Mertesacker vs. Özil: Muss man sich bei Fans bedanken?

100 Prozent gefühlsecht

Am Samstag stauchte Per Mertesacker seinen Mitspieler Mesut Özil zusammen, weil sich dieser nach dem 3:6 gegen Manchester nicht bei den mitgereisten Fans bedankt hatte. Zu Recht?

imago

Es war kein guter Tag für den Tabellenführer. Im Etihad Stadion verlor der FC Arsenal gegen Manchester City 3:6, und am Ende blickte man in ratlose, enttäuschte und wütende Gesichter. Lukas Podolski, normalerweise nicht für Bonmots bekannt, brachte es später ganz gut auf den Punkt: »Sechs Tore in 66 Minuten: Ein Spiel wie ein Boxkampf!« Eine Frage lautete: Wie hatte die beste Defensive Englands so unter die Räder kommen können? Wichtiger schien indes diese Frage: Muss man nach einem solchen Spiel zu den Fans gehen und sich dafür bedanken, dass sie den weiten und beschwerlichen Weg von London nach Manchester auf sich genommen hatten?
 
Mesut Özil wollte nämlich nach dem Spiel nicht zu den Arsenal-Fans gehen und wurde dafür von Per Mertesacker in bester Oberlehrer-Manier zusammengestaucht. Mit dem Finger zeigte der deutsche Abwehrmann auf den deutschen Mittelfeldspieler und erklärte ihm, dass es sich selbst nach Niederlagen nicht gehöre, einfach in der Kabine zu verschwinden. Es war, als erkläre ein Vater seinem Sohn zum wiederholten Mal, wie man sich im Urlaub im Ausland zu verhalten habe, um ja nicht unangenehm aufzufallen. Der Filius allerdings stellte sich stur und verließ mit gebeugtem Haupt den Platz.
 
Man kann Per Mertesacker ein bisschen verstehen, schließlich ist das eine Sache des Anstands, und Mertesacker war immer dafür bekannt, ein anständiger Typ zu sein. Er war immer eine Art Botschafter und Vorbild, einer, für den Fußball mehr ist, als 90 Minuten gegen einen Ball zu treten.
 
Doch kann es nicht auch mal Tage geben, an denen man darauf scheißt?
 
Immer wieder wird im Fußball nach echten Gefühlen geschrien. Nach Spielern, die mal richtig Dampf ablassen, wenn ihnen danach ist. Nach Spielern, die sich nicht in Phrasen verlieren, wenn sie gefragt werden, ob sie sich auf der Ersatzbank wohlfühlen. Nach Sätzen, die weder von Beratern, vom Verein oder medialen Diskussionen bestimmt werden. Doch im heutigen Fußball läuft vieles über althergebrachte Traditionen, immer währende Routinen und künstliche Emotionen. Spieler feiern Tore gegen Ex-Klubs nicht, weil es angeblich respektlos sei. Spieler küssen das Wappen des neuen Klubs, nachdem sie drei Spiele bestritten haben. Und Spieler bedanken sich bei Fans, auch wenn es mal Ausnahmemomente gibt, in denen es ihnen so beschissen geht, dass sie am liebsten direkt über die Kloschüssel hängen würden.
 
Doch wenn die Spieler das tun, also sich direkt über die Schüssel hängen, ist die Empörung groß, schließlich seien diese Spieler Millionäre und hätten sich gefälligst an Bräuche zu halten, denn sie, die Fans, würden ihr Geld, ihre Beziehungen, ihre Zeit, was auch immer, für diese Wochenenden opfern. Da scheint es ganz egal, wie roboterartig ein Spieler zu den Fans schlurft, was zählt, ist die Illusion, dass der Spieler jetzt, in diesem Moment, es ganz toll findet, wie die Fans ihn und die Mannschaft auch in der Stunde der Niederlage unterstützt haben.
 
Immerhin bekamen Mertesacker und die Fans einen Tag später, was sie wollten:
 
»Entschuldigung, dass ich mich nach dem Spiel nicht bei den Fans bedankt habe. Ihr wart super zu mir und ich weiß, dass ihr einen weiten Weg gereist seid und euer Geld für uns ausgebt.«
 
Mesut Özil schrieb diese Sätze aus dem Dankesreden-Baukasten. Ein User antwortete darunter: »Hat Mertesacker dich gezwungen, das zu schreiben?« und bekam dafür über 14.000 Likes. Auch das wie immer bei Facebook: 100 Prozent gefühlsecht.

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