Meldung vom Abgrund (10): Aufholjagden
Berger kann Glauben versetzen
Kürzlich war Borussia Mönchengladbach schon so abgestiegen wie David Hasselhoff. Jetzt wittern manche ein Jahrhundertcomeback. Damit wären die Gladbacher in guter Gesellschaft: Hier sind die zehn unfassbarsten Aufholjagden aller Zeiten.
1.
Coventry City, 1996/97
Wenn sich eine Mannschaft der Welt mit Aufholjagden auskennt, dann ist es die Auswahl von Coventry City in der Saison 1996/97. Am 16. Spieltag krebst City abgeschlagen am Ende der Premier League, startet dann eine aufregende Serie und hält nach 22 Spieltagen Platz 11, nur um sich acht Partien später wieder auf dem vorletzten Rang einzufinden. Dann rafft sich der Abstiegskandidat auf, schlägt Liverpool und Chelsea, und steht vor dem letzten Spieltag doch erneut auf einem Abstiegsplatz. Ein umjubelter 2:1-Erfolg gegen Tottenham sichert schließlich den Verbleib in Liga eins.
2.
Eintracht Frankfurt, 1998/99
Sechs Punkte fehlen Eintracht Frankfurt mit Trainer Jörg Berger vier Spieltage vor Saisonende zum rettenden Ufer. Normalerweise werden zu diesem Zeitpunkt schon die Straßenkarten der zweiten Liga herausgekramt. Dann aber gewinnt die Eintracht die letzten vier Spiele – in der gesamten Spielzeit waren bis dahin ganze fünf Erfolge zusammengekommen. Der legendäre 34. Spieltag mit dem letztminütig herausgeschossenen 5:1-Sieg gegen Kaiserslautern macht Berger und Stürmer Jan-Aage Fjörthoft zur Legende. Der Angreifer später über den Coach: »Berger hätte auch die Titanic gerettet.«
3.
Eintracht Frankfurt 1999/2000
Immer noch ist Berger Trainer in Frankfurt, natürlich. Das Team startet furios – und fällt dann tief. Zur Winterpause perspektivlos auf dem letzten Platz, muss Berger gehen. Wen verpflichtet die Eintracht? Felix Magath. Der drillt die Mannschaft unerbittlich und holt sagenhafte 30 Punkte in der Rückrunde. Am Ende grüßt die SGE von Platz 15. 17 Spiele sichern Felix Magath in Frankfurt den Vitrinenstatus und Jan-Aage Fjörthoft modifiziert: » Ich weiß nicht, ob Magath die Titanic gerettet hätte. Die Überlebenden wären auf jeden Fall topfit gewesen.«
4.
1. FC Kaiserslautern 2002/03
Wer den wunderbar leeren Begriff des »Befreiungsschlags« mit Inhalt füllen möchte, konzentriere sich bitte auf den 24. Spieltag der Saison 2002/03. Kaiserslautern empfängt Nürnberg, ist zu diesem Zeitpunkt wenig stolzer Besitzer der »roten Laterne« und ansonsten auch noch kurz vor der Insolvenz. Ob Eric Gerets seinen Jungs vor der Partie für den Fall eines Sieges pünktliche Gehaltszahlungen in Aussicht gestellt hat? Lautern rasiert den Club mit 5:0, holt anschließend zehn Punkte aus vier Spielen und ist plötzlich Zehnter. Der kurze Höhenflug reicht schließlich für den Klassenerhalt.
5.
Arminia Bielefeld 1980/81
Aufsteiger Arminia erlebt eine katastrophale Spielzeit. Früh sackt das Team in den Keller, Trainer Tippenhauer verletzt sich bei einem Autounfall schwer und wird durch Willy Nolting ersetzt. Mit ihm versauert Bielefeld mehr als ein halbes Jahr auf dem letzten Platz, ehe im Dezember 1980 Horst Franz das Ruder übernimmt und seiner neuen Mannschaft überraschende Heimstärke einflößt. Am 30. Spieltag dreht Arminia gegen 1860 München in den letzten zwei Minuten das Spiel zum 3:2 und verlässt erstmals den 18. Platz. Zwei Siege aus den letzten drei Spielen reichen, um den Aufsteiger in der Liga zu halten. Und bis heute firmiert Franz in Bielefeld unter dem Familiennamen »Der Retter«.
