Milan den Mailändern
20.07.2008

Milan den Mailändern

A Country For Old Men (2)

Vor 20 Jahren wurde Silvio Berlusconis AC Mailand zum ersten bösen Superklub. Eine Geschichte über einen in den Wahnsinn getriebenen Gattuso, eine frei gehaltene Rückennummer für den Maldini-Sohn und einen gefürchteten Pippo Inzaghi.

Text:
Henrik Ystén
Bild:
Imago
Die »Osteria Mimmo« auf dem Corso Garibaldi ist eine typisch italienische Kneipe: weiße Tischtücher, helle Räume und eine Mama, die das Finanzielle regelt, während sich der Rest der Familie um den Service kümmert. An diesem Nachmittag ist die Promidichte ungewöhnlich hoch. Eros Ramazotti sitzt an einem Tisch, Marcello Lippi an einem anderen, und ganz hinten im Restaurant essen Zinédine und Veronique Zidane zu Mittag. Sie sind in der Stadt, um Zinédines früheren Mitspieler bei Real Madrid, Luís Figo, zu besuchen. »Eh, Monsieur! Ça va?«, ruft Zidane, als er Ibrahim Ba entdeckt. Ibrahim geht zum Tisch und begrüßt das Paar. Sie kennen sich gut aus der französischen Nationalelf und der italienischen Liga. »Spielst du zur Zeit?«, fragt Zidane. »Nein, ich habe Probleme mit dem Knöchel«, erwidert Ibrahim. »Immer noch?« »Ja, ich wurde letzten Sommer operiert.« Zidane nickt und fragt, ob sie sich später treffen sollen. »Auf jeden Fall. Das können wir vor dem Spiel machen. Ruf mich an«, sagt Ibrahim.



Gattuso wurde zum 30. Geburtstag in den Wahnsinn getrieben

Es ist seine Stammkneipe. Er ist so oft hier, dass er manchmal am Tresen einspringt und Espresso macht. An den Wändern hängen signierte Fotos von Spielern – ein sicheres Zeichen dafür, dass Ibrahim nicht der einzige Fußballer ist, der regelmäßig zu Besuch kommt. Ich frage, ob sich die Mailänder Spieler auch außerhalb des Platzes oft treffen. »Ja, wir verbringen unglaublich viel Zeit miteinander. Die Übernachtungen in Milanello, die ganzen Reisen. Enge Freundschaften werden geschlossen, und die Atmosphäre im Verein ist sehr gut.« Er berichtet vom Trainingslager in Dubai im vergangenen Winter. Es war kurz vor Gennaro Gattusos 30. Geburtstag, und die Mitspieler hatten sich dazu entschlossen, den Mittelfeldmann tüchtig zu feiern. Schon zwei Wochen vor dem Geburtstag begann Kacha Kaladse bei jeder Trainingseinheit das Wort an Coach Ancelotti zu richten: »Mister, ich will nur anmerken, dass es noch zwei Wochen bis zu Gattusos großem Geburtstag sind«, worauf alle Spieler applaudierten und gratulierten. Am Tag darauf passierte dasselbe, und so ging es weiter, tagaus, tagein. Wenn Kaladse den Countdown vergaß, sagte Ancelotti: »Kala, wolltest du nicht noch etwas mitteilen?« Der einzige Tag, an dem das Thema nicht aufgegriffen wurde, war Gattusos Geburtstag selbst. »Aber dann machten wir hinterher weiter. ›Mister, heute ist es zwei Tage her, dass der große Gattuso Geburtstag hatte.‹ Gattuso wurde wahnsinnig und fragte, was wir mit ihm anstellen würden. So etwas ist typisch für diesen Klub, man lacht viel zusammen. So war es nicht in allen Teams, in denen ich gespielt habe.«

