Mein Lieblingstor (5): Jürgen Klinsmann vs. Bolivien

Erlösung durch das Flippertor

Die Erwartungen an das Eröffnungsspiel der WM 1994 waren riesig: Als Weltmeister musste Deutschland gegen Bolivien antreten. Klinsmanns popliges 1:0 zum Pflichtsieg verkörpert den fußballerischen Initiationsritus von 11FREUNDE-Autor Gareth Joswig. Mein Lieblingstor (5): Jürgen Klinsmann vs. Bolivien

»Wir sind über Jahre hinweg unschlagbar!«, verkündete Franz Beckenbauer per kaiserlichem Erlass anno 1990 nach dem WM-Finalsieg von Rom. Die der politischen Wiedervereinigung folgende Zusammenführung der beiden deutschen Nationalmannschaften ließ kein Zweifel: Die deutsche Mannschaft war nunmehr für alle Zeiten unbesiegbar. Dass sich Lichtgestalt Beckenbauer nach dem Spiel, euphorisiert von Endorphinen und wohl auch ein wenig Alkohol, mit weit aufgerissenen Augen zu dieser Aussage hinreißen ließ, stellte sich im Nachhinein als schwere Bürde heraus. Die kaiserliche Sentenz entpuppte sich schlussendlich leider als Unwahrheit. Was in der Erinnerung dann doch stark nach Christoph Daums »Ich habe ein absolut reines Gewissen«-Pressekonferenz klingt.

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Auch ich war im Vorfeld der WM 1994 in den USA als Achtjähriger nicht vor den zu hoch gesteckten Erwartungen gefeit: Das Deutschlandtrikot mit dem kühnen Design war gekauft, das WM-Turnier schon zahlreiche Male auf dem Bolzer durchgespielt. Mein Vater erklärte mir, was das Wort Titelverteidigung bedeutet und meine doppelten Panini-Sticker hätten locker zwei weitere Sammelalben füllen können – das freche Grinsen von Christian Ziege hatte ich langsam satt.

Es lag ein 8:0 in der Luft

Für das Eröffnungsspiel der deutschen Elf durfte ich länger aufbleiben und konnte erstmals an einem feucht-fröhlichen Fußballabend partizipieren, bei dem sich nach und nach Freunde der Familie um den viel zu kleinen Wohnzimmertisch drängten. Dass die Erwartungen an die bevorstehende WM hoch waren, konnte man an den zuversichtlichen Tipps ablesen, die für einen Heiermann in der eigens organisierten Wettkasse schriftlich abgegeben worden waren: 3:0, 4:0, 5:1. Auch der Aufstellung nach hatte Deutschland schon vor dem Spiel gewonnen: Mit Illgner, Matthäus, Kohler, Berthold, Brehme, Möller, Hässler, Riedle und Klinsmann traten neun Weltmeister gegen bolivianische No Names an: Baldivieso, Quinteros und sogar ein Sandy ließen sich auf bolivianischer Seite dem Spielberichtsbogen entnehmen. Sandy... Ich tippte kernig auf ein handfestes 8:0 für uns!

In der Mittagshitze von Dallas entwickelte sich vor 63.117 Zuschauern jedoch ein eher dröges Spiel – Deutschland wirkte behäbig und Bolivien spielte bolivianisch. Als Bolivien obendrein zu einigen Chancen kam, wurde allen klar, was in der Luft lag: Favoritensterben! Ich konnte zu Hause beobachten, wie analog zur deutschen Leistung aus zuversichtlichen und optimistisch beschwingten Männern auf einmal nervöse Wracks wurden. Nägelkauend wurden abwechselnd Hasstiraden auf Andy Möller losgelassen oder auf Bodo Illgner herumgehackt. Aus weltmeisterlichen Halbgöttern wurden innerhalb von 50 Minuten überbewertete Weicheier, die nicht dazu in der Lage waren, gegen die vom Genpool der Außenwelt abgeschnittenen Andenkicker Tore zu schießen.

Erlösung brachte erst die 61. Minute: Nach einem hohen 50-Meter-Pass von Lothar Matthäus über die gegnerische Abwehr konnte Thomas Häßler vom schlechten Stellungsspiel des bolivianischen Schlussmannes profitieren. Der Keeper mit dem Namen Carlos Trucco rutschte zudem noch aus, obwohl der Rasen bei der Hitze nicht nass sein konnte. Der Ball prallte von Ickes Brust ungewollt weit ab, doch glücklicherweise war Klinsmann mitgelaufen und konnte ins leere Tor abstauben. Ein beliebiges Tor, ein Flippertor, hässlich wie die Nacht und unspektakulär in der Durchführung. Und doch ist es mein Lieblingstor. Es ist das erste, an das ich mich erinnern kann.



Meine Erinnerungen an den lapidaren Treffer wurden deshalb unsterblich, weil sich im heimischen Wohnzimmer unglaubliche Szenen abspielten: Die im alltäglichen Leben eigentlich ausgeglichen wirkenden Freunde und Nachbarn schrien aus voller Kehle mit sich überschlagender Stimme, dass mir beinahe das Trommelfell platzte. Einer kippte Bier über unserem Perserteppich aus – selbst meiner Mutter war das in diesem Moment egal – mein Vater tat das Gleiche. Ausgelassenheit! Freudentaumel! Erleichterung! Klinsmanns Jubellauf mit ausgestreckten Armen bleibt auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt. Die erwachsenen Männer um mich herum waren von einem Moment auf den anderen von missmutigen Nervenbündeln zu jubelnden, tanzenden Kindern mutiert – plötzlich wurde ich vom ansonsten eher in sich gekehrten Wolfgang von gegenüber überschwänglich gepackt, hochgehoben und durch die Luft gewirbelt.

Die Allheilkraft des Fußballs

In jenem Moment im Juni 1994 strahlte der Fußball eine Allheilkraft aus, die mich seither in wichtigen Momenten immer wieder beschleicht und mich an jenen Moment zurück fühlen lässt. Deswegen bin ich dem oft wegen seiner eigenwilligen Technik »Flipper« genannten Jürgen Klinsmann für diesen Siegtreffer zum 1:0 ewig dankbar. Zur Ehrenrettung des Flippers sei allerdings gesagt, dass er eine hervorragende WM spielte, in deren Verlauf er auch technisch anspruchsvollere Treffer als mein Lieblingstor erzielte.



Dass die Bulgaren um Christo Stoichkov und Jordan Letchkov im Viertelfinale meinem Ausflug in die Glitzerwelt des Fußballs ein allzu jähes Ende bereiteten, tut heute nicht mehr weh. Durch Klinsmanns Treffer blieb die Erkenntnis, wie der Fußball in der Lage ist, binnen 90 Minuten die volle Klaviatur der Emotionen auszureizen und dabei kathartische Kräfte freizusetzen. Und, auch das eine wichtige Randnotiz in meiner kindlichen Entwicklung: Selbst die weisen Worte eines Kaisers müssen nicht immer richtig sein.

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