Mit dem Profifußball abgeschlossen

Geld auf dem Holztisch

Am 9. September startet Deutschland in Liechtenstein in die WM-Quali. Während sich die Nationalelf des Fürstentums gemausert hat, pendeln viele Akteure zwischen Training und Brotjob. Mit dem Profifußball abgeschlossenAndré Widmer
Heft #82 09/2008
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Idyllisch liegt er da, der Sportpark Eschen/Mauren. Mitten im Rheintal, einer mehrere Kilometer breiten Ebene zwischen Berggipfeln, die an diesem Tag von Wolken verhüllt sind. Sportpark, das klingt, als könnte sich etwas Großes dahinter verbergen. Doch im »Ländle«, wie das Fürstentum Liechtenstein auch genannt wird, ist alles eine Nummer kleiner. Der Sportpark Eschen/Mauren liegt fast etwas versteckt hinter dem Gelände einer Baufirma und entpuppt sich als zwar moderne Fußballanlage, deren Haupttribüne jedoch nur wenige hundert Zuschauer fasst. Mehr sind auch nicht gekommen zum Saisonauftakt der heimischen Unterländer Spielvereinigung (USV) Eschen/Mauren gegen den FC Red Star Zürich, einen Stadtteilklub aus der größten Schweizer Stadt. Kein Kassenhäuschen, die Geldschatulle liegt auf einem Holztisch am Eingang. Der Kassierer kennt fast jeden der 300 Fans persönlich. Dabei ist die USV nach dem FC Vaduz der klassenhöchste Verein des Landes, und eine Handvoll seiner Akteure dürfen sich Nationalspieler nennen. Für das Spiel gegen Red Star ist deshalb auch der Trainer der liechtensteinischen Nationalelf, Hanspeter Zaugg, hierher gepilgert.

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Für ihn ist die Partie ein wichtiger Termin, schließlich geht es um die aktuelle Form eines Teils seiner Auswahlspieler. »Heute stehen insgesamt acht Nationalspieler oder Akteure der U21 auf dem Platz«, schmunzelt Zaugg. »Der Rest sind Ausländer.« In den Ligen der Eidgenossenschaft kicken mangels einer eigenen Liga sämtliche sieben Fußballklubs aus Liechtenstein mit. Gerade hat Eschen/Mauren den Aufstieg in die dritthöchste Spielklasse des Nachbarlandes geschafft. Dort trifft man nun auf Klubs wie Rapperswil-Jona, Tuggen oder Biasca. Wahrlich nicht die bekanntesten Namen des helvetischen Fußballs, aber immerhin die oberste Amateurliga der Schweiz. Seit Juli diesen Jahres schwingt der Deutsche Uwe Wegmann, der für Essen, Bochum und Kaiserslautern 54 Tore in 214 Bundesligaspielen geschossen hat, das Zepter bei der USV. Er ist nicht der erste aus Deutschland, der den Liechtensteinern das Kicken beibringt: Ralf Loose hat von 1996 bis 1998 die U18 trainiert, danach bis 2003 das A-Nationalteam. Erst unter ihm entwickelte sich Liechtenstein vom Kanonenfutter zu einem ernst zu nehmenden Gegner. Waren zuvor noch Resultate wie ein 1:8 gegen Rumänien und ein 1:11 gegen das nicht gerade zur ersten Garde Europas zählende Mazedonien gang und gäbe, gelang es Loose, die Auswahl peu à peu zu stabilisieren.