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Es gibt verschiedene Theorien darüber, warum Ibrahim Ba, der von 1997 bis 2003 schon einmal bei Milan unter Vertrag stand, nach wenig überzeugenden Gastspielen in der Türkei, England und Schweden im Alter von 33 Jahren noch einmal zurückgeholt wurde. Der Journalist Alberto Costa glaubt, dass der Verein Ibrahim als Glücksbringer sieht. Als der Franzose nach Milanello zurückkehrte, begann der AC Mailand wieder zu gewinnen. »Es klingt unglaublich«, sagt Costa, »vor allem, weil es hier um einen großen Verein geht, der beim Training und der medizinischen Betreuung absolut wissenschaftlich arbeitet.« Thomas Nordahl meint, es wäre typisch Milan, früheren Spielern zu helfen, besonders denen, die gute Freunde der grauen Eminenzen im Klub sind. In Ibrahim Bas Fall war das Paolo Maldini.
Aber natürlich gibt es auch andere Gründe für Ibrahims Comeback in Milanello. Nach einiger Zeit mit ihm merkt man, dass er frei von Starallüren, sozial kompetent und ein angenehmer Gesprächspartner ist. Man bekommt gute Laune in seiner Gesellschaft. In einer Umgebung, in der Leistungsdruck und Versagensangst regieren, ist das eine nützliche Eigenschaft. Ba selbst sieht das durchaus ähnlich: »Als ich im Herbst 2006 zurückkam, hatte ich keinen Vertrag und verdiente kein Geld, doch ich habe alles dafür getan, die Mannschaft zusammenzuschweißen. Ich glaube, Ancelotti weiß, dass ich das nicht tat, weil ich mir einen Vorteil davon versprach, sondern weil ich so bin.«

Fast alle Jugendmannschaften werden von alten Kämpen trainiert

Eine Stunde später haben wir die »Osteria Mimmo« und Zinédine Zidane hinter uns gelassen. Ibrahim Ba ist 20 Minuten südwärts nach Vismara gefahren, wo sich das Nachwuchszentrum des AC Mailand befindet. Ibrahim deutet auf ein paar Knirpse, die einen vier Meter hohen Hügel rauf und runter laufen: »In dieser Mannschaft spielt Christian.« Christian, das ist Christian Maldini, zehn Jahre alt. Als sein Vater Paolo kurz vor Weihnachten bekanntgab, dass er seine letzte Saison spielen würde (was er mittlerweile revidiert hat), teilte der Verein mit, dass er die Rückennummer drei bis zu dem Tag freihalten würde, an dem Christian in die erste Mannschaft käme. Wenn es Christian schafft, wäre er die dritte Generation der Maldinis beim AC Mailand – Großvater Cesare hat zusammen mit Gunnar Nordahl in den 50ern gespielt. Und auch wenn Vater Paolo versucht, in der Öffentlichkeit den Druck von seinem Sohn fernzuhalten, kann er in Interviews seine Hoffnungen nur schwer verbergen: »Es war ein großartiges Gefühl, als er den ersten Vertrag mit Milan unterzeichnete«, sagte er kürzlich. »In der Schule sagen die Lehrer zu ihm, er solle nicht nur an den Fußball denken. Ich sage ihm oft, er solle nicht nur an die Schule denken.«

Ibrahim erzählt, dass Franco Baresi die U19 trainiert, Alberigo Evani die U17 und Filippo Galli die Primavera-Mannschaft (U20), in der unter anderem Davide Ancelotti spielt, Carlos Sohn. Außerdem ist Paolos Vater Cesare Maldini Milans Chefscout. Wir erreichen das Feld, auf dem die Jungs des Jahrgangs 1994 trainieren. Einer von ihnen heißt Fabien Ba. »Giovanni Stroppa ist übrigens auch ein früherer Spieler«, sagt Ibrahim und deutet auf den Trainer, der seinen kleinen Bruder beim Torschusstraining drillt. Fabien ist eine schlaksigere, etwas dünnere Ausgabe von Ibrahim. Vor zwei Jahren wollten ihn sowohl Atalanta Bergamo als auch Inter haben, doch Fabien hat sich für den AC entschieden, seines Bruders wegen. In der ersten Saison hat er 30 Tore erzielt, im letzten Jahr 17. Wie Christian Maldini ist er gewissermaßen Profifußballer in der dritten Generation. Der Vater Ibrahim Ba Eusebio war Kapitän der senegalesischen Nationalelf in den 70ern und zog mit der Familie nach Frankreich, wo er bei den Zweitligaklubs Le Havre und Abbeville spielte.

Ich frage Ibrahim, ob er je darüber nachgedacht hat, Trainer zu werden. Er sagt, er habe mal einen Kurs belegt und durchaus Interesse, im Nachwuchsbereich zu arbeiten. Seine aktive Laufbahn wird er nach dieser Spielzeit beenden: »Mein Fußgelenk bereitet mir immer noch Schmerzen. Es ist Zeit, etwas anderes zu tun. Entweder bleibe ich beim Verein und arbeite als Scout, oder mir hilft ein holländischer Freund, der Spielerberater ist. Diese Saison war ein Bonus für mich. Es war eine schöne Art, Abschied zu nehmen.« Es sind noch drei Stunden bis zum Anpfiff des Achtelfinales am Abend. Ibrahim Ba tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen. Er ist gestresst, muss in die Stadt, Zidane treffen und dann um halb acht vor Ort sein, wenn sich die Truppe in San Siro versammelt. So läuft es immer: Auch diejenigen, die nicht im Kader sind, sollen dabei sein.

