12.03.2014

Mit Vlado Kasalo durch Zagreb

Eins, zwei, Polizei

Glücksspiel, Krieg, Gefängnis – das Leben des Vlado Kasalo gleicht einem Mafia-Film. Was macht er eigentlich heute? Eine Audienz beim König von Zagreb.

Text:
Bild:
Nemanja Pancic

Casual Friday in Kroatien. Vlado Kasalo trägt Sonnenbrille, Jeans, Après-Ski-Daunenjacke und signalrote Turnschuhe. Er fährt mit seinem schwarzen BMW 318 durch Zagreb, als gehöre ihm die Stadt. Und ein bisschen ist das auch so. Wenn er den Wagen parkt, kommen die Menschen zu ihm und rufen »Hallo, Vlado!«, Vlado legt dann seinen Arm um sie und fragt: »Mein Freund, was macht das Leben?« Er ist der König von Zagreb.

In einem Fischrestaurant trifft er seinen alten Kumpel Ivo Cicic, halblanges zurückgekämmtes Haar, aufgewachsen in Berlin, früher Gastwirt, heute Chef eines Zagreber Wettbüros. Am Maksimir-Stadion klatscht er mit Zoran Mamic ab, auch ein ehemaliger Bundesligaspieler, VfL Bochum und Bayer Leverkusen, jetzt Trainer von Dinamo Zagreb. Und ein paar Straßen weiter winkt Nana, »die beste Friseurin von allen«, wie der König sie nennt, seit 27 Jahren schneidet sie ihm bereits die Haare. »Vlado, oh, Vlado«, sagt sie, »er kennt hier alle«, und Vlado lächelt. Dann geht er in ihren Salon und lässt sich ein wenig die Kopfhaut massieren. Als er zahlen möchte, winkt Nana ab, das passt schon. Küsschen links, Küsschen rechts, wir sehen uns, Schätzchen. Dieser Kasalo wirkt wie die leicht überzeichnete Figur eines Balkan-Krimis: Alle Geschäfte erledigt? Klar! Also Sonnenbrille auf und den Fuß wieder aufs Gaspedal. Eine Hand am Steuer und immer auf der Suche nach dem nächsten Überholmanöver.

Noch hat Kasalo viel Freizeit, denn erst in zwei Wochen beginnt sein neuer Job. Er wird als Scout und Spielanalytiker bei Dinamo arbeiten, irgendwas Geregeltes müsse er ja machen, sagt er. In ein paar Tagen will er sich zwar auch einen 5er BMW kaufen, in Weiß, noch ein bisschen dicker, noch ein bisschen breiter als der, den er schon hat. Aber immer nur mit dem Auto rumfahren, und sei es als König von Zagreb – das kann nicht alles sein.

Kasalos Welt besteht aus Gegensätzen und Extremen

Und wo sollte er wieder ins Fußballgeschäft einsteigen, wenn nicht bei Dinamo? Hier spielte er als Profi, hier war er später Sportdirektor und Jugendtrainer. Und selbst wenn er kein Amt ausübte, traf man ihn jede Woche irgendwo im Umlauf des Maksimirs. Bei wichtigen Spielen saß er mit seinen Freunden in der VIP-Loge, bei Trainingseinheiten stand er am Zaun, mit zwei Schachteln Zigaretten und einer Menge Geschichten in petto, zwischen Kiebitzen und anderen einstigen Dinamo-Helden. »So ist Leben!«, sagt Kasalo. »Leben ist scheiße!« Das sagt er ziemlich oft, dabei meint er es nicht so, denn eigentlich läuft es gerade wieder mal ganz gut. Die Sache ist nur: Kasalos Welt besteht aus Gegensätzen und Extremen. Aus Top oder Flop, Freund oder Feind, super oder scheiße.

