stürmer sein durften und Flanken aus dem Halbfeld nicht mit einer frühen Auswechselung bestraft wurden, sondern mit einem anerkennenden Nicken von der Trainerbank. Als die Torjäger nicht als erste Defensivkraft, sondern als Kopfballungeheuer eingestuft worden. Der Kopfball wurde zum Außenseiter des modernen Fußballs, zum nervigen Anhängsel, das man nur noch aus Mitleid mit zur Party nahm, dort in eine dunkle Ecke abstellte und erst wieder in Anspruch nahm, wenn die ganzen coolen Gäste schon längst nach Hause gegangen waren. Die Kopfball-Antipathie ging so weit, dass sich gleich mehrere Forschungsgruppen der Frage widmeten, ob Stöße mit der Stirn zur dauerhaften Verblödung führen würden. Das Ergebnis bei jeder dieser »Forschungen«: Kopfbälle, so sie nicht gerade mit Medizinbällen ausgeführt werden, sind ungefährlich.

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