Zu dieser Zeit verbrachte ich oft die Ferien bei meiner Großmutter, die in Gießen wohnte. Just in der Woche, in der ich dort war, hatte Uwe Bein seinen ersten Einsatz für den VfB. Mit meinem Cousin und meinem Bruder ging ich zum Sportplatz, um den großen Uwe noch einmal spielen zu sehen. Ach, Uwe. Nach der neunzigtägigen Sperre, die Bein wegen seiner Reamateurisierung absitzen musste, spielte er gegen eine Mannschaft namens FSC Lohfelden. Er schnibbelte einen Freistoß an die Latte, seine Pässe schwirrten durch das gegnerische Mittelfeld wie Gewehrkugeln, Bein schoss ein Tor und bereitete ein weiteres vor, Gießen gewann 4:1. Aber so wie früher war es nicht. Die Gegner waren langsam und Bein war es auch. Es nieselte, der Sportplatz war schäbig und alles um uns atmete den miefigen Wurstbudendunst deutscher Oberligen. »ran« war vor Ort, um das Spektakel zu filmen und den angegrauten Meister nach Spielschluss zu interviewen. Während des Interviews stand ich in einem Pulk drängelnder Kids neben ihm, geblendet vom Licht der Kamera, und war zu gleichen Teilen demütig und ernüchtert.
Eine heilsame Lektion
Uwe war alt geworden. Er schnaufte, rieb sich den Schweiß aus dem Schnäuzer und wirkte, als wäre er eigentlich lieber zuhause auf dem Sofa. Ich bat ihn um ein Autogramm. »Uwe?« »Ja?« »Ach, nichts.« Das war nicht mehr mein Uwe. Wir verließen den Fußballplatz und traten einen Heimweg an, auf dem wir sehr still waren. Uwe Bein, dachte ich, ist kein Superheld. Superhelden gibt es nicht und der Fußball ist manchmal böse und gemein, ganz ohne Grund. Es würde aber trotzdem alles weitergehen, irgendwie. Eben ohne Uwe, aber das war schon in Ordnung. In diesem Sinne ist der Transfer von Uwe Bein zum VfB Gießen nicht mein Lieblingstransfer, aber wichtig für mich war er allemal. Eine heilsame Lektion, die mich auf finstere Jahre mit der Eintracht vorbereitete. Uwe Bein war das fleischgewordene »Lebbe geht weida«, von dem Dragoslav Stepanovic ein paar Jahre vorher gesprochen hatte. Und es war ok.
Viel später erst erfuhr ich, warum Bein zum VfB Gießen und eben nicht zurück zur Frankfurter Eintracht gewechselt war. Die Führung der Eintracht hatte Bein für die Zeit nach der Karriere eine Stelle im Fanshop angeboten, während er bei den kleinen Gießenern einen Repräsentantenjob in einer Baufirma bekam. Was immer das auch ist. Aber Uwe Bein, der Weltmeister, der Spielmacher, mein Superheld, T-Shirt-faltend im Fanshop? Eine Respektlosigkeit. Auch wenn ich wahrscheinlich hingefahren wäre, um mir bei ihm ein neues Trikot zu kaufen. Natürlich mit der »10«.