10.04.2012

Mit den Frankfurt-Fans bei Union Berlin

Die Mauer ist weg

»Und ihr macht unsern Sport kaputt!« – Beim Spiel Union Berlin gegen Eintracht Frankfurt entern Fans, die eigentlich gar nicht da sein dürfen, einen Block, der eigentlich gesperrt ist. Und sorgen für eine eigentlich verbotene Demonstration gegen den DFB.

Text:
Alex Raack
Bild:
Imago

Jeder kennt das erhabende Gefühl, gegen ein Verbot zu verstoßen, ohne jemandem damit ernsthaft weh getan zu haben. Im Biergarten ein paar hübsche Weißbiergläser einstecken. Mit dem Auto über die rote Ampel fahren. Oder zum Fußball gehen, obwohl man eigentlich gar nicht da sein dürfte. Die Fans von Eintracht Frankfurt haben sich am Montagabend, Hand in Hand mit den Zuschauern von Union Berlin, genau dieses Gefühl verschafft. Weil sie nicht das erste Mal auswärts mächtig gezündelt hatten (diesmal bei Fortuna Düsseldorf), hatte der DFB eine Strafe ausgesprochen, die offenbar längst in Mode gekommen ist: Er verhängte ein Auswärtsverbot für Frankfurts Anhang beim Spiel gegen Union Berlin in der »Alten Försterei«. Mehr als 1000 Eintracht-Fans kamen trotzdem, sie kauften sich Eintrittskarten für den Unioner Block oder ließen sich mit Tickets von den Berlinern aushelfen. Wer auf Krawall und Remmidemmi gehofft hatte, wurde bitter enttäuscht. Es wurde eine verbotene Party.

Der leere Gästeblock im Stadion sieht aus wie eine offene Wunde

Der Kollege schwelgt noch selig in Erinnerungen, als die S-Bahn Köpenick erreicht. Die Doppelseite in der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe, die mit dem Foto der Frankfurter Beinahe-Meistermannschaft von 1992 und der stilisierten Meisterschale im Hintergrund – die hatte er jahrelang über seinem Bett im Kinderzimmer hängen! Glänzende Augen, als die Namen Bein, Binz und Yeboah fallen. Oder ist er schon besoffen? Er wohnt in Berlin, wie viele derer, die vor der »Alten Försterei« dezent ihren Frankfurt-Schal verstecken. Weil sie eigentlich gar nicht da sein dürfen. Das hat der DFB so entschieden, eine neumodische Maßnahme, um auf Verstöße gegen die Stadionordnung zu reagieren: Wenn ihr Scheiße baut, dann bleibt ihr beim nächsten Mal eben alle draußen. Davon kann man halten, was man will. Doch mehrere tausend Menschen für das Vergehen von Einzelnen zu bestrafen, kam noch nie so gut an. Das merkt man auch in Berlin. Schon in den Tagen vor dem Spiel sollen sich Unioner mit den Genossen aus Frankfurt solidarisiert haben, ihnen Tickets und Beistand zugesichert haben. In Ost-Berlin kennt man sich (jedenfalls die Älteren) schließlich mit unpopulären Maßnahmen eher unpopulärer Funktionäre aus


Wir sind etwas spät dran, die Reihen in Sektor 3, Block T, sind bereits gut gefüllt. Wo sind die Frankfurter? Der Auswärtsblock ist gähnend leer und sieht in diesem schmucken Stadion wie eine offene Fleischwunde aus. Das Spiel geht los. Wo sind die Frankfurter? »Eintracht! Eintracht!« Dem Exil-Frankfurter geht das Herz auf. Und auch den Unionern, in deren Block wir uns gerade breit gemacht haben. Was ist das auch für ein »Spitzenspiel« am Montagabend, im eigenen Stadion, unter Flutlicht, ohne Gäste-Fans? Die meisten hier haben verstanden, dass der DFB eine Strafe aussprechen musste. Ordnung muss sein. Aber diese Maßnahme schadet nicht nur den Frankfurtern, sondern auch den Berlinern. Fußball ohne Fans, das ist wie ein Bierglas ohne Inhalt. Langweilig. Und eigentlich unnötig.

