23.06.2012

Michel Platini, (Fußball)-Politiker wider Willen

Der kühle Vollstrecker

Als Spieler war er ein Romantiker, als Uefa-Präsident ist Michel Platini ein machtbewusster Chef. Doch nun steht er doppelt unter Druck: Er ist gegen die Torkamera, und er will unpolitisch bleiben.

Text:
Roland Zorn
Bild:
Imago

Michel Platini war schon als Spieler ein Fußball-Romantiker. Hier eine geniale Idee, dort ein Freiraum für ein Zauberkunststück oder ein Pass pro toto: Der Europameister von 1984 gehörte zu den bekennenden Protagonisten des schönen Spiels, ein Mann der exquisiten Technik zum Nutzen aller. Derselbe Platini aber war auch ein ein machtbewusster Kapitän der französischen Nationalmannschaft und ein kühler Vollstrecker. Neun Tore trug der seit Donnerstag 57 Jahre alte Lothringer zum Triumph der Equipe Tricolore bei der EM 1984 im eigenen Land bei. Alle Neune, das hat seitdem niemand seiner Epigonen bei einer EM übertroffen.

Dieser Tausendsassa, ein manchmal altmodisch anmutender Liebhaber seines Spiels, kämpft als Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa) dieser Tage auch darum, seinen Sport nicht mit technischem Teufelszeug zu überfrachten.

Das glaubt er zumindest. Lieber fehlbare Torrichter als unfehlbare Torkameras? Das hat sich der Mann, den viele für den Nachfolger des 76 Jahre alten Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa, Joseph Blatter, halten, so gedacht, als „seine“ EM in Polen und der Ukraine begann. Und tatsächlich gaben die von Platini anders als von Blatter bei den Weltmeisterschaften im Zweifel geschützten Unparteiischen bis zum Dienstag auch wenig Anlass, heftig über sie zu schimpfen. Dann aber kam das Tor, das nicht als solches erkannt wurde. Der Treffer des Ukrainers Devic, den der Engländer Terry erst hinter der Torlinie zu verhindern versucht hatte. Dessen artistischen, aber untauglichen Versuch honorierten der ungarische Schiedsrichter Kassai und sein Landsmann und Torrichter Vad ungewollt, indem sie keinen Treffer zu sehen geglaubt hatten.

Danach brach ein Sturm der Entrüstung darüber los, dass noch immer keine Torkamera zum Freund und Helfer der Schiedsrichter geworden ist. Platini, oberster Mentor der von ihm in der Champions League, der Europa League und nun auch bei der EM eingesetzten Torrichter, mutete deshalb von heute auf morgen wie ein antiquierter Sachverwalter der Tradition an. Er hatte noch am Montag im Brustton der Überzeugung gesagt: »Man braucht solche Systeme nicht. Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball.«

Dass ihm gleich nach dem Malheur von Donezk der Fifa-Boss twitternd dazwischenfunkte, als er festhielt, »die Torlinien-Technologie ist keine Alternative mehr sondern eine Notwendigkeit«, belegt nur, wie angespannt die Beziehung zwischen dem einstigen Tutor Blatter und seinem ehemaligen Zögling ist. Platini hat sich längst emanzipiert, Blatters Fifa besitzt aber im Zweifel die Oberhoheit gegenüber Platinis Kontinentalverband. Während der Walliser Weltmeisterschaften auch dazu nutzt, seine politische Meisterschaft im Geflecht der Intrigen, Befehle und Botschaften zum eigenen Nutzen auszuspielen, hält sich der als Spieler vorbildliche Sportsmann Platini bei der EM mit öffentlichen Auftritten zurück. Der am schweizerischen Uefa-Sitz in Nyon wohnhafte Franzose fühlt sich vor allem seinem Spiel verpflichtet und niemand anderem.

Er macht Fußball. Keine Politik.

 
 
 
 
 
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