Mimoun Azaouagh über die Vorwürfe in der »Bild«-Zeitung

»Ich bin kein Salafist«

Im Februar diskutierte ganz Deutschland über den angeblich radikalen Ex-Profi Mimoun Azaouagh. Hier wehrt er sich erstmals gegen die Vorwürfe.

Ramon Haindl
Heft: #
166

Mimoun Azaouagh, im Februar berichtete die »Bild«-Zeitung auf ihrer Titelseite, dass Sie im Visier derStaatsanwaltschaft stünden. Die Schlagzeile lautete: »Ex-Schalke-Star jetzt Salafist?« Sind Sie einer?
Ich bin kein Salafist, ich bin Muslim. Aus Überzeugung. Ich respektiere jeden, egal welche Hautfarbe oder Religion. Ich habe Freunde, der eine ist Christ, der andere Atheist. Ich lebe hier in Deutschland, bin im multikulturellen Frankfurt aufgewachsen. Hier interessiert es keinen, wo man herkommt, woran man glaubt. Diese Toleranz habe ich von klein auf mitbekommen. Dieser Bericht hat mich geschockt.

Darin ist die Rede davon, dass Sie Ihr Leben radikal geändert, sich von Ihrer Freundin und Freunden getrennt hätten. Stimmt das?
Absoluter Quatsch. Ich bin aus einer Firma ausgestiegen, ja, aber ich denke, das ist ein normaler Vorgang. Mein Freundeskreis ist gleich geblieben, die Leute kenne ich allesamt schon seit meinen Kindertagen. Da stand auch, ich wäre bei meinen Eltern ausgezogen. Ich wohne seit meinem 17. Lebensjahr nicht mehr bei ihnen. Und überhaupt: Was soll das alles beweisen?

Üben Sie Ihren Glauben anders aus als vorher?
Kein Stück. Es ist nie mehr oder weniger geworden als zu meiner aktiven Zeit als Profi. Ich bin schon während meiner Stationen in der ersten und zweiten Liga regelmäßig in die Moschee gegangen, habe auch gefastet und fünf Mal am Tag gebetet. Ich bin aber tolerant gegenüber anderen Religionen: Im Islam gibt es keinen Glaubenszwang. Jeder soll das ausüben, was er für richtig hält. Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Menschen nur eine Religion haben, dann hätte er nicht jedem den freien Willen gelassen.

Wurden Sie denn jemals von Salafisten angesprochen?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass die sich trauen, mich anzusprechen. Ich habe eine ganz andere Denkweise. Für mich sind das keine Muslime, das sind Verbrecher. Jürgen Todenhöfer hat es richtig gesagt: »Der Terrorismus hat genauso wenig mit Islam zu tun wie Vergewaltigung mit Liebe.« Genauso sehe ich es.

Sind Sie überhaupt schon Salafisten begegnet?
Man muss wissen, wer Salafist ist. Wenn Sie mir sagen, wer Salafist ist, dann kann ich sagen: Okay, gut zu wissen, von denen halte ich mich fern. Wenn ich aber in eine Moschee gehe, kann es vorkommen, dass Leute mich ansprechen, ein Foto mit mir machen wollen. Da kenne ich nicht jeden einzelnen und seine Vergangenheit.

Was sagen Sie zu den Behauptungen, Sie hätten an Koran-Verteilungen teilgenommen?
Ich habe noch nie Korane verteilt. Noch nie! Und auch noch nie versucht, jemanden zu bekehren. Da können Sie auch jeden einzelnen meiner Mitspieler fragen. Ich habe immer mein Ding gemacht und andere machen lassen. Auch hier weiß ich nicht, wie so etwas zustandekommt. Glauben die Leute, ich stelle mich auf die Frankfurter Zeil und verteile den Koran? Unter dem Bericht war ein Foto von einer Koran-Verteilung, aber dort war irgendjemand anderer abgebildet und nicht ich.

Hat sich die Polizei bei Ihnen gemeldet?
Nach dem Bericht bin ich selbst zur Dienststelle gegangen, weil ich wissen wollte, was da angeblich gegen mich vorliegt. Die Polizei hat mir mündlich und schriftlich bestätigt, dass an den Vorwürfen absolut nichts dran ist.

Welche Folgen hatte die Berichterstattung für Sie?
Ich persönlich bin schmerzfrei, was das angeht. Aber die Leute begegnen mir anders als vorher: Sogenannte Bekannte haben mich vor dem Bericht herzlich umarmt und mit mir gequatscht, jetzt sind alle distanziert. Das merke ich allein an der Art und Weise, wie sie mir die Hand geben. Auf der Straße ziehen Eltern ihre Kinder zur Seite, weil sie im Kopf haben: Das ist Azaouagh, der Salafist.

Wie ging Ihre Familie damit um?
Für sie war es viel schlimmer. Nur ein Beispiel: Mein Bruder leitet seit fünf Jahren in einer internationalen Schule ein Fußballtraining, am Wochenende die Spiele. Einen Monat nach der Veröffentlichung hat er einen Anruf der Direktorin bekommen, die auf einmal ein Führungszeugnis von ihm sehen wollte. Sie erklärte lediglich, es sei damals vergessen worden. Doch im Endeffekt kann man ja eins und eins zusammenzählen.

Warum sind Sie nicht Ihrerseits in die Öffentlichkeit gegangen?
Der »Bild«-Reporter hat mir einen Tag nach der Veröffentlichung eine SMS geschrieben, vorher nicht. Ich habe damals nicht eingesehen, auf so einen Schwachsinn einzugehen. Und auch später habe ich mich nicht geäußert. Zum einen haben die Leute sowieso ihre vorgefertigte Meinung, zum anderen bin ich auch nicht der geborene Redner. Ich habe zu meiner aktiven Zeit nie viele Interviews gegeben. Ich hatte Angst, dass ich mich verhaspele. Es war wie Lampenfieber. Andere Fußballer sprechen ganz locker, als wären sie mit dem Mikrofon geboren, ich nicht.

Inwieweit hatten die Berichte Einfluss auf Ihre Karriere?
Viele Vereine, die mich auf dem Zettel hatten, haben mich deswegen gestrichen. Da bin ich sicher.

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