»Mordkommando Bum-kun Cha!« – als Jürgen Gelsdorf Morddrohungen erhielt

»In einer halben Stunde legen wir den Gelsdorf um!«

Längst im Handel: Das 11FREUNDE-Spezial »Die Geschichte der Fußballfans«. Wohin der Fanatismus auf den Rängen führen kann, musste der ehemalige Leverkusener Jürgen Gelsdorf 1980 erleben. Nach einem Foul gegen Bum-kun Cha erhielt er Morddrohungen. Hier erinnert er sich.

imago

Ich bin Fußballer. Kein Mafia-Boss und auch kein umstrittener Politiker. Ich bin es nicht gewohnt, dass mir jemand droht, mich umzubringen.

Doch genau das ist mir im August 1980 passiert. Am 3. Spieltag der Saison 1980/81 empfingen wir mit Bayer Leverkusen Eintracht Frankfurt. Samstag, 15.30 Uhr, Bundesligazeit. Als Verteidiger galt mein Augenmerk natürlich dem besten Mann bei der Eintracht: Bum-kun Cha. Ein Südkoreaner, groß und stark wie ein Baum. Ihn galt es zu stoppen.


Eine gute Viertelstunde war gespielt, da passierte es. Ein Zweikampf wie tausend andere, die ich bislang in meiner Karriere geführt hatte. Nur mit ganz anderen Folgen. Cha wollte an mir vorbei, ich grätschte zum Ball, traf seinen Fuß, er stürzte. Ein Foul. Doch bei der Landung auf dem Rasen landete mein Gegenspieler so unglücklich auf dem Rücken, dass er verletzt ausgewechselt werden musste. Schiedsrichter Klaus Ohmsen zeigte mir die gelbe Karte, das Spiel ging weiter. Wir gewannen schließlich mit 3:2, doch schon kurze Zeit nach dem Spiel war das Ergebnis nur noch zweitrangig.

Buchmann sagte: »Ich habe Stollenabdrücke auf dem Rücken gesehen!«

Bum-kun Cha, so hieß es, sei bereits auf dem Weg ins Krankenhaus. Angeblich habe er sich bei meinem Tackling so schwer verletzt, dass nicht klar sei, ob er jemals wieder würde Fußball spielen können. Ich verstand die Welt nicht mehr, so schlimm hatte ich ihn doch nicht berührt. Doch die Journalisten waren bereits aufgescheucht wie ein Käfig voller Hühner. Der Stürmerstar aus Asien, ins Krankenhaus getreten von Jürgen Gelsdorf! Und damit nicht genug: Frankfurts Trainer Lothar Buchmann stellte sich vor die Presse und behauptete allen Ernstes, er habe Stollenabdrücke auf dem Rücken seines Spielers gesehen! Die Bombe war explodiert und die Schäden nicht mehr beheben. Jetzt war ich der brutale Treter, der Bum-kun Cha rücksichtslos in die Wirbelsäule gegrätscht war! Eine schlimme Lüge, die mein Leben verändern sollte.

Einen Tag später sendete die ZDF-Sportreportage einen Bericht von unserem Spiel gegen Frankfurt. Der Beitrag begann mit folgenden Worten: »Meine Damen und Herren, wir zeigen ihnen jetzt das brutale Ausscheiden des koreanischen Stürmerstars Bum-kun Cha.« Dann sah man meine Grätsche. Ein normales Tackling, keine Anzeichen dafür, dass ich Cha in den Rücken getreten hatte. Die »Bild«-Zeitung veröffentlichte einen Artikel über den Vorfall, illustriert war die Seite mit der Zeichnung einer Wirbelsäule, die angeblichen Schäden, ausgelöst durch mein Foul, waren deutlich markiert. Cha selbst lag im Krankenhaus und hatte schlimme Schmerzen, eine genaue Diagnose, so erfuhr ich später, gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Und weil er noch nicht gut genug deutsch sprach, hatte er auch keine Möglichkeit, die schlimmen Vorwürfe gegen mich zu entkräften. Eine fatale Situation.

 

Gezeichnet: Das Mordkommando Bum-kun Cha!

Die ersten Morddrohungen trafen bereits am Sonntag ein, mit Beginn der neuen Woche wurden es immer mehr. Hunderte, so erzählte man mir später, gingen in dieser Zeit auf der Geschäftsstelle von Bayer Leverkusen ein. In einem Drohbrief hieß es: »In einer halben Stunde legen wir den Gelsdorf um! Gezeichnet: Das Mordkommando Bum-kun Cha« Besorgte Eltern aus Frankfurt riefen bei der Polizei in Leverkusen an und sagten, dass ihre Söhne überstürzt nach Leverkusen aufgebrochen seien, »um noch was zu erledigen«. Für ein Foul in einem Fußballspiel wollten mich manche »Fans« lynchen! Wer soll so etwas verstehen?

