Mein Moment des Jahres (5)

Von Gut und Böse

Zwischen Fulham und Millwall liegen Welten. Unser Autor fuhr vom Westen in den Südosten Londons, kletterte durch Klofenster und bekam das schlimmste Frühstück seines Lebens. 

Heiko Rothenpieler

»Das ist hier kein Hotel«, beschimpfte uns die nicht mehr nette, alte Dame bei der Schlüsselrückgabe des Airbnb-Lochs am Montagvormittag. Zu viele hatten sich beschwert im schicken Fulham. Als die Eingangstür hinter uns dreien zuschlug und wir in Richtung Chelsea gingen, wurde uns klar, dass es bei der mündlichen Schelte nicht bleiben würde. Wir hatten doch glatt vergessen, das von der Wand heruntergekrachte Bild wieder aufzuhängen. 

Das Ganze war bereits Samstagnacht passiert, das Bild hatte sich einfach so beim Zimmer-Wrestling aus dem Rahmen gelöst und lag jetzt unter eines der drei Betten. Als ich mit Lukas in Richtung Flughafen Stansted in der U-Bahn saß, gestand er sich kopfschüttelnd ein: »Das war’s mit den guten Bewertungen, das war’s mit meinem Airbnb-Profil, ich brauch ein neues!«

Sascha Riether, Baby!

Wer gerne ein Hauch Time Square erleben möchte, sieben Pfund für ein Bier akzeptiert und kein Problem damit hat, sich von Scharen ausländischer Schulklassen über den Haufen rennen zu lassen, ist am Piccadilly Circus goldrichtig. Doch wer die Gegensätze dieser riesigen Stadt kennenlernen will, sollte Stadtteile abseits von Baker Street und Sherlock Holmes besuchen. Das zählt vor allem für Fußballfans. In keiner anderen Stadt auf der Insel braucht es so wenige Bahnstationen, um vom Bilderbuchleben Notting Hills in den Überlebenskampf von Whitechapel (Jack The Ripper) zu reisen. 

Wer sich diese Parallelwelten so richtig hart geben möchte, schaut sich Heimspiele des FC Fulham und des FC Millwall an einem einzigen Wochenende an. Gegensätzlicher ist London nicht zu erleben. Rückblickend reichen allein die Gesänge, um das zu verdeutlichen. In Fulham werden Liebeslieder wie »Sascha Riether, Baby – Sascha Riether, o-oh!« mit der Pop-Melodie vom 1981er Human-League-Hit »Don’t you want me baby« getrillert. In Millwall gibt es kein Pop, hier grölt man nur »No one likes us, we don't care.« Es ist nicht nur das Credo der Fans, sondern auch deren einziger Gesang, der ohne direkte Beleidigung gegnerischer Vereine auskommt.

Mit Klatschpappen und Räuberleiter

Doch der Reihe nach. Starten wir bei Fulham gegen Reading, zweite Liga, 25 Pfund Eintritt. Bei den Kontrollen am Eingang tastete uns niemand ab, auch unsere Rucksäcke checkte niemand. Fulham ist sicher, für ausufernde Krawallen fehlt schlichtweg gewaltbereites Potenzial. Hier trinken Renter in Jogi-Löw-Schals ihr schaumloses Fünf-Pfund-Bier der urbritischen Marke San Miguel.

Das Spiel endete 5:0 für Fulham, die Klatschpappen machten einen Höllenlärm unter dem knapp über unserem Haupt liegenden Dach. Klatschpappen! In England! Lassen wir das. »Craven Cottage« ist ein wahrhaft einzigartiges Stadion. 1896 erbaut, erscheint es mit seinen roten Ziegeln in heutigen Arena-Zeiten wie ein Relikt längst untergegangener Fußballkultur. Johnny Haynes, George Best und Bobby Moore spielten hier. Später verteidigte Edwin van der Sar das Tor - und natürlich Sascha Riether, Baby. Das Stadion liegt am Rande eines schönen Parks direkt an der Themse. Befreiungsschläge schwimmen hier des Öfteren  flussabwärts. 

Nach dem Spiel wie vor dem Spiel ist unbedingt der Mini-Pub »The Eight Bells« leerzutrinken. Der Nachteil ist nur, dass dort Kartenzahlung möglich und damit ein Fass ohne Boden die logische Folge ist. Nur so ist es zu erklären, dass Lukas irgendwann mitsamt Wohnungsschlüsseln blindlinks in Richtung Zimmer aufbrach, Niko und ich später per Räuberleiter auf die Veranda des ersten Stocks kletterten und durch das Badezimmerfenster in die Wohnung einstiegen. Angeblich wurden zum gleichen Zeitpunkt auch die Essensvorräte des Airbnb-Reihenhauses verzehrt. Angeblich.

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