Mein Lieblingstransfer: Nando

Der Brasilianer in der Betonschüssel

In unserer neuen Serie »Mein Lieblingstransfer« erzählen 11FREUNDE-Mitarbeiter von, richtig, ihren Lieblingstransfers. Heute: Wie der Brasilianer Nando ins nasskalte Hamburg kam und HSV-Fan Andreas Bock von der großen weiten Welt träumen ließ.

Irgendwann Ende 1989 erhielt Juan Figer einen Anruf aus Hamburg. Am Apparat war Südamerika-Experte Wolfgang Kuhlmann. Er bat Figer um Rat und fragte: »Der HSV sucht einen Stürmer! Hast du einen?«
 
Figer lehnte sich zurück und blickte über seinen großen Schreibtisch über die Dächer von São Paulo. Vielleicht zog er dabei an einer dicken Havanna, vielleicht strich er sich durch das schüttere Haar. »Nando!« sagte er, »Nando! Das ist ein Mann für die Bundesliga!«

Der Kugelblitz aus Brasilien
 
»Figer ist der mächtigste Mann Südamerikas«, berichtete die »Sportbild« wenige Wochen später. »Sie nennen ihn ›Kugelblitz‹ – sein Bauch ist sein Markenzeichen.« Er hatte in den achtziger Jahren seine Finger in nahezu allen Südamerika-Transfers. Ohne Figer wäre etwa Diego Maradona nie von den Boca Juniors zum FC Barcelona gewechselt. Nun sollte also Nando sein Glück in Europa versuchen. Er kostete 750.000 Mark Ablöse.
 
Mit seinem vorigen Klub, Flamego Rio de Janeiro, hatte Nando im Maracana gespielt, dem damals größten Fußballstadion der Welt. Er hatte 17 Tore in 24 Spielen gemacht, und er sah ein wenig aus wie ein südamerikanischer Guerillero: dichtes, halblanges Haar, Dreitagebart, hellbraune Haut, verwegener, aber gutmütiger Blick. Und dann dieser Name: Fernando Pereira de Pinho Junior. Außerordentlich wohklingend.

»Wir sind Zweiter!«
 
Sein ehemaliger Flamengo-Mitspieler Jorginho von Bayer Leverkusen versprach nach Nandos Ankunft: »Der ist so gut, der wird es überall schaffen!« Und Nando selbst sagte »Ja«, »Nein« und »Guten Tag!«. Auf die Frage eines Journalisten, welchen Tabellenplatz der HSV gerade belege, antwortete er: »Wir sind Zweiter!« Er lag knapp daneben, der HSV war in jenem Winter Vierzehnter – und steckte mal wieder knietief im Abstiegskampf.
 
Am 24. Februar 1990 war es so weit. Nando debütierte in der Bundesliga gegen Bayer Uerdingen. 14.146 Zuschauer hatten sich in der grauen Betonschüssel im Volkspark verirrt, um den Zauberer vom Zuckerhut zu sehen. Er zerlegte die Krefelder beinahe im Alleingang: Zwei Tore, zwei Vorlagen, am Ende stand es 6:0, und selbst die härtesten Westkurven-Kanten nickten anerkennend: »Kann was, der Brasilianer!«
 
Am nächsten Spieltag traf Nando erneut. Das machte: Drei Tore in zwei Spielen. Ich errechnete die Torquote, die er bei anhaltender Treffsicherheit am Ende der Saison erreichen würde, ich imitierte seinen Torjubel, ließ mir die Haare wachsen und versuchte mir einen Dreitagebart stehen zu lassen – doch mir wuchs nur ein leichter Flaum auf der Oberlippe, Modell Olaf Thon. Ich war 13 Jahre alt.

Die polnisch/brasilianische Freundschaft
 
Nandos Stern ging eigentlich erst in der Saison 1990/91 auf. Mit Jan Furtok und Thomas Doll bildete Nando das magische Dreieck der HSV-Offensive – lange vor Giovane Elber, Fredi Bobic und Krassimir Balakov. Doll wirbelte, flankte, legte auf, legte ab, und Nando und Furtok netzten ein. 31 Tore gingen auf das Konto der polnisch/brasilianischen Freundschaft.
 
Der HSV spielte plötzlich um die Meisterschaft mit, Nando traf gegen die Bayern, er schoss zwei Tore gegen den FC St. Pauli und machte drei Buden gegen den BVB. Danach lief er los, mit wehendem Haar, verschwitztem Bart, das Trikot hing ihm aus der Hose. Ich wäre ihm überall hin gefolgt, in den brasilianischen Dschungel oder auf die bolivianische Hochebene, den Kampf für die Gerechtigkeit hätten wir gemeinsam gewonnen. Doch Nando rannte nur zum Zaun und ließ sich von den Fans feiern.

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