6.
Schalke 04, 1993/94
Mit überschwappender Euphorie geht der frisch aufgestiegene FC Schalke die Bundesligasaison 1993/94 an. Und muss nach elf Spieltagen gleich einmal Trainer Helmut Schulte entlassen, weil die Mannschaft am Tabellenende herumkrebst. Bei der Suche nach einem Nachfolger hält man es mit Adenauer: keine Experimente. Jörg Berger wird geholt und sammelt nach der Winterpause Punkte wie ein Eichhörnchen vor der Winterpause Nüsse. Sensationelle 17 Zähler aus den ersten sieben Spielen sichern den Klassenerhalt und Platz 14. Und Jörg Berger bleibt immerhin bis 1996 Trainer auf Schalke.
7.
SC Freiburg 1993/94
»Wenn Freiburg nicht absteigt, haben wir etwas falsch gemacht«, poltert Stuttgarts Manager Dieter Hoeneß und löst eine badische Trotzreaktion aus. Drei Spieltage vor Schluss noch sechs Punkte vom rettenden Ufer entfernt, gewinnen die Freiburger erst 4:0 (gegen Stuttgart!), durch ein Cardoso-Tor in letzter Minute gegen Leipzig, und weil Nürnberg gleichzeitig alles, aber auch wirklich alles verliert, reicht ein 2:0-Sieg gegen Duisburg am letzten Spieltag für den Klassenerhalt. Die Gebete der zuvor anberaumten Bittgottesdienste werden erhört und die »taz« jubelt parteiisch: »Das Gute hat gesiegt!«
8.
West Ham United 2006/07
Im April 2007 steht West Ham United vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit: 32 Punkte aus 35 Spielen bedeuten Platz 19. Die Mannschaft von Alan Curbishley hat erst neun Mal gewinnen können, deutlich zu wenig für ein Auskommen in der Premier League. Bis sich die »Hammers« zu einem Kraftakt aufraffen und die letzten vier Spiele in Folge gewinnen. Jungstar Carlos Tevez schießt am letzten Spieltag beim noch angeschickerten neuen Meister Manchester United das Tor zur Rettung.
9.
Wattenscheid 1982/83
Der Jugoslawe Fahrudin Jusufi hatte in Deutschland nur einen kurzen Gastauftritt als Übungsleiter, sechs Jahre coachte er in Gelsenkirchen und Wattenscheid. Geschichten hat er eine ganze Menge zu erzählen, zum Beispiel von der Zweitligasaison 1982/83, die bis zur Winterpause getrost unter dem Genre »Horror« in seinem Gedächtnis zu finden sein dürfte. Nur zweimal steht Wattenscheid nicht auf dem letzten Platz: am ersten und letzten Spieltag der Hinrunde. In der Rückrunde startet 09 eine Aufholjagd, die letztlich mit Platz 15 belohnt wird. Jusufi und sein Team sind nicht ein einziges Mal mehr am Ende der Tabelle zu finden.
10.
Ascoli Calcio 1974/75
Ascoli, dem italienischen Klub, bei dem 20 Jahre später ein junger Deutscher namens Oliver Bierhoff seinen Durchbruch schaffen sollte, gelingt in der Serie A eine Aufholjagd von geradezu klassischer Ausprägung. Bis zum 18. Spieltag fern aller Hoffnung auf den Verbleib in Italiens Königsklasse auf Platz 16 (und damit dem letzten Tabellenrang), zieht sich Ascoli selber aus dem Dreck und verlässt sechs Spieltage vor Ende die Abstiegszone.