Gleich nachdem die ersten Drohungen eingegangen waren, erhielt ich Personenschutz. Vor unserem Haus stand plötzlich ein Polizeiwagen, ich selbst wurde vor der Tür von den Beamten abgeholt und zum Training gefahren. Weil ich in Odenthal wohnte, brachte mich die Polizei aus Bergisch-Gladbach bis zur Kreisgrenze, dort stieg ich um in einen Streifenwagen der Leverkusener Polizei. Beim Training standen die Polizisten an der Seitenlinie. Ein vollkommen absurdes Szenario.

 

Meine Mitspieler übernachteten bei mir: »Wir lassen dich nicht allein.«

 

Natürlich hatte ich Angst. Vor allem um meine Frau, die noch viel weniger begriff, welche Maschinerie sich da in Gang gesetzt hatte. Meine Mitspieler Norbert Ziegler und Dietmar Demuth tauchten in den ersten, besonders schlimmen Tagen bei mir auf, sie sagten: »Junge, wir lassen dich jetzt nicht alleine.« Was für eine Geste! Wir sprachen stundenlang über dieses Spiel, die Szene und die ganzen Wahnsinnigen, die offenbar dort draußen herum liefen. 

So sehr mir die Kollegen auch Mut zusprachen: Ich war völlig fix und fertig, richtig paralysiert. Wie hatte es so weit kommen können? Was sollte ich denn jetzt machen? Mit dem Fußballspielen aufhören? Vielleicht war das die beste Lösung. Was hatte es denn noch für einen Sinn, einen Job auszuüben, wegen dem ich Morddrohungen bekam?

 

Jemand drohte, mich vom Tribünendach zu erschießen

 

Die ganze Woche rissen die Drohungen nicht ab. Ein Verrückter erklärte, er werde mich beim nächsten Spiel gegen Borussia Mönchengladbach vom Tribünendach des Bökelberg-Stadions erschießen. »Jürgen«, sagte meine Freunde und Mitspieler, »fahr doch einfach für ein paar Tage weg. Lass den ganzen Mist hinter Dir!« Mein Trainer Willibald Kremer riet mir, nicht mit zum Spiel nach Mönchengladbach zu fahren. Doch das wollte ich alles nicht. Ich wollte Fußball spielen! Klein beizugeben, vor der Gefahr zu fliehen, das wollte ich diesen Idioten nicht gönnen. Schließlich hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Schuld war Frankfurts Trainer Lothar Buchmann, der mit seiner Falschaussage die Medienhetze erst in Gang gebracht hatte. Gegen Borussia Mönchengladbach wollte ich auf dem Platz stehen und allen zeigen: Ihr kriegt mich nicht klein!

Die Stimmung auf der Fahrt zum Spiel war gespenstisch. Neben mir im Mannschaftsbus saß ein Personenschützer, den Revolver im Anschlag. Die Sicherheitsvorkehrungen im Stadion wurden erhöht. Ich spielte, nichts passierte und wir verloren mit 0:1. Die Medien hatten inzwischen eingesehen, welchen Stein sie da ins Rollen gebracht hatten. Nach und nach nahmen sie ihre Berichte zurück und nach wenigen Wochen war auch Bum-kun Cha, der Mann, den ich angeblich zum Krüppel gemacht hatte, wieder voll einsatzfähig.

 

Vier Wochen lang erhielt ich Personenschutz 

Doch es dauerte lange, bis dieser Alptraum vorbei war. Fast vier Wochen lang erhielt ich Personenschutz, dann durfte ich endlich wieder ohne Begleitung aus der Haustür gehen. 

Knapp drei Jahre später wurde in Leverkusen ein neuer Spieler vorgestellt. Sein Name: Bum-kun Cha. Als wir uns sahen, mussten wir lachen. So verrückt ist nur das Leben. Wir umarmten uns, jetzt würden wir gemeinsam Fußball spielen. In den Monaten danach lernten wir uns immer besser kennen, luden uns gegenseitig nach Hause zum Essen ein – und wurden Freunde. Fast schon kitschig, wie sich diese Beziehung entwickelt hatte. Bum-kun selbst sagt dazu immer: »Das hat der liebe Gott so geregelt.«

Wenn wir uns sehen, dann finden Bum-kun und ich immer ein Gesprächsthema, häufig diskutieren wir natürlich über Fußball, aber auch über den Glauben. Doch bis heute haben wir nie über die Szene vom 23. August 1980 gesprochen.

 

Mir ergeht es heute wie Frank Mill 

 

Der ganze Hass von damals ist für mich längst Vergangenheit. Zwar sprechen mich noch heute Menschen auf diese Sache an, da ergeht es mir nicht anders als Frank Mill, der immer noch an seinen berühmten Fehlschuss erinnert wird. Aber das macht mir nicht mehr viel aus. 

Ich hoffe nur, dass so etwas nie wieder passiert. Selbst meinem schlimmsten Feind würde ich so eine Situation, wie ich sie damals erlebt habe, nicht wünschen. Dagegen kann man sich nicht wehren, wenn die Hetzjagd erst mal los geht, bist du chancenlos. Ein dummes Interview ist schnell gegeben, ein falscher Bericht schnell geschrieben. Aber die Schäden bleiben eine halbe Ewigkeit.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!