Mit Mogwai auf St. Pauli

»Rieche ich etwa Haschisch?«

Celtic gegen Arsenal – ein besonderes Spiel für die schottische Band Mogwai. Wie die eingefleischten Celtic-Fans sich beim Fußball verhalten, durften wir einst am Millerntor erleben. Dort sprachen wir mit ihnen über Hass, Fantum und Musik. Mit Mogwai auf St. PauliPromo
Heft #91 06/2009
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Von wegen Blur sind scheiße! Der FC St. Pauli braucht nur ein Tor zu schießen, schon stimmen die beiden Mogwai-Mitglieder Martin Bulloch und Barry Burns mit den Pauli-Fans in »Song 2« ein. Schmäh-T-Shirts drucken zu lassen und auf der eigenen Website Graham Coxon zu beschimpfen ist eine Sache, Fußball eine ganz andere. Die entspannte Stimmung im Stadion versetzt die medial gern griesgrämig agierenden Mogwais in Gönnerlaune. Für Außenstehende erscheint der FC auch tatsächlich als gebenedeit unter den Fußballvereinen. Schon vor dem Stadion erweckt das Publikum eher den Eindruck, ein Rockkonzert stünde bevor.

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Und überall laufen nette Männer mit auf den Rücken geschnallten Bierfässern herum. Super. Leider ist in den Fässern Astra, man kann eben nicht alles haben. Nebenbei weist man mich darauf hin, dass der Ausschank von Vollbier in deutschen Stadien keine Selbstverständlichkeit sei. In Glasgow herrsche gar ein generelles Alkohol- und Rauchverbot, und man müsse das ganze Spiel über sitzen. Die Vorstellung, ohne Bier und Zigaretten in einem Fußballstadion zu hocken, ist noch bitterer als das milchige Astra in meinem Plastikhumpen.

Aber zurück nach St. Pauli. Hier werden zur Verzückung der Schotten auch noch ganz andere Genussmittel konsumiert. »Rieche ich etwa Haschisch?« frohlockt Martin noch vor dem Anpfiff. Die Antwort findet er in der Südkurve, die von einer überdimensionalen Marihuana-Flagge dominiert wird. Ein Schritt in die richtige Richtung, Totenköpfe zieren ja mittlerweile das Outfit jedes 3-Jährigen. Das hält Bulloch allerdings nicht davon ab, sich später in der Halbzeit das klassische schwarze Jolly-Roger-Shirt des FC zu kaufen. Auf die Frage, ob er schon anderen St.-Pauli-Merchandise habe, rattert der Schlagzeuger eine lange Liste von Bekleidungsstücken und Accessoires herunter. Er könnte genauso gut sagen: »So ziemlich alles, was es im Fan-Shop gab, außer der Fußmatte.«

Kreditkartengroß Jahreskarte für die Spiele des Celtic F.C.

Die Begeisterung Bullochs für den Hamburger Fußballclub ist keine absonderliche Schrulle, er ist Celtic-Fan, und zwischen St. Pauli und Celtic Glasgow besteht langjährige Fanfreundschaft. Er zeigt mir seine kreditkartengroße Jahreskarte für die Spiele des Celtic F.C. »Das verdammte Ding kostet 600 Pfund.« Dafür sitzt er aber seit ca. 25 Jahren auf demselben Platz. Das ist offenbar noch gar nichts, denn Barry wirft ein, dass Martins Mutter erst so richtig verrückt nach dem Verein sei. Sie reist regelmäßig zu Auswärtsspielen.

Barry selbst geht übrigens nicht zu Celtic: »Ich kann dort nicht das Stadion betreten. Ich hasse die Rangers einfach zu sehr.« Die Frage, warum er nicht wenigsten dann hingehe, wenn die Rangers nicht spielen, stelle ich lieber erst gar nicht. Fußball ist ja Glaube, also durch und durch irrational. Darauf weisen auf dem Heiligengeistfeld besonders die amüsanten Fangesänge und Zwischenrufe des Publikums hin. Barry versucht sich mit einem prononcierten »Arschficker«-Ruf in Richtung VFB-Neuzugang Jens Lehmann einzugliedern, erntet dafür aber bestenfalls irritierte Blicke. Sein »Du bist arbeitslos!« kommt dagegen schon besser an. Barry hasst Jens Lehmann, spricht dafür aber auffällig gut Deutsch. Demnächst zieht er mit seiner Freundin nach Berlin-Kreuzberg.

Den Grund, warum er seine Heimat verlässt, verrät er mir auch: »Ich hasse das Vereinigte Königreich. Viel zu teuer alles!« Barry und seine Kollegen hassen ja angeblich auch Blur, doch, wie schon gesagt, singen sie, als der grün gekleidete Lehmann in der 37. Minute ein Tor kassiert, den für diese Zwecke stets eingespielten Refrain von »Song 2« fröhlich mit. Wo wir schon mal dabei sind: Der FC führt eine ganze Halbzeit lang. In der zweiten kann sogar noch ein Tor erzielt werden, leider aber erst, nachdem die löchrige Abwehr der Hamburger den Schwaben insgesamt fünf eiskalte Treffer ermöglicht hat. Schade für St. Pauli, doch die Mannschaft wird zum Trost sowieso abgefeiert, als wäre nichts gewesen.

Aber wir waren ja eigentlich beim Hass - Barry und Martin mögen es auch nicht besonders, wenn man ihnen Erklärungen über ihre Musik abverlangt. Selbst mein hypothetischer Ansatz, ob vielleicht unter Folter etwas zu erfahren sei, wird enttäuscht. »Wenn wir uns im Studio treffen, unterhalten wir uns meistens über Fußball«, lügt Barry. »Danach nehmen wir dann einfach ein neues Lied auf.« Es gibt keinen Plan, keine Komposition, kein Thema. Schon gar keine Gefühle.

Wie bitte? Dabei treiben doch auch die neuen Stücke in der Gefühlswelt des Hörers ihr Unwesen wie ein emotionales Krebsgeschwür. "Wir sind viel zu gehemmt, um über unsere Gefühle zu reden", sagt Martin. »In unsere Musik kann man eben alles reinlesen. Vor Kurzem hat eine Journalistin uns mitgeteilt, dass ›The Hawk Is Howling‹ unser politischstes Album sei. Irre!« Was sie selbst bei ihrem elegischen Instrumentalrock empfinden, wollen beide ebenso wenig zugeben. Die Hemmungen. »Dann schreibe ich eben, dass ihr vollkommen gefühlskalte Typen seid, die ohne jeden Sinn Musik aufnehmen«, drohe ich. »Kannst du gerne machen«, erwidert Barry, »das trifft die Sache eigentlich ganz gut.«

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