Nach fünf Minuten geht es los. Ein – jedenfalls für uns – unsichtbares Signal sorgt dafür, dass Dutzende Frankfurter am Tor zum Gästeblock rütteln, die ersten steigen einfach drüber. Schnell kapiert der Rest des Stadions, was hier passiert: Etwas Verbotenes, das niemandem schadet. »Macht das Tor auf«, brüllen die Menschen in Sektor 1 bis 3. Und: »Die Mauer muss weg!« Ein Klassiker. Erst als eines der Tore gewaltsam geöffnet wird und sich gelb angemalte Eisengitter verbiegen, macht sich bei einigen Unionern Unmut breit: Schließlich hat man diese Stadion mit den eigenen Händen gebaut. 

Dann folgt der Auftritt der Sicherheitskräfte: Die Tore werden geöffnet, jeder, der Lust und Laune hat, darf den eigentlich gesperrten Auswärtssektor betreten, grinsend ziehen wir vorbei an Ordnern und Polizisten, die lediglich dafür sorgen, dass nicht alle Fans auf einmal den leeren Block entern. Alles ganz friedlich, ohne Aggressionen. Dass die Verantwortlichen damit gerechnet haben, zeigt sich auch daran, dass nur Minuten später wie von Geisterhand die Bierbuden in der verbotenen Zone geöffnet werden. Kleiner Seitenhieb: Das Bier ist alkoholfrei. Wer auch immer für die Organisation dieses Spiels verantwortlich war, ihm gebührt eigentlich eine Beförderung.

Die Unionern entrollen ein Plakat: »Fick dich DFB«

Und jetzt geht das Spektakel los: Im Fünf-Minuten-Takt schwappen die »Scheiß DFB/Fußball-Mafia DFB«-Rufe durch die »Alte Försterei«. Die Unioner entrollen ein riesiges Plakat, genau auf Höhe der TV-Kameras. Aufschrift: »Fick dich DFB«. Und als tatsächlich das ganze Stadion »Ihr macht unsern Sport kaputt« brüllt, ist klar: Der Deutsche Fußball-Bund hat sich ein astreines Eigentor geschossen. Eintracht Frankfurt wird Union Berlin in diesem Zweitligaspiel mit 4:0 besiegen, aber eigentlich ist das hier ein 90-minütiges Bühnenstück, um Hohn und Spott über einem Verband auszukippen, der es wagt, seinen eigenen Mitgliedern den Zugang zu einem Fußballstadion zu verweigern. 

Liegt es am gemeinsamen Feindbild, an diesem lauen Abend, dem milden Flutlicht, oder am Reiz der verbotenen Party, dass die Stimmung während des Spiels einfach fantastisch ist? Gerne hätte man sich vom Frankfurter Anhang gewünscht, die Steilvorlage für den Beginn einer neuen Fanfreundschaft noch souveräner zu verwerten, doch die »Eisern Union«-Rufe aus der Gästekurve bleiben die Ausnahme. Dabei hat man selten gesehen, wie sich zwei gegnerische Fankurven gegenseitig so konstant die Bälle zuschieben. Gleich mehrfach werden, neben dem bereits erwähnten »Fick dich«-Banner, Plakate mit Grußbotschaften Richtung Otto-Fleck-Schneise präsentiert, Frankfurter stimmen dankbar den nächsten Anti-Chor an. Immerhin: Nach dem Schlusspfiff, die Mannschaften verlassen gerade den Rasen, applaudiert der Auswärtsblock lange und ausgiebig. Ein Gruß an die eigene Mannschaft, an den würdigen Verlierer. Und an die Brüder im Geiste auf der anderen Seite des Stadions.

So friedlich muss es in Woodstock gewesen sein 

So blöd es sich anhört: Die Strafe des DFB hat für einen der schönsten Fußballabende in dieser Saison gesorgt. So friedlich muss es zuletzt in Woodstock gewesen sein. Vielleicht, so denkt man kurz, hat der DFB ja genau das mit seinem Verbot bezwecken wollen. Ein schöner Gedanke. Aber leider absolut utopisch.

 
 
 
 
 
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