Midtjyllands Revolution

Moneyball im Niemandsland

Das aufregendste Experiment des europäischen Fußballs: Erstmals wurde der FC Midtjylland Dänischer Meister - mithilfe von Computern und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Europapokal trifft der Klub auf Man United.

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Der Wind weht über den Trainingsplatz und gönnt sich keine Pause. Er weht hier, in der Mitte von Dänemark, weit entfernt von allem, eigentlich immer. Wenn nicht, dann stürmt es. Den säuerlichen Geruch von Gülle auf den Feldern nebenan kann der Wind dennoch nicht verwehen, aber den Ball. Manchmal bleibt er in der Luft fast stehen, als wollte er innehalten und sich erstaunt fragen: Und das hier soll die Mannschaft des derzeit aufregendsten Fußballklubs Europas sein? Die des FC Midtjylland, dessen Profis auf einer holprigen Wiese trainieren, zwischen Bäumen mit Vogelhäuschen und dürren Hecken, die keinen Luftzug abhalten? In dieser Gegend, wo selbst die Krähen umdrehen, wie ein dänisches Sprichwort sagt?

Im Schnitt ein Tor pro Spiel nach Ecken und Freistößen.

Der Trainer mit den wasserblauen Augen hat die Windjacke hoch geschlossen und feuert seine Spieler an. Er bringt all die atemberaubenden Ideen auf den Platz, die ein kleines Grüppchen ausgeheckt hat. Ein smarter Vereinsboss mit Pferdeschwanz, der erst 31 Jahre alt ist, ein streitlustiger Sportdirektor und ein ehemaliger Trader am Finanzmarkt, der in London lebt und durch Wetten auf Fußballspiele reich geworden ist. Sie haben diesen Provinzklub zu dem Verein gemacht, wo mathematische Modelle und Algorithmen eine größere Rolle spielen als irgendwo sonst im Fußball. Und erfolgreich sind sie damit auch: Vor kurzem wurde der FC Midtjylland erstmals dänischer Meister.

Am Morgen vor dem Training hatte Kristian Bach Bak, 32, bei der Mannschaftsbesprechung vorne gesessen, während andere Kollegen hinten auf Liegen von den Physiotherapeuten behandelt wurden. Es ging mal wieder um Standardsituationen. In Europas höchsten Spielklassen gibt es keine andere Mannschaft, die damit so erfolgreich ist wie der FC Midtjylland. Im Schnitt schießen Bak und seine Kollegen ein Tor pro Spiel nach Ecken und Freistößen.

»Ich bin eher der altmodische Typ«

Der Kapitän gehört mit vier weiteren Spielern und den Mitarbeitern des Trainerstabs zur sogenannten »Set Piece Lounge«. Die Gruppe hat eine einzigartige Fülle von Varianten bei Eckbällen und Freistößen erarbeitet. Spezialisierte Trainer aus England und Italien waren schon bei ihnen zu Gast sowie ein American-Football-Coach aus der NFL. Manchmal geht es nur um kleine Kniffe bei den Laufwegen oder beim Blocken, dann wieder machen sie verrückten Kram. Bei einer Ecke tauchen sie auch schon mal mit sieben Mann im Fünf-Meter-Raum auf, dann pfeffert ihr Standardspezialist den Ball zum Entsetzen des Gegners von der Eckfahne aus in die Überfülle.

Kein Wunder, dass zum Abschluss des Trainings noch ein paar Freistöße geübt werden, anschließend sammelt Bak die Bälle mit ein. »Ich bin eher der altmodische Typ«, sagt er. Bak, der Publikumsliebling stammt aus der Gegend. Mit den kurzgeschorenen Haaren, dem Bart und den Tattoos sieht er aus wie der Bassist einer Metal-Band. In seiner Mannschaft ist er der Kämpfer rechts hinten, der nie aufgibt – und der Boss.

»Anfangs habe ich gedacht, dass ist alles Bullshit«

Als der FC Midtjylland im Juli letzten Jahres einen neuen Besitzer bekam und sich von einem Tag auf den anderen alles änderte, war Bak alarmiert. Dass der neue Besitzer von Standardsituationen besessen war, weil man dabei für wenig Einsatz einen großen Ertrag bekommt, leuchtete ihm noch ein. Doch als er hörte, dass die Transfers von den Ergebnissen eines mathematischen Modells abgesegnet würden, machte er sich ernsthafte Sorgen. Es wurde auch nicht dadurch besser, dass der Trainer in der Halbzeitpause seltsame Statistiken auf sein Handy geschickt bekam, die offensichtlich seine Bewertung beeinflussten.

Dann saß Kristian Bach Bak einem Mentalcoach gegenüber, der ihn einem Persönlichkeitstest unterzog, und irgendwann gehörte ein Neurobiologe aus Oxford zum Trainerteam, den alle im Klub nur »den Gehirn-Typen« nennen. »Anfangs habe ich gedacht, dass das alles Bullshit ist, weil es im Fußball doch darum geht, Herz zu zeigen«, sagt Bak.

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