Meine Lieblingsfrisur – Bernd Schuster

Der Wischmop

In kreisenden Bewegungen durch die gegnerische Hälfte und alles glänzt wie neu. Der Flash Gordon des deutschen Fußballs, Bernd Schuster, sorgte mit seinem Feudel für klare Verhältnisse. Ein Schnitt, der auch dem passionierten XXXL-Mittelscheitelträger Tim Jürgens Respekt abnötigt

imago

Haare werden überschätzt. Was soll ich anderes sagen? Seit meinem dreißigsten Lebensjahr nähere ich mich in großen Schritten der Frisur an, die ich bereits im Säuglingsalter bevorzugte. Lediglich in den verwegenen Achtzigern gab es – wenn die Fotos aus dieser Zeit nicht von der NSA nachträglich gephotoshopt wurden – ein paar Wochen, in denen die Pracht an meinem Hinterkopf derart dicht war, dass Vögel dort hätten nisten können. Kam aber nicht vor, wahrscheinlich ahnte selbst der dämlichste Spatz, dass dieses Nest den kommenden Winter nicht überstehen würde. 
Warum also werde ich von Kollegen gezwungen, meinen Beitrag in der Rubrik mit den Lieblingsfrisuren zu leisten? Okay, lassen wir den Damen und Herren ihren Spaß. Alles was ich jetzt schreibe, wird als Neid des Besitzlosen seziert werden. Aber bitteschön. Ich kann nur sagen, dass ich die Zeit, als die halbe Bundesliga mit einem Schwarm aus Kipflern auf dem Kopf herumrannte und der Mini-Pli regierte genauso lächerlich fand, wie die Ära des Vokuhila, diesem größten anzunehmenden Unfall der Friseur-Geschichte, der sich ausgerechnet um den letzten WM-Erfolg des DFB herum ereignete.

Wie zu lang gekochte Spaghettini

Allerdings taten mir auch Uli Bittcher, Yordan Letchkov und Egon Köhnen leid, die selbst als Twens schon wie Senioren in ihren Teams wirkten, weil ihnen der Scheitel in den Nacken gerutscht war. 
Weil sie mir allein aus biologischen Gründen größere Experimente mit der Haarpracht fremd sind, war ich in Sachen Frisur eher ein Freund des Understatements, einer gewissen Zeitlosigkeit und Funktionalität. Bernd Schusters Rasenkantenschnitt in den frühen Achtzigern schluckte fast unmerklich den Stirnschweiß. Wie zu lang gekochte Spaghettini wogten die goldenen Strähnen. Der Blondschopf sah aus, wie das männliche Pendant zum »Spatz von Avignon«, Mireille Mathieu. Als habe Gattin Gaby ihm aus Ersparnisgründen den Fissler Topf aufgesetzt und alles unten Überstehende akkurat weggeschnippelt.

Wäre er kein Superstar gewesen, man hätte Schuster auf dem Kopf stehend problemlos zum Sauberwischen der Küche benutzen können. Einmal tief in den Eimer »Meister Propper« eingetunkt, in kreisenden Bewegungen über die Fliesen – und alles hätte wie neu geglänzt. Immerhin wienerte er mit seinem Wischmop vor den gegnerischen Strafräumen und ab und an unterzog der arrivierte Augsburger Dickkopf auch seine Trainer einer Generalreinigung. 
Das Schöne an seinem Feudel, verglichen mit voluminösen Schrubbern, wie sie später von Carlos Valderrama oder noch später von Dante getragen wurden, war, dass Schusters Haare seine Bedeutung als Fußballer nicht überlagerten. Zweifellos, er war der blonde Engel, aber sein pflegeleichter Pilzkopf, dieses jungenhafte »Prinz Eisenherz«-Zitat, wurde in der Medienrezeption nie zur ernsthaften Konkurrenz seiner Spielkunst. Lediglich eine marginale Extravaganz eines Solitärs, eine Äußerlichkeit, die ihn imagemäßig irgendwo zwischen dem unbedarften Bauernjungen D’Artagnan und dem kleinen Bruder von Flash Gordon verortete.

Wie gesagt, Haare werden überschätzt. 

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