Michael Rummenigge über seinen Bruder Karl-Heinz

Mein Bruder, der Weltstar

Für die Ausgabe #139 von 11FREUNDE sprachen wir mit Karl-Heinz Rummenigge. Genauer gesagt: mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge. Dass der Bayern-Boss in den achtziger Jahren neben Diego Maradona der beste Fußballer der Welt war, wird schnell vergessen. Ein Loblied auf den Fußballer – von seinem Bruder Michael.

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139

Ich habe 309 Bundesligaspiele gemacht, zu mir sagen häufiger einmal Leute: Du warst doch auch ein guter Spieler. Dann sage ich: Ja, ich war nicht schlecht. Aber mein Bruder, der war Weltklasse. Er war der beste Stürmer seiner Zeit. In den achtziger Jahren haben zwei Spieler den Weltfußball geprägt: Diego Maradona und Karl-Heinz Rummenigge.

Ich habe heute eine Fußballschule, und um den Kindern zu erklären, welchen Stellenwert mein Bruder damals hatte, nenne ich den Namen Cristiano Ronaldo. So wie der heute, so war mein Bruder damals. Dann ist das Staunen groß. Er war 1980 und 1981 Europas Fußballer des Jahres, das war damals so etwas wie der inoffizielle Weltfußballer.

Dass jetzt Jupp Heynckes in der Jury meinen Bruder vor sich selbst setzt, sagt zwei Dinge: Der Jupp ist bescheiden. Und mein Bruder war wirklich gut.
Das war er schon immer. Wir sind in einem Neubaugebiet in Lippstadt aufgewachsen. Unser Vater war Werkzeugmachermeister in Soest, er ist jeden Morgen um 5.15 Uhr zur Arbeit aufgestanden, unsere Mutter war Hausfrau, sie ist auch für uns putzen gegangen. Wir hatten fast nichts außer Fußball: kein Telefon, nur drei Fernsehprogramme, sonntags die Kirche. Wir waren stundenlang auf der Straße und haben gegen italienische Einwanderer gekickt oder gegen Engländer aus der benachbarten Kaserne. Zum Fußballplatz waren es zwei, drei Kilometer mit dem Fahrrad, der wurde dann unser zweites Zuhause.

Einmal schoss er vier Tore im Alleingang: tack, tack, tack, tack

Mit 17 war mein Bruder schon eine Berühmtheit auf Kreisebene. Er spielte in der ersten Mannschaft bei Borussia Lippstadt, gegen Westtünnen schoss er einmal vier Tore im Alleingang, tack, tack, tack, tack. Der Name sorgte schon für Aufsehen: Rummenigge hatte einen ungewöhnlichen Klang, angeblich kommt das von rumänischen Weinbauern, aber so genau weiß das keiner.

Die Scouts vom FC Bayern haben jedenfalls sofort gesagt: Den können wir nehmen. Da herrschte 1974 helle Aufregung in Lippstadt: 17 500 Mark Ablöse, es wurde über Freundschaftsspiele verhandelt, das hatte es alles noch nie gegeben. Dabei habe ich noch irgendwo das Schreiben von einem Verbandstrainer namens Schneider: Lieber Sportsfreund Rummenigge, aufgrund ihrer aktuellen Leistungen können wir sie nicht weiter für die Westfalenauswahl berücksichtigen.

Der FC Bayern war damals die ganz große Nummer, da spielten Strategen wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller oder Uli Hoeneß, sie waren gerade Weltmeister und Europapokalsieger geworden. Mittendrin mein Bruder, den sie anfangs „Rummelfliege“ nannten, weil er so nervös wirkte. Im ersten Trainingslager hatte er mit 17 großes Heimweh. Da hat meine Mutter mich und einen Koffer gepackt und wir sind vier Wochen runtergefahren. Sie hat aufgepasst, dass er seinen Job macht.

Wie Dettmar Cramer. Weil mein Bruder anfangs immer nur auf den Ball schaute, meinte der Trainer irgendwann: Komm, wir gehen in die Kaufingerstraße. Dann lief Cramer in der Fußgängerzone hinter ihm her und sagte plötzlich: Frau im gelben Kleid, links. Oder: Mann im Anzug, hinter dir. Dann musste mein Bruder blitzschnell hinschauen. Peripheres Sehen nennt man so etwas heute, das trainieren Jugendspieler am Computer. Manchmal durfte ich dabeisitzen, wenn sie beim Italiener über Fußball philosophierten.

Ein Spieler wie Lewandowski, nur schneller mit dem Ball am Fuß

Bei seinem ersten Bundesligaspiel saßen wir in Lippstadt vor dem Radio und hörten, wie er 0:6 gegen Offenbach verlor. Das tat weh. Aber mein Bruder hat sich ständig weiterentwickelt, als Spieler und als Mensch. Am Anfang spielte er Rechtsaußen und legte Gerd Müller die Bälle vor. Später kam er über links, weil er dann gut nach innen ziehen und schießen konnte, wie heute Franck Ribéry. Er war ein Spieler wie Robert Lewandowski, auch wenn mein Bruder mit dem Ball am Fuß noch schneller war. Ein Riesenkicker, Torschützenkönig und Spielmacher. Mit Paul Breitner verstand er sich blind auf der linken Seite, bei Bayern und in der Nationalelf, „Breitnigge“ schrieben die Zeitungen. 1980 war er Europameister und Spieler des Turniers.

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