Meldung vom Abgrund (3): Uerdingen ohne Bayer

Recht auf Bundesliga verwerkt

Uerdingen holte als Werkself den DFB-Pokal und gegen Dynamo Dresden ein legendäres 1:3 auf. 1995 beendete Bayer sein Engagement in Krefeld. Der Ausstieg des Konzerns wird gerne für den Abstieg im Folgejahr verantwortlich gemacht – zu Unrecht. Meldung vom Abgrund (3): Uerdingen ohne Bayer Jeder Abstieg braucht einen Sündenbock: Nürnberg manövrierte sich 1994 auch in Folge des Phantomtores von Thomas Helmer in die 2. Liga, Dresden lud nur ein Jahr später alle Schuld auf den windigen Rolf-Jürgen Otto – und den sportlichen Niedergang des KFC Uerdingen 05 glaubt man bis heute mit dem Bayer-Konzern erklären zu können. Konsequent hält sich unter Fußballfans die Mär, der Rückzug des Pharmazieunternehmens habe den Krefelder Abstieg aus der Bundesliga 1996 zu verantworten.

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Eine Annahme, die bei näherer Betrachtung nicht aufrecht zu erhalten ist. Denn schon im Sommer 1991 begann Bayer, die finanziellen Spritzen nach Krefeld sparsamer zu dosieren. Uerdingen war damals trotz eines vergleichsweise starken Kaders abgestiegen und in Leverkusen brauchte es zeitgleich neues Kapital für den ostdeutschen und osteuropäischen Spielermarkt, der sich mit dem Mauerfall aufgetan hatte. Eine unkittbare Kluft riss die neuerliche Herabstufung des Budgets zum Saisonstart 1993/94 auf. Fans der Krefelder protestierten erstmals offen gegen die stiefmütterliche Behandlung. Sie kratzen das Werkskreuz vom Trikot und skandierten Schmähgesänge gegen den Sponsor. In der Grotenburg wollte man nicht mehr nur aus zweiter Hand genährt werden. Man verlangte Gleichberechtigung und, als die verwehrt wurde, Unabhängigkeit.

Bayer entsprach dem Wunsch, auch weil der Pokalsieger von 1985 mit seinen fahrstuhlhaften, unplanbaren Auf- und Abstiegen den Werksplan, in jeder Bundesliga jeweils einen Verein zu installieren, konterkarierte. »Uerdingen wurde in die Freiheit entlassen und dabei noch fürstlich auf die Wiese gestellt«, hieß es im Sportkonzept. Die ökonomische Ratio, getarnt durch blumige Worte, meinte nichts anderes als finanzielle Starthilfen für den nun KFC heißenden Verein aus Uerdingen. Bayer bekam keine Sponsoringleistungen mehr, überwies aber noch bis 1997 auf das Krefelder Konto. Bedingung dafür war, dass Markus Feldhoff, eines der größten deutschen Talente und im Jahr des Klassenerhalts absoluter Newcomer, nach Leverkusen wechselte.

Auf dem Papier bereit für eine goldene Zukunft

Trotzdem des Abgangs schien in Krefeld alles bereitet für eine goldene Zukunft. Man war unter dem Werksdach ausgezogen und entledigte sich, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, des starken Armes, der nach Meinung der Fans mehr gehalten denn geholfen hatte. Ein neuer Brustsponsor stellte Geld bereit, den Kader aufzurüsten. In der Saison 1994/95 vor allem dank der taktischen Finesse von Trainer Friedhelm Funkel gerettet, war Uerdingen jetzt endlich auch auf dem Papier mal mehr als nur Abstiegskandidat: Erik Meijer kam vom PSV Einhoven, Michael Lusch aus Kaiserslautern und in Sofia wurde der bulgarische Nationalspieler Zlatko Yankov losgelöst. Leistungsträger wie Stephan Paßlack, Markus Wedau und Mustafa Dogan blieben. Warum dann also der Abstieg und die damit einhergehende Abwärtsspirale?

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Die Antwort ist einfacher, als es manchem Verschwörungstheoretiker gefallen wird: Uerdingen spielte schlicht unter seinen Möglichkeiten und verkorkste so eine als Neuanfang titulierte Spielzeit. Nur Meijer schlug ein am Niederrhein und in des Gegners Tor. Yankov und Lusch enttäuschten, die etablierten Kräfte konnten nicht an ihre starke Vorsaison anknüpfen. Dramatisches Verletzungspech handicapte den vierfachen Intertotocupsieger zusätzlich. Hinter den Kulissen machte sich derweil das Wegbrechen jahrelanger Strukturen bemerkbar. Es schien, als seien die Verantwortlichen mit der neuen Freiheit überfordert. Laienentscheidungen verhinderten erst einen lukrativen Telekom-Deal und später die Rückkehr von Oliver Bierhoff. Der dauergewellte Stürmer von Ascoli war auf dem Stiefel in die 3. Liga abgestiegen und liebäugelte mit Uerdingen. Aus der Führungsetage an der Grotenburg kam jedoch das Veto. Bierhoff habe noch mit Coach Funkel zusammengespielt, das sei nicht gut, der Deal beunruhige die Mannschaft. Enttäuscht wechselte der heutige Manager der Nationalmannschaft zu Udinese Calcio und wurde Nationalspieler, EM-Held und italienischer Torschützenkönig.

Im Schatten von Bayer verkümmert

In Krefeld beschrie man derweil nochmal große Neuanfangspläne, denen auch Friedhelm Funkel weichen musste. Noch am 33. Spieltag der Saison 1995/96 ersetzte Interimscoach Armin Reutershahn den vereinstreuen Übungsleiter im Zuge einer stillosen Übernahme. Der Abstieg aus der 1. Liga geriet vor allem deshalb so schlimm, weil ein Bundesligajahr nicht gereicht hatte, um sich unter neuem Namen zu etablieren und an Profil zu gewinnen. Als ehemalige Werkself darbte man also, für Sponsoren unattraktiv, im Unterhaus vor sich hin. Im langen Schatten der Bayer-Vergangenheit verkümmerte Uerdingen. Der Verein, der im größten Fußballspiel aller Zeiten ein 7:3 gegen Dynamo Dresden geholt hatte, schlug in der sechsten Liga auf.

Wie aus Liga 1 plötzlich Liga 6 wurde: Die Uerdinger Abwärtsspirale in der 11FREUNDE-Bildergalerie – Nackte Körper, Elefanten und Ailton inklusive!

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