Die englischen Reporter fürchten: »It’s a Pippo Inzaghi game«

Im Medienraum des Guiseppe-Meazza-Stadions laufen auf dem Fernseher Spiel-
szenen von Adriano Gallianos spektakulären Einkäufen, im Hintergrund erklingt Limahls Hit aus den 80ern, »Never Ending Story«. Das Programmheft verspricht einen weiteren Abend mit »Spitzenfußball auf San Siros magischer Bühne«. Es ist Milans letzte Chance auf einen Titel in dieser Saison, in der nationalen Meisterschaft ist die Konkurrenz längst enteilt. Auf den Rängen haben 80 000 Zuschauer Platz genommen. Am Tag zuvor war es noch
20 Grad warm, doch nun ertrinkt Mailand im Regen, und das Thermometer zeigt gerade mal ein paar Grad plus an. Als sich die beiden Mannschaften aufstellen, sieht man deutlich die Ähnlichkeit der Formationen. Während bei Milan Andrea Pirlo die Tiefe des Raumes überbrücken soll, übernimmt Cesc Fàbregas bei Arsenal die gleiche Aufgabe. Da, wo Gennaro Gattuso für die Italiener den Ball erobern soll, wird es Mathieu Flamini für die Engländer richten. Die Unterschiede werden vorne deutlich: Während Arsenal mit Adebayor über einen modernen Stoßstürmer verfügt, baut Milan mit Kaká auf einen klassischen Mittelfeldregisseur, der die beiden Spitzen Inzaghi und Pato füttern soll.

In den ersten zehn Minuten holt Mailand drei Ecken heraus, wobei Fàbregas einmal einen Kopfball von Maldini auf der Torlinie klären muss. Arsenal wirkt beeindruckt, und sowohl Filippo Inzaghi als auch der junge Pato kommen zu guten Chancen, doch beide Male rettet Keeper Manuel Almunia. Auf der Pressetribüne ist der ehemalige Milan-Spieler Marcel Desailly in heller Aufregung. Der Franzose kommentiert als Experte für Canal Plus und durchlebt jede Situation, als ob er noch selbst auf dem Spielfeld stünde. Trotz guter Möglichkeiten auf beiden Seiten steht es zur Pause 0 : 0, und die englischen Journalisten brummeln etwas von einem »Pippo Inzaghi game«, womit sie ihrer Befürchtung Ausdruck verleihen, der abgezockte Stürmer würde irgendeinen Abstauber über die Linie drücken und damit Milan in die nächste Runde bringen.

Doch die zweite Halbzeit gehört Arsenal. Milan hat im Angriff keine Durchschlagskraft mehr, Pato läuft dauernd ins Abseits, und Inzaghi kommt nicht einmal zum Abschluss. Sechs Minuten vor Schluss erhält Fàbregas auf Höhe der Mittellinie den Ball. Gattuso attackiert ihn, wird aber durch eine Körpertäuschung verladen. 30 Meter vor dem Tor setzt Fàbregas zum Schuss an, ein flacher Ball, der in Željko Kalacs rechte Ecke geht. Es steht 1 : 0 für Arsenal. Der AC Mailand braucht jetzt zwei Tore, um weiterzukommen. Was folgt, ist ein letztes fruchtloses Aufbäumen. Ich beobachte Paolo Maldini, der zum x-ten Mal in Arsenals Strafraum steht. Er stützt die Hände in die Hüften und schaut in den pechschwarzen Himmel. In seiner Karriere hat er acht Endspiele in der Champions League absolviert – in diesem Jahr wird es kein neuntes geben. Am nächsten Tag wird der knapp 40-Jährige in der »Gazetta dello Sport« die beste Note aller Mailänder Spieler bekommen. Die Schlagzeile der Zeitung wird lauten: »Milan The End«.

