Meldung vom Abgrund (1): Lauterns Abstieg 1996

Tränen auf Tante Käthes Trikot

Es ist ein Bild für die Fußball-Ewigkeit: Kaiserslautern war abgestiegen - und Andi Brehme schluchzte an der Schulter von Rudi Völler. Hier erinnert sich Brehme an seine schwerste Stunde, Trips nach Meppen und tauschwütige Zweitligisten. Meldung vom Abgrund (1): Lauterns Abstieg 1996Imago Es hätte uns beide erwischen können, Rudi Völler und mich. Am letzten Spieltag der Saison 1995/96 sahen wir alten Haudegen uns wieder, ein Sieg für meinen FCK, und Rudis Leverkusener wären abgestiegen. Aber dann haut uns Markus Münch kurz vor Schluss das 1:1 rein, und alle Lichter gehen aus. Als Rudi und ich nach dem Spiel zum Interview gebeten wurden, hatte ich einen solchen Kloß im Hals, dass ich kaum sprechen konnte. Ich war nie zuvor abgestiegen, das war ein neues Gefühl für mich – und kein schönes! Plötzlich kamen mir die Tränen, da habe ich mich bei meinem Freund angelehnt. Ich weiß nicht, ob ich mich auch jemand anderem so anvertraut hätte. Da standen zwei Weltmeister Arm in Arm am Abgrund.

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Zum ersten Mal in seiner Geschichte musste der FCK ins Unterhaus. Zu all den SV Meppens, die sich dort tummelten. Mir tat die ganze Pfalz leid, Fußball ist alles für die Menschen dort. Rudi versuchte, mich zu trösten, zog mich zu sich. Doch an diesem 18. Mai 1996 konnte mich nichts und niemand aufmuntern, nicht mal Tante Käthe. Ich war 35 Jahre alt, der Elfmeter im WM-Finale von Rom 1990 lag sechs Jahre zurück. Eigentlich hatte mein Entschluss festgestanden, nach der Saison die Schuhe an den Nagel zu hängen. Doch schon bald nach dem Abpfiff wurde mir klar: Als Absteiger wollte ich nicht aufhören.

Es war ein Zufallsspiel, bei dem wir immer den Kürzeren zogen

Wie aber konnte es so weit kommen? Im Vorjahr waren wir noch in den Uefa Cup eingezogen. Doch 1995/96 ging so ziemlich alles schief. Nach 34 Spieltagen hatten wir nicht mehr Niederlagen als die Bayern, die auf Platz zwei einliefen. Wir waren abgestiegen, weil wir nur sechs Spiele gewonnen hatten. 18 Mal sprang nur ein Remis heraus. Der kaputte Rasen auf dem Betzenberg verhinderte, dass wir unser Spiel aufziehen konnten. Heute würde man über Nacht einen neuen Rollrasen verlegen. Es war ein Zufallsspiel, bei dem wir immer den Kürzeren zogen: Statt in den letzten Minuten die entscheidenden Treffer zu machen, wie man es vom »Betze« gewohnt war, kassierten wir reihenweise unglückliche Tore, oft erst in der 90. Minute.

Lange Zeit erkannte die Vereinsführung den Ernst der Lage nicht. Während der Hinrunde war ich Dauergast bei Manager Rainer Geye und versuchte, ihm die Situation vor Augen zu führen. Er sagte immer nur: »Wir schaffen das schon.« Geye weigerte sich, erfahrene Spieler zu verpflichten, die die Abgänge von Stefan Kuntz und Ciriaco Sforza ersetzt hätten. Im Winter kam der Brasilianer Arilson. Der sah zum ersten Mal Schnee und wusste überhaupt nicht, was los war.

In der Stadt machten einem noch alle Mut, überall hörte ich: »Wir packen's, Andy!« Aber wir kamen da unten einfach nicht weg. Auf einem Abstiegsplatz zu stehen, war für die meisten von uns eine neue Erfahrung. Im März wurde auch noch Friedel Rausch entlassen, ich erinnere mich noch genau an den tränenreichen Abschied: Wir saßen bei Fritz Walter zu Hause. Fritz war am Boden zerstört, er prophezeite den Absturz in den Amateurfußball, sollte der FCK tatsächlich absteigen.

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Friedels Nachfolger wurde Eckhard Krautzun. Ich will nicht nachtreten, aber noch heute klingt mir sein Satz im Ohr: »Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, bin ich hier der Gott!« So beschwört man keinen Teamgeist, das ist alles, was ich dazu sage. Am letzten Spieltag hatten wir dennoch alles selbst in der Hand. Ein Sieg in Leverkusen hätte die Rettung bedeutet. Es war praktisch ein Heimspiel für uns, das Stadion war zu drei Vierteln mit FCK-Fans gefüllt.

Abstiegstrauer gefolgt von Pokaltriumph

Nach all dem Rumpelfußball sind wir in dieser entscheidenden Partie aufgetreten, als würden wir um die Meisterschaft spielen. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir es schaffen würden und spielten die Leverkusener über eine Stunde an die Wand. Doch acht Minuten vor Schluss schickte uns Markus Münch mit seinem Geschoss unter die Latte in die zweite Liga. In ganz Kaiserslautern hingen die Fahnen auf Halbmast. Und Krautzun war doch kein Gott.

Das Absurde: Eine Woche nach dem Abstieg holten wir in Berlin den DFB-Pokal, 1:0 gegen den KSC mit »Icke« Häßler und Jens Nowotny. Es war der blanke Hohn. Wir fuhren alle unmittelbar danach in Urlaub, unsere Tschechen spielten die EM in England.

Zur Saisonvorbereitung sahen wir uns alle wieder. Der Verein hatte es geschafft, praktisch alle Leistungsträger zu halten. Der Impuls dahin kam auch von uns Spielern. Wir empfanden alle ähnlich wie Pavel Kuka, der nach dem Leverkusen-Spiel gesagt hatte: »Ich habe große Schuld.«

Im Juli, die Vorbereitung lief bereits, kam Otto Rehhagel zum FCK. Atze Friedrich, der damalige Präsident, begrüßte ihn mit den Worten: "Hier darfst du wieder Otto sein!" Er führte von Anfang an unzählige Einzelgespräche, als es losging, hatte er uns Demut gegenüber der zweiten Liga eingeimpft. Für das erste Training unter Rehhagel mussten wir ins Fritz-Walter-Stadion umziehen, weil 30.000 Leute gekommen waren.

Erfolgreiche Saison in der zweiten Liga

Wie der Trainer es prophezeit hatte: Einfach war die Saison in der zweiten Liga nicht. Zuletzt hatte ich als 20-Jähriger im Unterhaus gekickt, mit dem 1. FC Saarbrücken. 15 Jahre später blickte ich auf eine Weltkarriere zurück - und musste gegen Gütersloh oder Unterhaching antreten. Für einige Gegenspieler war es etwas Besonderes, gegen Andreas Brehme, den Weltmeister, zu kicken. Bei manchen Spielen hätte ich fünf Trikots zum Tauschen gebraucht. Die erste Niederlage kassierten wir ausgerechnet in Meppen, dem Inbegriff der zweiten Bundesliga.

Unsere Fans folgten uns überall hin - das war phänomenal. Auch die letzte Partie bestritten wir gegen Meppen. Wir waren schon seit drei Spieltagen aufgestiegen, beim Stand von 6:2 ließ ich mich auswechseln, am Ende stand ein 7:6, wie beim Tennis. Wir hatten zwar auch Gurkenfußball geboten, wichtig aber war: Der FCK war wieder erstklassig!

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