18.05.2012

Mit Flexibilität gegen den Ballack-Ruf: Toni Kroos im Porträt

Der Zehnifizierer

Er galt als kommende Nummer zehn der Bayern. Doch daraus wurde nichts, denn Toni Kroos ist mehr als ein Mann hinter den Stürmern. Mit seiner Flexibilität will er auch dem FC Chelsea im Champions-League-Finale zusetzen.

Text:
Christoph Drescher und Christoph Erbelding
Bild:
Imago

Manchmal ist es nur ein kurzer Satz, der den Werdegang eines Spielers entscheidend prägt. Und beim FC Bayern sind sie Experten für solche verbalen Mitgiften. Über Piotr Trochowski sagte Karl-Heinz Rummenigge einmal: »Wenn er bei uns nicht zum Topspieler wird, dann haben wir etwas falsch gemacht.« Wenig später wechselte Trochowski zum Hamburger SV. Michael Rensing war schon Jahre vor seiner ersten Saison als Stammkeeper die neue Nummer eins Deutschlands und die des FC Bayern sowieso, zumindest sah Uli Hoeneß weit und breit keinen besseren Torsteher.

Heute hütet Manuel Neuer sowohl das eine als auch das andere Tor, und Rensing hat die Wahl, ob er mit dem 1. FC Köln in die Zweite Liga oder auf Jobsuche geht. Wenn die Bayern-Bosse jubilieren, tut das jungen Kickern offensichtlich selten gut. Einer allerdings hat es trotz massiver Vorschusslorbeeren beim FC Bayern geschafft: Toni Kroos. Er gilt am Samstag im Champions-League-Finale als einer der Hoffnungsträger der Münchner.

Die Zehn ist reserviert!

Als Mehmet Scholl Kroos das erste Mal sah, war er begeistert: »So einen Spieler hat es beim FC Bayern seit 20 Jahren nicht gegeben!« Uli Hoeneß versprach dem noch nicht volljährigen Juwel sogar, dass es irgendwann mal die Nummer zehn bei den Münchnern tragen werde. Ze Roberto, der seinerzeit das Spielmacher-Trikot für sich einforderte, blieb das Nachsehen. Nein, die Zehn, sollte ein Mann übernehmen, der das Mittelfeld des deutschen Rekordmeisters auf Jahre lenken kann. Kroos war erst 17. Doch sein Weg schien vorgezeichnet.

Stand heute ging der Plan nur teilweise auf. Noch immer trägt Kroos die 39 auf dem Rücken, so wie schon in seinem ersten Bundesligaspiel am 26. September 2007. Und auch die Position des zentralen Mannes in der Offensive füllt Kroos keineswegs immer aus. Auch gegen den FC Chelsea ist er als Partner von Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld vorgesehen, er muss diese Rolle einnehmen, weil Luiz Gustavo gesperrt ist und Anatoliy Tymoshchuk in der Abwehr benötigt wird. Die beiden Kraftpakete sind verhindert, der filigrane Techniker bleibt übrig. Kroos wird zurückgezogen.

Dass der 22-Jährige lieber weiter vorne spielt, verrät er auf der Homepage seiner Berateragentur »Sports Total«. Die Zehn sei seine »beste Position«, sagt er dort. Wenn alle Mann fit sind beim FC Bayern, gibt es auch bei Trainer Jupp Heynckes keinen Zweifel an der favorisierten Rolle des 22-Jährigen. Hinter den Spitzen hat Kroos sogar Thomas Müller verdrängt. Doch gegen den FC Chelsea fehlen den Münchnern drei Spieler gesperrt, Personalrochaden sind die Folgen. Und diese treffen in der Regel Kroos. Er ist ein Zehner für gewisse Spiele. Oftmals gibt er den »Zwischenspieler« – eine Position, die Joachim Löw eigens für Kroos in der Nationalmannschaft einführte. Dann reiht er sich zwischen der defensiven Sechserpostion und der Offensive ein. Und auch auf der Außenbahn hat Kroos seinen Wert schon gezeigt, dort machte er in seiner Leihzeit bei Bayer Leverkusen seine besten Spiele.

»Ich wurde fallen gelassen«

Es ist diese Flexibilität, die Toni Kroos im Jahr 2012 auszeichnet. Auf den Platz hinter den Stürmern wird er schon lange nicht mehr reduziert. Kroos gelingt es vielmehr, jede seiner Rollen zu »zehnifizieren«. Auf der Außenbahn sind von ihm keine Sprints der Marke Ribery zu erwarten, dafür aber kluge Pässe und unberechenbare Torschüsse. Spielt er vor der Abwehr, kann er defensiv auf eine Zweikampfstärke setzen, die ihm aufgrund seiner Statur auf den ersten Blick kaum jemand zutraut. Wenn möglich, zieht es ihn allerdings weiter nach vorne. Mit dieser Unberechenbarkeit will er auch dem FC Chelsea zusetzen.

Wie beeindruckend die Entwicklung ist, die Kroos im Laufe der Jahre genommen hat, verdeutlicht eine Aussage von Werner Kern. »Er hat dadurch viel verloren, dass ihn Ottmar Hitzfeld wegnahm aus der zweiten Mannschaft. Er sollte dort alles lernen – Defensivverhalten, Wettkampfhärte«, sagte der Nachwuchs-Leiter des FC Bayern einmal dem »kicker«. Doch Kroos übersprang als bester Spieler der U17-Weltmeisterschaft den Zwischenschritt Reservemannschaft, ging direkt von der A-Jugend in den Bundesligakader. Die notwendige Spielpraxis erhielt er bei den Profis jedoch zunächst nicht, er pendelte vielmehr zwischen Platz, Bank und zweiter Mannschaft, insbesondere als Jürgen Klinsmann die Bayern 2008 trainierte. »Ich wurde fallen gelassen«, beschrieb er in der Sport-Bild das Verhältnis zum ehemaligen Bayern-Trainer, der ihn zunächst einsetzte, dann jedoch auf andere baute. Der Wechsel zu Bayer Leverkusen im Winter 2009 tat Kroos sehr gut. Er sagte: »Das war bisher die wichtigste Zeit in meiner Karriere.«

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