Mein Lieblingstor (2): Socrates vs. UdSSR

Der mit dem Ball sprach

In unserer Serie erinnern sich 11FREUNDE-Redakteure an die schönsten Tore, die sie jemals sahen. Heute blickt Dirk Gieselmann zurück auf einen Treffer von Socrates. Aber war es wirklich nur einer? Oder waren es viele? Gieselmann entscheidet sich für: ALLE! Mein Lieblingstor (2): Socrates vs. UdSSR

Es tut mir leid. Ich kann mich nicht für ein Tor entscheiden. Es fällt mir so schwer, als müsste ich mich für die beste Folge von »The Wire« entscheiden, das beste Solo von John Coltrane oder das beste Glas »Auchentoshan«-Whisky aus ein und derselben Flasche. Deswegen wähle ich sie alle. Alle Tore von Socrates.

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Ach, Socrates. Brasilianischster Brasilianer. Weltbrasilianer. Universaler Brasilianer. Ewige Symbolfigur für eine Zeit, da Fußball noch keine Disziplin der Leichtathletik war. Keine Werbeunterbrechung. Auch keine Wissenschaft. Sondern Kunst. Für nichts gut, außer für sich selbst.

Und jedes seiner Tore war ein Pinselstrich in einem niemals trocknenden Fresko, ein Buchstabe in einem kontinuierlichen Gedicht, eine Note, die nachts um halb vier auf eine Weise aus dem Saxophontrichter perlt, dass die Leute nur wegen ihr beschließen, nie wieder nach Hause zu gehen.   

Socrates trug seinen Namen so mühelos, als hieße er Bernd

Socrates: Welche Last seine Eltern ihm mit diesem Namen aufgebürdet haben! Und er trug sie so mühelos, als hieße er Bernd. Welche Anmut! Stirnband umbinden, Vollbart stehen und die Stutzen hängen lassen – und dann hinaus laufen in die ewige Sonne der Achtziger Jahre, gewinnen oder verlieren, war das nicht egal? Socrates war grandios, auch im Scheitern. Er wurde niemals Weltmeister. Guido Buchwald schon.

Schön ist es nicht, aber ich muss es erwähnen: Socrates hing an der Flasche. Er konnte sich auch nicht entscheiden, welches Glas denn jetzt das beste sei. Deswegen trank er sie alle, schon während seiner Karriere. Den Preis zahlt er heute: Leberzirrhose, Magenblutungen. Es steht nicht gut um Socrates.

Ein Dinosaurier, der in sein eigenes Aussterben hineinhorcht

Der Vollbart ist längst licht, das Stirnband vergilbt. Wie ein Dinosaurier sitzt Socrates in Sao Paolo und horcht in sein eigenes Aussterben hinein. Und das des Fußballs, den er einst spielte. Es ist ein Jammer. Diesmal wäre es nicht egal, wenn er verlieren würde.

Nostalgie, so heißt es, ist die Trauer darüber, dass etwas nicht mehr so ist, wie es niemals war. Denke ich an Socrates, werde ich also keineswegs nostalgisch. Denn es gab ihn ja wirklich: den Riesen, der keine Technik besaß, weil er keine brauchte. Er sprach mit dem Ball. Der Ball sprach mit ihm.

Wie damals, bei der WM 1982, eines Sommerabends in Sevilla. Brasilien-UdSSR 2:1, Ausgleich durch Socrates in der 75. Minute. Wenn ich ein Tor auswählen müsste, dann wäre es wohl dieses.



Nein, nostalgisch werde ich nicht. Aber traurig. Es ist nicht mehr so, wie es damals war. Auf Wiedersehen, Socrates.

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