Im Restaurant »L’Amour« auf der Via Solferino sitzt Ibrahim Ba mit gesenktem Kopf und schaufelt lieblos ein Spinatrisotto herunter. Die Begegnung endete 0:2, die Freunde versuchen die Stimmung zu heben, doch der Franzose ist deprimiert. Er hasst Niederlagen. An einem anderen Tisch sitzen Paolo Maldini und seine Frau Adriana und essen still. Seit dem Match sind knapp anderthalb Stunden vergangen. »Vielleicht hat der Sieg von Athen im letzten Jahr dazu geführt, dass der Verein zu passiv gewesen ist«, sagt Ibrahim. »Man dachte vielleicht, es funktioniert doch, warum neue Spieler holen. Heute abend haben wir die Quittung dafür bekommen.« Er findet, dass sie einen großen Stürmer bräuchten; einen, der den Ball in der Spitze hält. Adebayor hat an diesem Abend den entscheidenden Unterschied ausgemacht.Viele Namen sind im Verlauf der Saison genannt worden, u. a. die von Didier Drogba und Andrej Schewtschenko von Chelsea. Viel spricht für den Ukrainer. Als Milan im Emirates Stadium auf Arsenal traf, verließ »Schewa« die Arena im Mailänder Bus. Außerdem ist Silvio Berlusconi Pate von Jordan, Schewtschenkos Sohn. Ich frage, ob es nicht an der Zeit sei, sich von einer solchen Einkaufspolitik zu verabschieden. Der Verein tendiert manchmal dazu, zu sentimental zu sein – so wie als Harvey Esajas kam, nur weil er Clarence Seedorf kannte. Ibrahim protestiert: »Aber das ist eine tolle Geschichte. Es gibt so viel Schreckliches auf dieser Welt, es muss auch andere Geschichten geben. Mancher nennt es vielleicht sentimental. Man könnte aber auch sagen, dass es ein Weg ist, Menschen Respekt zu zollen.«

Er berichtet, wie es war, als er 1997 erstmals dazustieß. Grüppchenbildung, Indiskretionen in den Medien und ein Klub, der mit Rückschlägen nicht umgehen konnte: »Der Erfolg war zur Gewohnheit geworden, so dass man es als Katastrophe betrachtete, nicht jede Saison mindestens einen Titel zu holen.« Ba meint, dass man den AC Mailand vor diesem Hintergrund betrachten sollte. Im Verein herrscht keine Panik. Vielleicht ist der Preis dafür eine überalterte Mannschaft, eine zögerliche Personalpolitik und der eine oder andere nostalgische Einkauf.

Bei Milan setzt man auf Kontinuität. Wenn die Verträge von Veteranen wie Cafu und Seedorf verlängert werden, ist das zum einen ein symbolischer Akt – beim AC soll man sich sicher fühlen und wissen, dass der Verein hinter einem steht. Zum anderen kalkuliert man, dass die erfahrenen Spieler dem Druck standhalten, den es bedeutet, beim AC Mailand zu spielen. Als Kaká von einem Journalisten gefragt wurde, ob er sein Leben lang beim AC bleiben würde, antwortete er, dass er das nicht mit Gewissheit sagen könne. Danach hat Milan seinen kleinen Bruder geholt, und Kaká hat seinen Vertrag bis 2013 verlängert. Er sagt, dass er Milanello nie verlassen wird.

»Spieler können ihre Leistung besser abrufen, wenn sie glücklich sind«, sagt Ibrahim Ba und verweist auf die Resultate der letzten Jahre. Innerhalb von vier Jahren stand die Mannschaft dreimal im Finale der Champions League, holte zwei europäische Supercups, eine Vereinsweltmeisterschaft, eine italienische Meisterschaft und einmal den italienischen Supercup. Zugleich weiß Ibrahim nur zu gut, dass andere Vereine andere Strategien verfolgen als der AC Mailand. Er hält es für wenig wahrscheinlich, dass er bei Djurgården Stockholm oder den Bolton Wanderers noch einmal willkommen wäre. Als er sich 2006 erkundigte, ob er bei Bolton trainieren dürfe, um sich fit zu halten, lehnte der Klub dieses Ansinnen ab. »Moderner Fußball ist zynisch. Die Spieler nutzen die Vereine aus, die Vereine nutzen die Spieler aus. Und wenn eine Partei unzufrieden ist, verabschiedet man sich für immer. Ich verstehe das nicht. Es sind doch meine Mannschaftskameraden, ich verbringe Jahre mit ihnen. Soll man eines Tages einfach gehen und sich nie wieder sehen?«

Wir stehen auf und verlassen das Restaurant. Es ist ein Uhr nachts. Auf dem Weg nach draußen umarmt Ibrahim Paolo und Adriana Maldini, die gerade ihren Espresso trinken. »Wir sehen uns morgen«, sagt der linke Verteidiger. Ibrahim nickt, klopft dem Kollegen auf die Schulter und verlässt das Restaurant mit einem breiten Lächeln.
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