Der 1934 gegründete Liechtensteinische Fußballverband hat Zeit seines Bestehens nie eine eigene Meisterschaft durchgeführt, dafür seit 1946 einen Pokalwettbewerb, dessen Sieger nach der Abschaffung des Europapokals der Pokalsieger regelmäßig in der Qualifikation zum UEFA-Cup hängen bleibt. Mit 35 Pokalsiegen ist der FC Vaduz der erfolgreichste Klub im Fürstentum. Mit wenigen Unterbrechungen gehörte er bis 1993 der zweiten Amateurliga an, stieg dann in die erste auf und schaffte es 2001 in die Nationalliga B. Nach mehreren Anläufen gelang vor wenigen Monaten tatsächlich der Aufstieg in die höchste Schweizer Liga, die Super League. Maßgeblich mitgewirkt haben daran zwei Sponsoren: die MBPI AG, die sich mit Immobilien und Vermögensverwaltung beschäftigt, sowie die Liechtensteinische Landesbank, die erst kürzlich ins Visier der deutschen Steuerfahnder geraten ist. Mit dem erhöhten Etat haben die Verantwortlichen des FC Vaduz die Mannschaft in den letzten Jahren tüchtig umgebaut. Viele Schweizer mit Nationalligaerfahrung wurden geholt, für diese Spielzeit kamen zu den bisher zwei Brasilianern zwei weitere dazu, darunter der Bruder des in Spanien eingebürgerten aktuellen Europameisters Marcos Senna. Nun stehen nur noch vier Liechtensteiner im 20er-Kader, gerade zwei davon kommen regelmäßig zum Einsatz.

Eine Entwicklung, die Nationaltrainer Zaugg nicht gerade erfreut: »Ein paar Liechtensteiner mehr im Team wären natürlich gut. Doch die Philosophie bestimmt schlussendlich der Verein selbst. Und dessen Coach kann nicht auch noch auf Verbandsinteressen Rücksicht nehmen, man weiß ja, wie schnell sich das Trainerkarussell dreht.« Zauggs persönliche Meinung ist aber klar: »Der eine oder andere Liechtensteiner hätte bestimmt das Potenzial, wenigstens dem Kader anzugehören.« Die Vision des Nationalcoaches ist es, in den kommenden Jahren mit guter Nachwuchsarbeit mindestens 15 Liechtensteiner profitauglich auszubilden. Das Gebaren des FC Vaduz stößt übrigens auch bei den fußballbegeisterten Liechtensteinern nicht unbedingt auf Gegenliebe. Der Zuschauerzuspruch in den ersten Heimspielen der Super League blieb bescheiden. Nur gut 3000 Besucher waren es beispielsweise gegen den renommierten Grasshopper Club Zürich, obwohl Vaduz zuvor mit vier Punkten aus drei Spielen für einen Aufsteiger gut in die Saison gestartet war.

In der Startelf der USV Eschen/Mauren stehen an diesem Samstagabend gegen Red Star auch Andreas Gerster und Raphael Rohrer. Beide sind liechtensteinische Internationale, und beide hat ein ähnliches, wenn auch nicht identisches Schicksal ereilt: Sie sind wieder Amateure geworden. Gerster ist 26 Jahre alt und hat bislang 31-mal für die Landesauswahl gespielt. Ein grundsolider Mann mit großer Routine. Nach fünf Jahren beim FC Vaduz sah er 2006 den Moment für eine Veränderung gekommen. Einige Klubs, auch aus dem Ausland, zeigten Interesse, sogar beim englischen Zweitligisten Queens Park Rangers konnte Gerster ein Probetraining absolvieren. Doch irgendwie hat es dann doch nicht geklappt mit der großen weiten Fußballwelt, und nach einem halben Jahr beim TSV Hartberg in der dritten österreichischen Liga ist Gerster zurück ins Ländle, zur USV Eschen/Mauren, gewechselt. Dort kickt er nun seit anderthalb Jahren und ist im Reinen mit sich. »Mit dem Profifußball habe ich abgeschlossen. Anderes ist wichtiger geworden«, sagt er. Als seine Frau schwanger wurde, nahm er eine Arbeitsstelle bei einer Privatbank in Liechtenstein an. Klubfußball, Nationalelf und eine ganztägige Stelle unter einen Hut zu bringen, ist für Andreas Gerster nicht einfach. »Arbeitsbeginn ist um acht Uhr, nach Betriebsschluss geht es um 19 Uhr zum Training. Das heißt, ich bin dann erst um 21.30 Uhr wieder zuhause. Und in der Vorbereitung hatten wir jeden Tag Training.« Der Arbeitgeber kommt ihm so weit wie möglich entgegen, wenn es darum geht, die Termine mit der Nationalmannschaft wahrzunehmen. »Zusätzlich zu den Ferien kann ich noch vier Wochen unbezahlten Urlaub nehmen«, sagt Gerster. Doch beim kurzfristig angesetzten Testspiel gegen Albanien vor dem Start in die WM-Qualifikation gegen Deutschland muss er wahrscheinlich passen, weil eine Arbeitskollegin bereits Urlaub gebucht hat und er im Büro somit unentbehrlich ist.

