Mein Lieblingstor (4): Sergej Juran vs. Trabzonspor

Höhepunkt des Fußballwunders

In unserer Serie »Mein Lieblingstor« erinnern sich 11FREUNDE-Redakteure an die schönsten Tore, die sie jemals sahen. Heute: Sergej Jurans Hackentreffer für den VfL Bochum gegen Trabzonspor, den Christoph Biermann immer noch kaum fassen kann. Mein Lieblingstor (4): Sergej Juran vs. Trabzonspor

Nicht zu fassen, 14 Jahre ist das schon her! Dabei wehen die Sprechchöre der Bochumer Fans und die aufgeregten Repliken der Anhänger von Trabzonspor hinüber bis ins Heute. Noch immer liegt jener ferne Herbstnebel von damals frisch über den Bildern des Heimspieldebüts des VfL Bochum im Europapokal. Am vorletzten Septembertag des Jahres 1997 darf man zum ersten Mal auf der Osttribüne des Ruhrstadions nicht stehen. Staunend beschauen die Dauerbesucher der Fankurve die Sitzschalen auf ihren Plätzen, und kopfschüttelnd sehen sie ihr Team im absurden Trikot mit den Regenbogenfarben.

Doch ist weder die Gelegenheit, sich dem Zauber eines Anfangs im internationalen Fußballs noch dem Ärger über die Beugung der Vereinsfarben hinzugeben, denn gegen die Türken von der Schwarzmeerküste muss ein 1:2-Rückstand aus dem Hinspiel aufgeholt werden. Schon bald allerdings entpuppt sich das Spiel als eines, das mehr ist als eine Aufholjagd. Es ist ein Wunder, das alle Wunder der vorangegangenen Monate noch einmal in 90 Minuten komprimiert.

Toppmöller: Der Malboro-Raucher mit der Pudelfrisur

Unglaublich war der Weg bis hierhin, der fast drei Jahre zuvor mit einem Abstieg begonnen hatte. Als Klaus Toppmöller im November 1994 nach Bochum kam, war es schon zu spät, die zweite Liga noch zu verhindern. Aber im Sommer 1996 kehrte er mit dem VfL nicht nur direkt in die Bundesliga zurück, der Marlboro-Raucher mit der Pudelfrisur hatte unterwegs nicht weniger als den Klub neu erfunden. Aus den Trümmern eines überholten Renner-, Kämpfer- und Klopperfußballs erstand eine Mannschaft von spielerischer Eleganz und taktischem Geschick, wie man sie in Bochum so noch nie gesehen hatte.

Im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg wurde die Mannschaft um Dariusz Wosz, Tomasz Waldoch oder Thomas Stickroth  unglaublicher Fünfter in der Bundesliga. So gut hatte der VfL Bochum in seiner Vereinsgeschichte noch nie abgeschnitten, und das war kein Zufall. Denn Klaus Toppmöller war einer der größten Instinkttrainer, den die Bundesliga gesehen hat. Ein Coach mit Spielernatur, der die schönen Seiten des Spiels liebte und aus dem Bauch heraus Mannschaften eher improvisierte als konzeptionierte. Mit Eintracht Frankfurt hatte er so fast die Meisterschaft gewonnen und mit Bayer Leverkusen beinahe Pokal, Meisterschaft und Champions League in einem Jahr, um letztlich aber mit leeren Händen dazustehen.

Doch in Bochum verpasste er nichts, sondern gewann mehr als je erwartet und pflegte seine Vorliebe für besondere Spieler, auch oder gerade wenn sie als schwierig galten. Auf Sergej Juran traf das sicherlich zu. Der Ukrainer hatte, als er in Portugal spielte, betrunken einem Autounfall verursacht und Fahrerflucht begangen. Danach war er von Spartak Moskau zu Millwall und Fortuna Düsseldorf herumgereicht worden, den Wodka immer im Gepäck. In Düsseldorf hatte Toppmöller den kapriziösen Künstler mehrfach zu Hause besucht. Allerdings immer angemeldet, wie er sich hinterher vorhielt, weil dann natürlich Apfelschorle auf dem Tisch stand. Aber es eben doch kein Fehler, ihn zu verpflichten, obwohl Juran später auch in Bochum betrunken Auto fuhr, erwischt und suspendiert wurde. Der arme Co-Trainer Ralf Zumdick musste wochenlang mit ihm Einzeltraining absolvieren und durch den Wald laufen, weil Juran sein Recht auf Training eingeklagt hatte.

Juran: Ein lässiger Techniker von hohen Gnaden

Doch allein dieser eine Moment war all das wert, wenn wir heute noch einmal das Spiel gegen Trabzonspor durch die Jahre hinweg anschauen, in dem Thomas Stickroth nach gut zwanzig Minuten das 1:0 erzielt, der gefährliche Missé-Missé aber keine zehn Minuten später ausgleicht und damit die Ouvertüre gespielt ist. Kurz vor der Halbzeit spielt Abwehrchef Waldoch den Ball mit dem Außenrist auf den linken Flügel zu Thomas Reis. Der flankt halbhoch an den Rand des Fünf-Meter-Raum und da ist dann Sergej Juran, und was immer ihm der Alkohol in all den Jahren angetan hat, jetzt spielt es keine Rolle. In diesem Moment ist er ein abgebrühter Stürmer, ein Spieler mit Chuzpe und ein lässiger Techniker von hohen Gnaden. Und wenn wir heute darauf schauen, wie er in die Flugbahn springt und den Ball in der Luft mit der linken Hacke um das rechte Bein herum ins Tor spielt, ist das immer noch verblüffend, aber damals war es mehr als das. Heute spielen all die Zauberkicker der Champions League den Ball mit der Hacke oft wie selbstverständlich weiter, damals war es der exzentrische Akt eines Freigeists und Höhepunkt all der kleinen Bochumer Fußballwunder.

Nur eines passt an diesem Tor nicht. Es war der zweite Bochumer Treffer des Abends ist und nicht der dritte, vierte oder gar fünfte, die in Unterzahl aus einem fast schon ekstatischen Spielrausch geschossen wurden, nachdem der Bochumer Waldoch kurz vor der Halbzeit vom Platz gestellt wurde. Was das Drama aber nicht beendete, weil Trabzonspor von 5:1 noch auf 5:3 verkürzte, einen vierten Treffer zu Unrecht aberkannt bekam und unsere Herzen wild klopften – bis heute.

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