28.06.2014

Mexikos Fans sind die bislang größte WM-Attraktion

Das Meer hinter El Tri

Vor dem schweren Achtelfinale gegen die Niederlande hat Mexiko schon einen Titel sicher: den für die einfallsreichsten Fans dieser Weltmeisterschaft.

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imago

Am Ende mobilisierte Miguel Herrera die letzten Kraftreserven in seinem gedrungenen Körper. So wie Mexikos exzentrischer Trainer zuvor seine Mannschaft im Ausscheidungsmatch gegen Kroatien angefeuert hatte, tat er es nun mit dem Anhang. Wie Käptn Ahab warf er sich aus seiner Coachingzone dem in Grün getauchten Meer auf den Rängen der Arena Pernambuco entgegen. Als wolle »El Piojo« die ohnehin schon hyperventilierenden Fans im Angesicht des 3:1-Sieges gegen die traurigen Männer vom Balkan komplett in den Wahnsinn treiben.

Scream-Mörder, der Occupy-Schmunzler, »El Piojo«, sogar Ronald Reagan

Mexikos Anhänger hat in der Vorrunde alle herkömmlichen Maßstäbe getoppt, nach denen sich euphorische Fußballliebhaber kategorisieren lassen. Selbst die sangesfreudigen Supporter aus Brasilien und Argentinien verblassten angesichts der Wucht, die Schätzungen zufolge bis zu 40 000 angereiste Mittelamerikaner in und um die WM-Stadien entfachten. Als Frauenliebling Javier »Chicarito« Hernandez den Endstand gegen Kroatien markierte, erinnerte das Treiben auf den Tribünen an die konfuse, undurchdringliche Staubwolke, die in Asterix-Comics entsteht, wenn sich das gallische Dorf in eine ihrer fröhlichen Raufereien verstrickt. Menschen, die gleichzeitig lachten und weinten. Zahllose Wrestler-Masken, die zunächst vom Gesicht heruntergerissen wurden und dann schnell wieder aufgesetzt wurden. Junge Mädchen mit langen dunklen Haaren, die Hüte mit dem Durchmesser von zwei Drittel ihrer Körpergröße schwenkten. Zahllose Gummigesichter: Scream-Mörder, der Occupy-Schmunzler, »El Piojo«, ja, sogar Ronald Reagan. Junge Kerle mit Indianerschmuck, alte Männer mit goldenen Applikationen an Armen und Beinen und einem Sonnenschweif auf dem Kopf, wie ihn die Azteken trugen. Sie alle lagen sich in den Armen und entfachten einen infernalischen Lärm. »Das war mehr als ein Heimspiel für Mexiko,« sagte der Kroate Ivica Olic später fassungslos, »mehr als ein 12. Mann.«

Dabei waren sie bereits in Verruf geraten. Denn in Mexiko ist es Usus, den gegnerischen Keeper beim Abstoß mit einem langgezogenen »Puto« zu verhöhnen. Ein Phänomen, das nun auch bei der WM auftrat. Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff soviel wie »Stricher«, oberflächlich betrachtet also eine homophobe Diskriminierung. Die FIFA leitete Ermittlungen ein. Allerdings entspricht die weibliche Form des Begriffs »Puta« in Mexiko dem amerikanischen »Fuck«. Etwa in der Redewendung: »Er war abgefuckt« = »Estaba Putiado«. Entsprechend lapidar spielte Coach Herrera die Sache runter: »Das war nicht so ernst gemeint«, sagte er und setzte feuerig nach: »Ich denke, die FIFA hat wichtigere Sachen, um die sie sich kümmern muss.« Doch der Weltverband erwog ernsthafte Sanktionen, weshalb Teile der Fanschaft ankündigte, statt »Puto« fortan »Pepsi« zu brüllen, also den Namen des großen Rivalen eines WM-Premiumsponsors. Das Verfahren ist derzeit in der Schwebe. 

 
 
 
 
 
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