Mit solchen Problemen muss sich der ebenfalls zum Amateur degradierte Raphael Rohrer nicht herumschlagen. Er ist erst 23 Jahre alt, nimmt jetzt sein Betriebswirtschaftsstudium wieder auf und ist zurzeit auf der Suche nach einem Praktikumsplatz. Auch Rohrer stand beim FC Vaduz unter Vertrag, kam aber in der letzten Saison nur zu 14 Kurzeinsätzen. So ist er nun zur USV Eschen/Mauren und damit wieder in den Amateurbereich gewechselt. »Ich stehe hinter diesem Schritt«, beteuert Rohrer. »Das Studium ist keine Notlösung. Selbst wenn ich wieder Profi würde, würde ich es abschließen wollen.« Dass sich beim FC Vaduz immer weniger Liechtensteiner im Kader befinden, gefällt auch ihm ganz und gar nicht: »Für den Fußball im Fürstentum und die Nationalmannschaft ist diese Entwicklung nicht förderlich.«
Dabei hat sich Liechtensteins Nationalteam prächtig entwickelt. Einige Spieler haben den Sprung als Profis ins Ausland geschafft, zu Vereinen in der Schweiz oder, wie Mario Frick, der mit 79 Länderspielen immer noch aktive Rekordnationalspieler vom AC Siena, sogar nach Italien. Den bisherigen Höhepunkt seiner Länderspielgeschichte schrieb Liechtenstein am 9. Oktober 2004, als man dem haushohen Favoriten Portugal nach einem 0:2 noch ein 2:2 abtrotzte. In bester Erinnerung ist auch das 1:0 gegen Lettland vom März 2007. Ob das 1:7 auf Malta im letzten Frühjahr nur ein Fauxpas oder das erste Anzeichen einer beginnenden Schwächephase war? Sowohl Rohrer als auch Gerster verweisen reflexartig auf ein 3:0 gegen das mit Premier-League-Akteuren bestückte Island wenige Monate zuvor. »Gegen Malta hatten wir einfach Pech«, glaubt Andreas Gerster. »Das war ein einmaliger Ausrutscher. Gegen vermeintlich kleinere Gegner ist es für uns schwieriger, denn gegen solche Teams erwartet man auch mal, dass wir das Spiel machen.« Rohrer klingt etwas skeptischer: »Klar, gegen Malta lief fast alles schief. Dass mehrere Spieler den Rückschritt zum Amateur machen mussten, kann aber längerfristig wirklich Auswirkungen haben.«

[heftlink]Am 9. September, gegen Ballack & Co., spielen die Kicker des Fürsten mal wieder im großen Schaufenster vor. Solche Spiele sind Erlebnisse, die sie nie vergessen. Gerster schwärmt noch heute von der Stimmung in Old Trafford in Manchester, als Liechtenstein gegen England vor 67.000 Zuschauern nur mit 0:2 verlor. Unbezahlbare Momente. »Für uns Amateure und auch die jüngeren Spieler ist jedes Länderspiel ein potenzielles Sprungbrett«, sagt Rohrer, »eine einmalige Chance, die sich nicht vielen Fußballern bietet. In Deutschland wäre wohl jeder Amateur froh, wenn er eine solche Gelegenheit hätte.«

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