Es war das erste Mal, dass ich als Fan – ich erlebte gerade meine dritte Saison – eine Ahnung davon bekam, was Jubeln bedeutet. Es war beinahe egal, dass der HSV zum Ende der Saison wieder mal einknickte und nur Fünfter wurde. Furtok, Doll und vor allem Nando hatten mir die Saison meines Lebens beschert.
Danach, in der Saison 1991/92, begann das Grauen: Die Mannschaft schied in der zweiten DFB-Pokal-Runde aus, im Uefa-Cup-Achtelfinale blamierte sie sich gegen Sigma Ölmütz und in der Liga stand sie nach 17 Spieltagen auf Platz 14. Ohne Thomas Doll, der für 16,5 Millionen Mark zu Lazio Rom gewechselt war, lief nichts mehr, und Nando schien komplett verwirrt, denn er hatte auf einmal einen Konkurrenten: Herbert Waas. Der traf zwar ebensowenig das Tor wie Nando, doch das war den Trainern Gerd-Volker Schock und Egon Coordes egal.
»Beim HSV hat man mich fertig gemacht!«
Nando nörgelte immer häufiger an der angeblich konzeptlosen Vereinsführung, der schwierigen deutschen Sprache und dem nasskalten Hamburger Wetter rum. Sein letztes Spiel für den HSV machte er am 9. Mai 1992 gegen Hansa Rostock. Coordes wechselte Nando in der 54. Minute für seinen Landsmann Luiz Firmino Emerson aus, der acht Minuten später das 1:0-Siegtor machte und den HSV so vor dem Abstieg rettete. Nando verließ Hamburg in Richtung Brasilien, wenige Monate nach seiner Rückkehr sagte er: »Beim HSV hat man mich fertig gemacht.«
Ich vergaß Nando. Ein bisschen jedenfalls.
Denn irgendwann berichteten verschiedene Zeitungen, dass Nando während seiner Zeit in Hamburg Geld in seiner Wohnung versteckt hatte, weil er den Banken nicht traute oder Angst vor dem Finanzamt hatte. Es soll sich um 100.000 Dollar gehandelt haben. Das Dumme: Er hatte das Geld in eine Mauer einbetoniert, und als er es bei seiner Abreise herausklopfte, fielen ihm verschimmelte Papierschnipsel entgegen.
An einem Tag im Januar 2012 las ich erneut von der Geschichte. Nicht verwunderlich, denn sie befindet sich in nahezu jedem Bundesliga-Rückblick und jeder gut sortierten Anekdoten-Klolektüre. An jenem Tag saß in unserem Bürozimmer ein Mitarbeiter, der außerordentlich gut portugiesisch sprach. »Kennst du Nando?«, fragte ich. »Der vom HSV oder der von Hertha?«, antwortete er. Der Mann wusste Bescheid. Also vereinbarten wir, dass er sich auf die Suche nach Nando machen sollte.
»Diese Geschichte ist erstunken und erlogen!«
Ein paar Wochen später erhielt der Mitarbeiter über acht Ecken und siebzehn Berater tatsächlich einen Kontakt zugesteckt. Also rief er Nando an. Ich verstand »Onze Amigos« und danach nicht mehr viel. Doch die Stimme von Nando klang schön, ein wenig rau und nach Abenteuer, er hatte seit seiner Flucht aus Hamburg sicherlich viele Superheldentaten in Brasilien vollbringen und Gerechtigkeitskämpfe im peruanischen Bergland fechten müssen.
Nando kannte die Geschichte über die 100.000 Dollar natürlich. Er lachte, und vielleicht lehnte er sich dann zurück und steckte sich eine Havanna an. Er pausierte jedenfalls. Dann sagte er: »Leider muss ich Sie enttäuschen: Diese Geschichte ist erstunken und erlogen. Mit meinem Geld weiß ich Besseres anzufangen.« Dann legte er auf.