Messi statt Auge – ist Fußball zu schnell geworden?

Das Ende der Gemütlichkeit

Alex Raack, aufgewachsen mit Klaus Augenthaler, Lothar Matthäus und der Nationalmannschaft von Erich Ribbeck, wundert sich über die Geschwindigkeit des gegenwärtigen Spitzenfußballs. Ein verzweifelter Hilferuf. Messi statt Auge – ist Fußball zu schnell geworden?

Früher war alles schlechter. Jedenfalls im Fußball. 1990, ich war 7 Jahre alt, war Deutschland die beste Fußballnation der Welt. Hinten drosch verlässlich Klaus Augenthaler – ein Mann wie geschaffen für fußballerisches Grobzeug – die Bälle über die Mittellinie; in der Mitte sprinteten Andy Brehme und Lothar Matthäus jeden Gegenspieler in Grund und Boden, und vorne halfen abwechselnd der liebe Gott, Rudi Völler oder Jürgen Klinsmann.

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Ok, »schlecht« im Sinne von schlecht, war dieser Fußball nicht unbedingt (er wurde es erst um die Jahrtausendwende; da war ich soeben der Pubertät entwachsen und immer noch ziemlich empfänglich für allerlei äußere Einflüsse, zum Beispiel den Fußball von Erich Ribbeck), dafür aber deutlich einfacher gestrickt als der Spitzenfußball der Gegenwart. Langholz Auge, Antritt Lothar, Vollspann Rudi – so einfach war die Welt. Ähnlich sah es aus bei »meinem« Verein Werder Bremen – dort hieß Augenthaler Bratseth, Matthäus Herzog und Völler erst Völler, dann Rufer. Einfacher Fußball für ein einfaches Gemüt. Ich bin ein Junge vom Dorf, im Grunde genommen ganz simpel gestrickt. Einfachen – nennt ihn von mir aus schlechten Fußball – kann ich verstehen. Der deutsche Fußball von damals ist mir auch deshalb so in Erinnerung geblieben, weil ich mir sicher war, ihn wirklich verstanden zu haben, ja, sogar in der Lage wäre, mindestens zehn Minuten mit Auge, Lothar und Rudi auf dem Rasen zu stehen, ohne negativ aufzufallen.

Heute wäre ich nach exakt zehn Sekunden sofort enttarnt.

Spitzenfußball, wie wir ihn heute aus Dortmund, von der deutschen Nationalmannschaft oder von Branchenführer Barcelona kennen, hat – so scheint es mir – nichts mehr mit der gemütlichen Ballschieberei von damals zu tun. Erst jüngst bekräftigte Barcas Ideengeber Xavi in einem (äußerst empfehlenswerten) Interview mit dem englischen Guardian, dass die Kunst seiner Mannen darin bestünde, den Ball nicht etwa mit EINEM, sondern einem HALBEN Kontakt weiterzuspielen. Ein halber Ballkontakt!? Welcher Mensch ohne abgeschlossenen Profifußballer-Vertrag soll verstehen, was damit gemeint ist?

Auch du, mein Land des Liberos?

Dass ausländische Spitzenmannschaften Fußball außerhalb der Vorstellungskraft durchschnittlich begabter Hobbykicker zelebrieren, mag mir ja noch vermittelbar gewesen sein, aber nun spielen sie ja auch in Deutschland zum Teil diesen enorm schnellen, äußerst attraktiven Fußball. Auch du, mein Land des Liberos? Als die Bayern gegen Dortmund untergingen, kam ich mit phasenweise vor wie bei einem Tennismatch auf Hartplatz. Hin und her flackerten meine Augen, um nur ja nicht den Weg des Balles zu verpassen. Selbst in der Nationalmannschaft, früher ein Tummelplatz der kickenden Gemütlichkeit, gleicht das Durchschnittstempo inzwischen dem des ICE zwischen Berlin und Köln. Noch schlimmer ist es, wenn der FC Barcelona einen guten Tag erwischt hat. Wenn Xavi, Iniesta, Messi und wie diese vom Talent geknutschten Superfußballer alle heißen, tatsächlich nur einen HALBEN Ballkontakt benötigen, um von rechts nach links und von vorne nach hinten über den Platz fliegen. Dann verstehe ich dieses Spiel nicht mehr. Mein Herz begreift wohl, dass ich hier dem vielleicht schönsten Fußball aller Zeiten beiwohnen darf, aber mein Gehirn ist nicht mehr in der Lage, der Fülle an Pässen, schnellen Haken, Flanken und Torschüssen in angemessener Geschwindigkeit zu folgen.

Manchmal glaube ich wirklich, dass ich der (Fußball-)Welt abhanden gekommen bin. Dann schließe ich die Augen, spiele in Gedanken den Ball mal wieder hinten rum, freue mich über den imaginären Jubel, wenn ich einen gegnerischen Stürmer an meiner Eckfahne umgetreten oder den Ball übers Tribünendach geschossen habe und verfolge meinen Gegenspieler bis aufs Klo. Manchmal hilft das.

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