>> Kasalos Karriere in Bildern

Am 5. April 1991 lief es erst auch total super und dann total scheiße. Kasalo saß in seinem Lieblingscasino und fühlte sich wie der König von Nürnberg. Er hatte auf diesem Platz schon einmal 270 000 Mark verloren, doch an jenem Freitagabend fielen die Barbut-Würfel, wie er wollte. Kasalo gewann einen fünfstelligen D-Mark-Betrag und riss jubelnd die Arme in die Luft. Plötzlich zuckte er zusammen. »Hände hoch!«, rief jemand, Kasalo drehte sich um und blickte in die Pistolenläufe der Polizisten. »Ich habe sie doch schon oben!«, stammelte er. In der rechten Hand hielt er den Geldbatzen, in seiner linken den Würfelbecher. Wo Kasalo ist, ereignen sich Filmszenen. Diesmal: »Goodfellas« in Nürnberg.

Nürnberg, der Goldene Westen

Er war im Sommer 1989 für die Rekordablöse von 1,3 Millionen Mark aus Zagreb zum Club gewechselt. Franz Beckenbauer hatte den Jugoslawen empfohlen. »Den könnt ihr blind nehmen«, hatte er gesagt, und Nürnbergs Präsident Gerd Schmelzer glaubte, einen »richtig dicken Fisch« geangelt zu haben. In der Tat war Kasalo bis dahin eine große Nummer in seiner Heimat gewesen. Bei Dinamo galt er als einer der Topstars, er war Jugoslawiens Hoffnung für die WM 1990 und hatte in Kiew neben Zico und Claudio Gentile in der Weltauswahl gespielt. Nun also Deutschland, Nürnberg, Mittelfranken, der Goldene Westen.

Als er zu Vertragsverhandlungen in Schmelzers Büro saß, stellte er zur Überraschung seines Beraters Forderungen. »Ich will 30 000 Mark pro Monat und dasselbe Auto haben wie Sie«, sagte er zum Club-Präsidenten, während der Berater in seinem Sessel versank. Für Kasalo hingegen war das ein bekanntes Spielchen, schon immer hatte er seine Deals ausgezockt. Bei seinem zweiten Profiverein, Olimpija Osijek, unterschrieb er nur, weil der Trainer versicherte, ihm eine besonders teure Lederjacke zu kaufen. Als nun der Berater beschwichtigen wollte, lachte Schmelzer laut auf und sagte: »Kein Problem, mein Freund!«, und Kasalo, der in Osijek ohne Vater als Sohn einer Kurierdienstfahrerin aufgewachsen war, der sich in seiner frühen Karriere mit Supermarkt-Bons statt mit regelmäßigen Gehältern durchgeschlagen hatte, sah mit einem Mal, dass er es in Deutschland zu etwas bringen könnte. Zumindest auf der Straße. Fortan fuhr er mit einem Mercedes-Coupé 300 durch die Stadt, kaufte sich Schuhe für 800 Mark, Anzüge für 1500 Mark und, wenn noch Geld übrig war, ein paar goldene Rolex für seine Freunde.

Die Presse spottete über den Millionen-Fehleinkauf

Doch sportlich lief es überhaupt nicht. Niemand verstand ihn, und er verstand niemanden. Mit Souleyman Sané spielte anfangs nur ein weiterer Ausländer in Nürnberg, doch der lebte schon über fünf Jahre in Deutschland. Und während sich der Senegalese bei Mannschaftsabenden mit den Mitspielern Witze erzählte, verschwand Kasalo so schnell wie möglich in seine überdimensionierte Wohnung, schaltete den Fernseher ein und dachte, dass ihm die anderen mal den Buckel runterrutschen könnten, schließlich lebte er wie ein König.

Nach fünf Spielen verletzte sich Kasalo so schwer, dass er einige Monate ausfiel. Während die Presse über den Millionen-Fehleinkauf herzog, pendelte Kasalo zwischen Reha-Klinik und Einkaufspassage. Er fuhr jedoch ohne gültigen Führerschein, und die Polizisten in Deutschland waren aus anderem Holz als die in seiner Heimat. Als sie Kasalo zum dritten Mal erwischt hatten, musste er 25 300 Mark Strafe zahlen. Zudem bekam er eine einjährige Bewährungsstrafe.

 
 
 
 
 
1234
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden